"Das ist Sklaverei auf Zeit"

Terre des Hommes kritisiert Situation in Indiens Textilfabriken

Schätzungsweise 120.000 junge Frauen sollen derzeit durch Knebelverträge gezwungen sein, über mehrere Jahre in indischen Textilfabriken zu schuften. Die Arbeitsbedingungen dort sind Barbara Küppers von "Terre des Hommes" schon lange ein Dorn im Auge. "Die Mädchen schuften fast völlig umsonst, dürfen die Textilfabriken nicht verlassen - das ist Sklaverei auf Zeit."

Barbara Küppers, Terre des Hommes
Barbara Küppers, Terre des Hommes


ZDFzoom: Drei Blusen und ein Kleid für knapp 75 Euro, alles "made in India". Wie kommt es, dass Kleidung so billig ist?


Barbara Küppers: Einer der Hauptgründe ist, dass die Menschen, die diese Sachen herstellen, vom Baumwollbauern bis zur Näherin in der Fabrik, fast nichts verdienen.



ZDFzoom: Wo sind die Hauptproduktionsorte in Indien?



Küppers: Vieles kommt aus dem Bundesstaat Tamil Nadu im Süden Indiens. In Tirupur, Coimbatore und Erode arbeiten ungefähr 500.000 Menschen in der Textilindustrie.
ZDFzoom: Welche Firmen sind dort vertreten?


Küppers: Tirupur ist einer der größten Textilstandorte der Welt. Fast alle Unternehmen lassen dort produzieren. Alle Markenunternehmen, die man in Europa und in den USA kennt, beziehen Ware von dort. Uns von Terre des Hommes macht eine Besonderheit sehr große Sorgen: Sklaverei auf Zeit.


ZDFzoom: Was genau bedeutet das?


Küppers: Das Schema nennt sich "Sumangali", das bedeutet auf Tamil "glückliche Braut" und bezeichnet letztlich das genaue Gegenteil davon: Junge Mädchen werden ausgebeutet. Sie bekommen Drei- oder Vierjahresverträge und das Versprechen auf einen Bonus am Ende dieser Zeit. In Wirklichkeit schuften sie fast völlig umsonst und sie dürfen das Gelände der Textilfabriken nicht verlassen.


ZDFzoom: Wie können wir in Deutschland daran etwas ändern? Was können die großen Modelabels dagegen tun?


Küppers: Die großen Unternehmen müssen ihre Lieferketten transparent machen: Sie müssen genau wissen, woher das Produkt kommt - und zwar vom Baumwollfeld über die Entkernung und Säuberung der Baumwolle, vom Spinnen und Bleichen bis hin zum Nähen. Handelsunternehmen, die dazu schweigen, machen sich in unseren Augen mitschuldig.

Die großen Labels sollten ihre Zulieferer auffordern, das "Sumangali-Schema" sofort abzustellen und auf normale Verträge umzustellen.Wer sich dazu überhaupt nicht äußert, sich gar nicht kümmert, der profitiert ganz einfach von dem System und trägt dazu bei, dass sich das nicht ändert.

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