Der Kampf „David gegen Goliath“

Wie eine kleine Gemeinde die Finanzwelt aufschreckte

In Parkes, einem 15.000-Seelen Ort in Australien, hat man vor ein paar Wochen Geschichte geschrieben. Hier ist etwas passiert, was vielleicht einmal weltweite Auswirkungen auf die Finanzwelt haben könnte. Deshalb bin ich hier.

Es ist muffig, heiß und stinkt – nach Männerschweiß, Hund und Schafscheiße. Es ist 32 Grad, Spätsommer in Parkes Shire, Neu Süd Wales, Australien. Mitten in der ausgedörrten Landschaft steht ein Stall aus Holz und Blech auf Stelzen, umgeben von Drahtverschlägen. Drum herum blöken Schafe, drei Hunde treiben bellend und beißend die gelb-braunen Leiber vor sich her, hoch auf eine Rampe, die in die Bretterbude hineinführt. Von drinnen hört man das Surren der elektrischen Schermesser, immer nur für einen kurzen Augenblick, dann folgt ein Poltern, gefolgt von einem Schleifgeräusch und am unteren Ende des Stalls schießt ein Schaf auf der Rutsche ins Gatter zurück.


Mitten im Stall steht ein zufriedener Ken Keith. Der Schafzüchter und Farmer strahlt, denn die Arbeit geht gut voran. 4000 Schafe hat er, doch jetzt stehen nur noch ungefähr zweihundert im Verschlag. Ken ist 57, grauer Vollbart, sonnengegerbte Haut, stämmiger Typ. Die Begrüßung ist australisch herzlich, ein fester Händedruck und ein breites Grinsen: „G’day, mate, ha ye goin’?“ Auch die anderen vier Männer lächeln freundlich, ein kurzes Nicken, die Arbeit geht weiter. Hier ist Zeit Geld und Pausen selten.

Hand in Hand

Ken Keith (rechts) zeigt das Urteil des Bundesgerichts
Ken Keith (rechts) zitiert aus der Begründung der Bundesrichterin Quelle: ZDF

Der Stall ist erfüllt von Hundegebell, dem Blöken der Schafe und von kurzen Männerbefehlen. Alles geht Hand in Hand. Zwei Schafscherer packen die Tiere, ziehen sie an den Vorderläufen aus dem Verschlag. Der Boden ist vom Fett der Schafwolle schmierig. Doch geschickt klemmen sich Kens Leute die Tiere zwischen die Beine. Die Schermesser rattern kurz und schon ist die Wolle rund um Zitzen und After ab. 200 Schafe schaffen sie so am Tag. Ken erklärt mir, dass das einmal im Jahr bei jedem Tier gemacht werden muss. Denn an diesen Stellen nistet sich Ungeziefer im Woll-Kotgemisch ein und kann Entzündungen auslösen. Das „Po-rasierte“ Schaf rutscht in die Freiheit und die nächsten werden von den Hunden hochgetrieben.

Die abrasierte Wolle landet auf einem Sortiertisch. Nur ganz wenig, besonders verschmutze Wolle, wird aussortiert, der Rest in großen Säcken gesammelt. Aus gutem Grund. Ken nimmt ein Bündel Merinowolle, zieht die Wollfäden auseinander und zeigt mir die besonders feine Struktur. „Daraus kannst du hervorragende Anzüge oder feine Pullover machen, wir exportieren sie in die ganze Welt“. Ken ist stolz auf sein Produkt und auf das, was er und seine Mannschaft machen. Es ist harte, aber ehrliche Arbeit. „So sind wir hier in Parkes Shire“.

Ein Wort gilt

Es ist 9.30 Uhr, Keith‘ Frau bringt Sandwiches, Kaffee und Wasser. Das ist das Pausenzeichen für die Männer. Zeit für einen kleinen Plausch. Es geht um Wollpreise, den schwierigen europäischen Markt und wie oft in Parkes auch um Werte und Ehrlichkeit. Darum, was ein Wort gilt. Denn damit haben sie hier im australischen Buschland vor ein paar Jahren ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn Ken davon erzählt, dann ist er nicht länger der Farmer und Schafzüchter, sondern der Bürgermeister von Parkes. Und als Bürgermeister hat er vor fünf Jahren eine Katastrophe erlebt.


