"Auf Menschenverstand setzen“

Wirtschaftswissenschaftler hinterfragt Sanierungsboom

Harald Simons ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Vorstandsmitglied der Empirica AG, die die Wohnungswirtschaft berät. Er sieht den Trend zur energetischen Sanierung kritisch. Im Interview mit ZDFzoom empfiehlt er: Bloß nicht zu viel sanieren!

ZDFzoom: Gebäudesanierung ist gefragt wie nie. Schlägt sich das auch in den Preisen nieder?

Harald Simons: Ja, energetische Sanierung ist viel teurer geworden. Seit dem Jahr 2000 hat sich der Einbau eines Brennwertkessels durchschnittlich um 40 Prozent verteuert. Ähnlich gestiegen sind die Kosten für das Einbringen einer Dämmschicht. Bei Rohrdämmungen wurden sogar 50 Prozent draufgeschlagen. Das ist weit mehr als der allgemeine Preisanstieg.

ZDFzoom: Trotzdem gibt es einen regelrechten Sanierungsboom...

Simons: Das hat mehrere Gründe: Zum einen hält die Politik das Thema aktuell, indem sie ständig schärfere gesetzliche Regelungen erlässt. Dadurch erfährt die Gebäudesanierung auch in den Medien immer wieder große Aufmerksamkeit. Außerdem kurbelt die staatliche Förderung die Nachfrage an. Sanierer können sich bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zu niedrigen Zinsen Geld leihen und bekommen sogar noch einen Zuschuss.

ZDFzoom: Lohnt es sich also, jetzt zu sanieren?

Simons: Bei dieser Frage sollten Sie sich vor allem auf Ihren gesunden Menschenverstand verlassen. Wenn Sie ohnehin umbauen wollen – wenn zum Beispiel die Fenster kaputt sind oder Ihnen einfach nicht mehr gefallen – dann entscheiden Sie sich ruhig für dreifach verglaste Fenster. Aber gut funktionierende Bauteile auszutauschen, die vielleicht erst wenige Jahre alt sind und keine Probleme machen, davon kann ich nur abraten.

ZDFzoom: Sollte man in Zweifelsfällen einen Energieberater einschalten?

Simons: Es muss nicht immer ein Energieberater sein. Vertrauen Sie lieber sich selbst. Wenn Sie zum Beispiel kühl schlafen und im Schlafzimmer nicht heizen, dann lohnen sich hier auch keine dreifach verglasten Fenster. Energieberater suggerieren in der Regel Energieeinsparungen, die nicht realistisch sind. Das liegt daran, dass meist der tatsächliche Energieverbrauch in einem Haus ignoriert wird. Stattdessen gehen viele Berater in ihrer Berechnung davon aus, dass das Haus das komplette Jahr über durchgehend geheizt wird. Solche Rechnungen sind Quatsch.

ZDFzoom: Also lässt sich auch mit wenig Geld Energie sparen?

Simons Eindeutig ja. Die Tür zum kalten Flur zu schließen, ist meist die effektivste Energiesparmaßnahme von allen. Noch eine Faustregel zur energetischen Sanierung: Was kaputt ist, fliegt raus und wird hochwertig saniert – was noch funktioniert, bleibt drin. Das mag sich primitiv anhören, funktioniert aber.

Die Fragen stellte Jan Fritsche.

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