"Der Druck nimmt zu"

Günter Wallraff über "Das Recht des Stärkeren"

Für die Dokumentation "Das Recht des Stärkeren" hat Günter Wallraff monatelang in deutschen Betrieben recherchiert. Sein Eindruck: Der Druck auf Arbeitnehmer nimmt zu. Wollten Chefs unliebsame Mitarbeiter loswerden, würden diese mitunter eingeschüchtert, gemobbt oder schikaniert.


ZDFonline: Für die Dokumentation "Das Recht des Stärkeren" haben Sie monatelang in deutschen Betrieben recherchiert, mit Betriebsräten und Mitarbeitern gesprochen. Was haben Sie bei Ihren Recherchen festgestellt?


Günter Wallraff: Ich habe festgestellt, dass solche Arbeitgeber und ihnen hilfreich zur Seite stehenden Anwälte ohne jede moralische Scham und mit kaum verhüllter Bereitschaft zum systematischen Rechtsbruch ihre Interessen gegen Beschäftigte und Betriebsräte durchzusetzen versuchen.

Mobbing ist dabei ein verbreitetes Kampfmittel. Damit zitiere ich Betroffene und ihre Gewerkschaftsvertreter. Mit Panikmache hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Nach einschlägigen Untersuchungen laufen jährlich zweistellige Milliardenbeträge für die Finanzierung von Mobbing-Folgekosten auf. Ein ganz erheblicher Teil davon muss für die gesundheitliche Versorgung der Opfer aufgewandt werden.



ZDFonline: Thema Einschüchterung/Druck auf Betriebsräte: Gibt es da ein bestimmtes Muster?
Wallraff: Das Muster zeigt alle Methoden der sozialen Isolierung: üble Nachrede, anonyme Drohungen, oft illegale Überwachung und das Streuen von Gerüchten, Schikanieren - auch der Familie -, rechtlich unhaltbare Abmahnungen und konstruierte Kündigungen unter Vorwänden. Ein einschlägiger Arbeitsgeberanwalt nennt diese Methoden zusammengefasst "das Hamsterrad".


ZDFonline: Nehmen das Einschüchtern und der Druck auf Arbeitnehmer zu?


Wallraff: Der Druck nimmt zu, weil Arbeitslosigkeit und Sozialschutz - ich nenne nur Hartz IV - die Lage der Beschäftigten bedrohen. Die Gegenwehr wird für sie schwerer. Eine wachsende Zahl von Unternehmern sehen darin offensichtlich einen Freifahrtschein für Willkür und Gewalt gegen ihre Beschäftigten.


ZDFonline: Was hat Sie bei Ihren Recherchen besonders überrascht bzw. erschreckt?


Wallraff: Neben dieser Rechtsbruch-Mentalität einiger Anwälte die Tatsache, dass sie von ihrer Branche nicht geächtet werden. Sie sind zwar immer noch eine Minderheit. Aber sie können einfach weitermachen, obwohl ihre Machenschaften einem wachsenden Kreis ihrer Kollegen nicht unbekannt sein dürften.


ZDFonline: Das neue Dokuformat ZDF.zoom hat sich zum Ziel gesetzt, genauer hinzuschauen, Hintergründe zu beleuchten, investigativ zu arbeiten. Wie wichtig ist diese Form des Journalismus in unserer Zeit?


Wallraff: Sie war immer wichtig. Vielleicht ist sie in Zeiten ausufernden Infotainments sogar noch wichtiger geworden, um zu verhindern, dass die Medienkonsumenten das ihnen vorgesetzte Infotainment für schonungslose Aufklärung halten.

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