Von der Geschichte, die seitdem das Thema in der kleinen australischen Gemeinde ist, will Ken mir im Rathaus erzählen. Inzwischen ist er frisch geduscht, trägt Anzug mit blauem Hemd und Krawatte und chauffiert mich durch seine Stadt. Ken ist hier geboren, seine Farm ist seit 1908 in Familienbesitz - für australische Verhältnisse ist das eine halbe Ewigkeit. Er hat drei Kinder. Den 57jährigen hat es nie von hier weggezogen, auch wenn Sydney nur 500, Melbourne 800 und Canberra 700 Kilometer entfernt liegen. Ken Keith und Parkes, das gehört zusammen. Seit sechs Jahren ist er das Stadtoberhaupt, vorher war er 16 Jahre stellvertretender Bürgermeister.

Damals vor fünf Jahren wollte die Stadtverwaltung Geld anlegen, für ganz bestimmte Projekte. Viele Straßen brauchten eine neue Teerdecke, alte Holzbrücken aus dem letzten Jahrhundert waren nicht mehr stabil genug für die schweren Landmaschinen.
Parkes hat sehr fruchtbare Böden, hier wird im großen Stil, Weizen, Gerste und Raps angebaut. Das alte Schwimmbad musste erneuert werden, erzählt Ken auf der Fahrt zum Rathaus: „Wir haben hier im Sommer oft über vierzig Grad, da müssen die Kids doch schwimmen gehen können. Und wir wollten noch mehr Sportmöglichkeiten für die Jugendlichen schaffen.“

Im Rausch der Derivate

Damals, es ist der August 2008, stecken die Finanzmärkte im Rausch der Derivate, der Immobilienpapiere, alles wird gehandelt, auf Teufel komm raus. „Da haben wir Geld in strukturierte Finanzpapiere der ABN Amro Bank gesteckt. Wir haben extra nach einer Anlegemöglichkeit gesucht, die nicht riskant ist, wir wollten keine hohe Rendite, keine schnellen Geschäfte, das war uns wichtig.“ Der Gemeinderat hatte sich gründlich erkundigt, die für solche Geschäfte beim Bundesstaat Neu Süd Wales zuständige Finanzbehörde konsultiert und um Rat gefragt. Von überall her hieß es: Das ist eine sichere Sache. „Was uns endgültig überzeugt hat“, erinnert sich Keith, „war das Gutachten der internationalen Rating Agentur Standard & Poor’s.“

S&P, so die Kurzform, ist die weltweit größte Rating-Agentur für die Begutachtung von Finanzprodukten jeglicher Art. Die Rating-Firma bewertet diese Finanzpapiere, in die Parkes investiert, damals mit AAA. „Das ist die beste Note, die man auf dem Markt für solche Anleihen vergeben kann. Wenn eine solch renommierte Firma eine solche Bewertung abgibt, dann muss man dem doch trauen können“, erregt sich Ken noch im Nachhinein.

Mit Gütesiegel versehen

Heute weiß er, dass genau das der größte Fehler war. Denn S&P hatte absolute Ramschpapiere mit einem Gütesiegel der allerersten Kategorie versehen. Parkes steckte mehrere Millionen australische Dollar in den Schrott und damit das ganze Geld in den Sand. Ein finanzielles Desaster, das über den Ort hineinbrach.

Kens Büro ist übersät mit Fotos und Urkunden. Hier dreht sich alles um die Gemeinde. In seinem Ledersessel wirkt er wie ein Getriebener in Sachen Parkes. Ken macht das vor allem auch, um Vertrauen zurück zu gewinnen. „Erklären Sie den Bürgern mal, dass Sie Millionen versenkt haben, dass jetzt wichtige Projekte gekürzt werden müssen, vielleicht nie realisiert werden können. Das ist bitter.“

Parkes gegen S&P

Das war auch der Grund, warum sich der Gemeinderat von Parkes recht schnell entschloss, das nicht hinzunehmen. „Wir waren ja nicht die einzige Gemeinde hier in Australien, die in diese angeblich sicheren Papiere investiert hatte“. Ken findet Verbündete, zwölf Gemeinden schließen sich zusammen, suchen eine Fachanwaltskanzlei in Sydney und klagen, gegen die Bank, die Finanzbehörde des Bundesstaates Neu-Süd-Wales und - gegen Standard & Poor’s. Gegen alle, die sie beinahe in den Ruin getrieben haben.


