Böse Mine - gutes Geld

Das schmutzige Geschäft mit der Kohle

Mit dem Atom-Ausstieg Deutschlands steigt der Bedarf an Steinkohle. Doch die letzten deutschen Zechen werden 2018 schließen. Schon jetzt importieren die Stromkonzerne rund 75 Prozent der Steinkohle aus dem Ausland. Deren Abbau verursacht dort jedoch gewaltige Umweltschäden.

In den USA werden ganze Berge weggesprengt, in Kolumbien ermorden Paramilitärs Bauern, die gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen protestieren, in Russland steigt die Sterblichkeit in den Kohlegebieten um 20 Prozent und in Südafrika wird das ohnehin schon knappe Grundwasser vergiftet.

Deutschland aber wird wieder zum Steinkohleland. Was auf den ersten Blick kaum zu glauben ist – schließlich redet ganz Deutschland von Energiewende und Klimawandel – stimmt trotzdem. Denn Ausstieg aus der Atomenergie, das bedeutet auch: Deutschland hungert nach Steinkohle. In Hamm, Karlsruhe, Hamburg, Wilhelmshaven, Duisburg und Lünen gehen derzeit Steinkohlekraftwerke mit zusammen fast 5300 Megawatt ans Netz. Das ist mehr „neuer“ Kohlestrom in einem Jahr als in den letzten 20 Jahren zusammen. Und das, obwohl die letzten deutschen Steinkohle-Zechen 2018 dicht machen.

Lieferanten werden nicht verraten

Schon jetzt importieren RWE, EON, STEAG, EnBW und Vattenfall rund 75 Prozent der Steinkohle aus dem Ausland, bald werden es 100 Prozent sein. Aus welchen Minen genau die großen Energieerzeuger ihre Kohle weltweit beziehen, wollen sie nicht verraten. Sie begründen dies mit den vielen Stationen der Kohle auf dem Weg nach Deutschland und wettbewerblichen Gründen.

Dabei zeigen viel komplexere Branchen, dass es doch geht. H&M und Adidas zum Beispiel veröffentlichen alle ihrer mehr als 1000 Zulieferbetriebe. „Die Energieversorger hinterlassen einen ziemlich heftigen ökologischen Fußabdruck und verwischen den lieber, als sich der Verantwortung zu stellen“, sagt Sebastian Rötters von der Umweltorgansisation PowerShift.

Öko-Gau in den Appalachen

Die Vereinigten Staaten sind unser Kohlelieferant Nummer eins, die wichtigste Abbauregion für den Deutschland-Export die Appalachen. Paul Corbit Brown ist dort aufgewachsen: „Als ich ein Kind war, konntest du in West Virginia noch aus jedem kleinen Bach trinken. Du konntest Angeln gehen. Du konntest ein kleines Feuer machen und den Fisch direkt neben dem Fluss braten. Man musste sich keine Gedanken machen. Heute kannst du den Fisch aus dem Wasser nicht essen, du kannst das Wasser nicht trinken. An den meisten Stellen kannst du nicht einmal mehr im Wasser schwimmen“. Der Grund für diese gravierenden Umweltschäden liegt im speziellen Abbauverfahren in den Appalachen, dem Mountaintop Removal (MTR), auf Deutsch: Bergspitzenbeseitigung. Statt die Kohle unter Tage nach oben zu fördern, baut man die Kohle von oben ab, in dem man die Gipfel darüber wegsprengt.

West Virginia sieht deshalb in weiten Teilen so aus wie der Schwarzwald – nur ohne Bergspitzen. Doch der Schaden ist nicht nur oberflächlich. Durch den Tagebau werden giftige Metalle in die Bäche und Flüsse gespült. Feinstaub belastet die umliegenden Gemeinden. Nirgends in den USA sterben die Menschen früher. Es gibt überdurchschnittliche viele Geburtsfehler. „Alles spricht dafür, dass es durch etwas konkret vor Ort hervorgerufen wird. Und da kommt –das ist für mich offensichtlich- nur das Mountain-Top-Removal-Verfahren in Frage“, sagt Michael McCawley, Leiter der Abteilung Umweltmedizin am Universitätsklinikum von West Virginia. Seine Schlussfolgerung: „Die Kohle auf andere Weise abgebaut werden. Oder gar nicht.“

Blutige Kohle in Kolumbien

Auch in Kolumbien wird Steinkohle im Tagebau gefördert, 20-40 Euro kostet die Tonne. In Deutschland sind es 140 Euro. Die Umweltfolgen sind ähnlich gravierend. Doch fürchten viele nicht nur um ihre Gesundheit, sondern sogar um ihr Leben. Das gilt besonders für diejenigen, die sich den Konzernen in den Weg stellen. Gewerkschafter zum Beispiel, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen.

2800 ermordete Gewerkschafter in den letzten 25 Jahren, damit hält Kolumbien einen traurigen Weltrekord. Dem US-Kohlekonzern Drummond wird vorgeworfen, jahrelang die AUC, eine paramilitärische Einheit, finanziert zu haben, die nicht nur Minen und Bahnlinie von Drummond schützte, sondern gleichzeitig hunderte Morde beging und tausende Menschen vertrieb.Drummond selbst weist die Vorwürfe zurück und erklärt, Paramilitärs weder finanziert noch beschäftigt zu haben. Doch auch andere Zeugen bestätigen eine direkt Verbindung.

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