"Atomares Netzwerk umfasst das ganze Land"

Ex-Premier Kan erhebt schwere Vorwürfe gegen japanische Atomindustrie

"In Japan gibt es seit langem - vor allem in den letzten zehn, zwanzig Jahren - vielerlei Formen der Unterdrückung von Äußerungen in Bezug auf die Gefahren der Atomenergie." In einem Exklusiv-Interview für das ZDF erhebt der ehemalige japanische Premierminister Naoto Kan ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima schwere Vorwürfe gegen die Atomindustrie seines Landes.

Naoto Kan
Naoto Kan Quelle: reuters

Schon seit langem seien in Japan Politik und Atomindustrie eng verflochten, Kritik und Zweifel seien im Keim erstickt worden. Wissenschaftler, die an der Sicherheit japanischer Atomkraftwerke Zweifel äußerten, verspielten damit ihre Karrierechancen.


Ein Geflecht aus Vertuschung, Herunterspielen von Risiken und der Verzicht auf nötige Sicherheitsmaßnahmen seien der Katastrophe von Fukushima vorausgegangen und dieses Geflecht bestehe weiter, so Naoto Kan, der das Land damals durch seine schwerste Krise nach dem zweiten Weltkrieg führte.

Mit dem "Atomdorf" angelegt

Er wurde zum Rücktritt gezwungen, weil er sich mit dem "Atomdorf" angelegt hatte, jenem Netzwerk aus Atomindustrie, Politikern und anderen Strippenziehern, die den ungebremsten Ausbau der Nuklearindustrie durchsetzen wollen, koste es, was es wolle.

Wäre die Katastrophe, die sich am 11. März 2011 im Kernkraftwerk Fukushima ereignete, vermeidbar gewesen? Die Äußerungen des japanischen Ex-Premierministers legen eine solche Schlussfolgerung nahe. Ursprünglich sei geplant gewesen, das Atomkraftwerk auf einer Anhöhe von 35 Metern über dem Meeresspiegel zu bauen. Aus Gründen wirtschaftlicher Effizienz habe man jedoch die Erde auf eine Höhe von zehn Metern über dem Meeresspiegel abgetragen, denn sei es einfacher gewesen, Kühlwasser aus dem Meerwasser zu pumpen, erläutert Naoto Kan gegenüber dem ZDF.

"Nicht eine Minute funktioniert"

Doch genau die niedrige Lage erlaubte das ungebremste Eindringen der Riesenwelle, die dem schweren Beben an jenem Märztag folgte und die schließlich die Notstromaggregate und damit die Kühlsysteme außer Kraft setzte. Auch die Notfallzentrale, die sich fünf Kilometer von Fukushima entfernt befand, sei nicht auf die Katastrophe vorbereitet gewesen und habe, so der ehemalige Regierungschef, "nicht eine Minute funktioniert". Er selbst habe so gut wie keine Informationen über die Zustände in den havarierten Reaktoren erhalten, erst im Fernsehen erfuhr er von der schweren Explosion. Dass es bereits am Abend des 11. März zur Kernschmelze, also zum Super-Gau gekommen war, verschwiegen sowohl die Betreiberfirma TEPCO als auch die japanische Atomaufsichtsbehörde.




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