Fünf Jahre dauert der Prozess. Im Dezember letzten Jahres schließlich ergeht das Urteil beim Bundesgericht in Sydney. Bank; Landesfinanzbehörde und die Rating Agentur werden zu Schadensersatz verurteilt. Es ist nicht nur ein wichtiges Ergebnis für Parkes und die anderen elf Gemeinden, es ist ein besonderes Urteil. Zum allerersten Mal überhaupt in der Geschichte ist eine Rating Agentur wegen eines Gutachtens verurteilt worden. Bisher hatten sich die Rating-Agenturen vor Gericht immer erfolgreich mit dem Hinweis gewehrt, ihre Gutachten und Beurteilungen seien reine Meinungsäußerungen, für die man nicht haften könne. Die Agenturen, die ihren Hauptsitz in den USA haben, beriefen sich dabei stets auf die Meinungsfreiheit, die nach dem 1. Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten besonders geschützt ist.

Vernichtendes Urteil

Les Finn, so etwas wie der Technik- und Finanzdirektor der Gemeinde, ist ins Büro vom Bürgermeister gekommen. Ein breites Grinsen huscht über sein Gesicht, als er das Urteil hochhält. „Über 1400 Seiten, das ist dicker als das Buch „Les Miserables“. Das haben wir geschafft. Unsere kleine Gemeinde.“

Es ist ein vernichtendes Urteil, über das sich die beiden da beugen. Laut lesen Ken und Les die Begründung der Bundesrichterin vor: „Die Rating Agentur hat in schlimmster Weise ein völlig irreführendes Gutachten erstellt, S&P hat ohne eigene weitere Überprüfung und Analyse einfach die Angaben der Bank übernommen und das zur Grundlage der Bewertung gemacht“. Les lässt den Worten noch ein wenig Raum. Und Ken Keith ergänzt: „Als das Urteil hier bekannt wurde, ist in New York der Börsenkurs von Standard & Poor um fünf Prozent gesunken.“ Pause. Das Grinsen wechselt zu einem spitzbübischen Lächeln. So sieht australische Genugtuung aus.

„Ich hoffe, dass wir zumindest einen Teil des verlorenen Geldes wiedersehen werden. Dann könnten wir ein paar notwendige Dinge auf den Weg bringen“, wird Ken nun wieder ernst. Er muss gleich in ein „Council-Meeting“ und dort sieht er Woche für Woche, was das fehlende Geld für Probleme bereitet. „Wir müssten eigentlich sofort ein dutzend Maßnahmen auf den Weg bringen, wir brauchen zum Beispiel ganz dringend eine neue Kläranlage.“ Doch erst einmal hat die milliardenschwere Rating-Agentur Standard&Poor’s Berufung angekündigt. Das heißt Parkes muss weiter auf sein hart erarbeitetes Geld warten.

"Hoffen auf Gerechtigkeit"

Als ich Ken Keith vor der nächsten Gemeinderatsitzung frage, ob er sich nicht betrogen fühle, antwortet er: „Wir sind hier über den Punkt hinaus, sauer zu sein oder uns betrogen zu fühlen. Das Gericht hat gezeigt, dass diese Leute einen Fehler gemacht haben. Jetzt hoffen wir auf die Gerechtigkeit. Und wenn am Ende herauskommt, dass wir in Parkes Anteil daran hatten, dass sich das System der Finanzwelt ändert und man diesen Bewertungen wieder trauen kann, dann sind wir froh, dass unsere finanziellen Verluste dazu beigetragen haben.“

Als ich Parkes verlasse, komme ich am Stadtrand an einer riesigen Satellitenschüssel vorbei. „The dish“, nennen sie den 64-Meter Koloss hier einfach nur. Damit hat Parkes schon einmal Weltgeschichte geschrieben. Am 21. Juli 1969 wurde die Mondlandung von hier, von Parkes, weltweit für 600 Millionen Menschen live übertragen. Ohne Parkes hätte die Welt nie Neil Armstrongs berühmte Worte hören können: „Es ist ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein riesiger Schritt für die Menschheit“.

Mal sehen was die Welt noch alles von Parkes hört.

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