Der rote Faden ist entscheidend

Die ZDFzoom-Redaktionsleitung im Interview

Beim Start von "ZDFzoom" vor fünf Jahren wurde als Ziel ausgegeben, auf dem Sendeplatz mittwochs um 22.45 Uhr im ZDF eine wiedererkennbare journalistische Handschrift zu entwickeln. Inwieweit ist das gelungen? Claudie Ruete, Redaktionsleiterin von "ZDFzoom", und ihre Stellvertreterin Beate Höbermann äußern sich im Interview.

ZDF: Beim Start von "ZDFzoom" vor fünf Jahren wurde als Ziel ausgegeben, auf dem Sendeplatz mittwochs um 22.45 Uhr im ZDF eine wiedererkennbare journalistische Handschrift zu entwickeln. Inwieweit ist das gelungen?

Claudia Ruete: Sowohl aus unserer Medienforschung als auch aus den Zuschauer-Rückmeldungen haben wir die Erkenntnis gewinnen können, dass unser Format als eines mit eigener Handschrift wahrgenommen wird. "ZDFzoom" charakterisiert sich durch eine Mischung aus filmischer Reportage, investigativer Dokumentation und innovativer grafischer Aufbereitung. Und vor allem durch die "zoom"-Frage, die sich wie ein roter Faden durch die Sendung zieht. Der Reporter im On bleibt dieser Ausgangsfrage bei seinen Recherchen treu und nimmt den Zuschauer auf diese Weise auf alle inhaltlichen Abzweigungen mit.

ZDF: Wie tief muss denn der Reporter im On im jeweiligen Stoff drinstecken, um diesen glaubwürdig präsentieren zu können?

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Die Autorin im Eigenversuch für die ZDFzoom-Sendung "Süß und gefährlich". Quelle: ZDF

Beate Höbermann: Das Schwierigste an unserem Format ist die Erarbeitung der "zoom"-Frage. Dafür müssen sich die Autoren und die betreuenden Redakteure tief ins Thema einarbeiten. Für die Rolle des Reporters ist es hilfreich, wenn er sich richtig in die Welt hineinbegeben kann, aus der er berichtet. So konnte zum Beispiel einer unserer Autoren allein deshalb ganz anders in die Welt der Brummi-Fahrer eintauchen, weil er selbst einen LKW-Führerschein hat. Ein anderes Beispiel für die Intensität der Recherchen: Für unsere "ZDFzoom"-Sendung "Süß und gefährlich – Die bittere Seite des Zuckers" hat unsere Reporterin über vier Wochen ein Übermaß an Zucker zu sich genommen. Und bei den investigativen Stoffen stecken die Reporter im On schon deshalb tief im Thema drin, weil sie zu Seminaren oder Veranstaltungen auch mal mit versteckter Kamera hingehen und anschließend die notwendigen Fragen in der Konfrontation stellen.

ZDF: Welche Themen eignen sich besonders dazu, von "ZDFzoom" beleuchtet zu werden – politische und gesellschaftliche Missstände genauso wie das, was die Lebenswelt der Zuschauer mitprägt?

Claudia Ruete: Themen, mit denen die Zuschauer in ihrem Alltag konfrontiert sind, erweisen sich in unserem Format als erfolgreich: Ob es um das Geschäft mit dem Wasser, um die Deutsche Post, die Deutsche Bahn oder die Tricks der Immobilienmakler geht – bei solchen Themen können wir genau dort anknüpfen, wo auch die Zuschauer sich fragen: Ist das nur mir passiert oder steckt da System hinter? Wir versuchen aber auch Fragen nachzugehen, die sich mit den Folgen der Globalisierung beschäftigen. Das herunterzubrechen auf den Alltag der Zuschauer, das ist unsere Stärke und unsere Aufgabe. Insgesamt stellen wir mit Blick auf die zurückliegenden fünf Jahre fest: Themen aus den Bereichen Pflege, Gesundheit, Banken und Versicherungen stoßen auf großes Interesse bei unseren Zuschauern.

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Auch Drohnen kommen bei den Drehs für ZDFzoo zum Einsatz. Quelle: ZDF

ZDF: Und "ZDFzoom" macht bei diesen Themen nicht den "großen Check", sondern blickt auf das System, das dahintersteckt?

Beate Höbermann: Wir gehen nicht der Frage nach, wer etwa von den freien Kfz-Werkstätten besser ist, sondern untersuchen, warum bei ATU, Pitstop & Co. dieser Verkaufsdruck entsteht. Wir vergleichen nicht, welche Raststätte besser ist, sondern, wie im System Raststätte auf Kosten der Autofahrer Kasse gemacht wird.

ZDF: Immer wieder reagiert "ZDFzoom" allerdings auch auf aktuelle Ereignisse, brachte zum Beispiel nach den Brüsseler Anschlägen im März schnell die Doku "Dschihad in Europa – Warum die Terrorgefahr wächst" auf den Sende-Weg. Hält die Redaktion zu diesen Themen immer gleich mehrere Recherche-Bälle im Spiel, um kurzfristig reagieren zu können?

Claudia Ruete: Wir müssen tatsächlich mehrere Bälle im Spiel halten, um spontan auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können. In dem Zusammenhang kommt es auch darauf an, einen Autorenstamm zu pflegen, in dem die jeweilige Expertise vorhanden ist. Nach jetzt fünf Jahren können wir bei bestimmten Themen auf vorangegangene "ZDFzooms" aufbauen. So zum Beispiel auch beim Thema "Flüchtlingskrise". Schon im November 2014 hatten wir die Dokumentation "Chaos statt Konzepte – Deutschland und die Flüchtlinge" im Programm. Den Film "Ein Staat – zwei Welten?" zu den Fragen der Integrationsproblematik haben wir im September 2015 gesendet und unmittelbar nach der Ausstrahlung mit der Autorin eine Fortsetzung verabredet. Ihr zweiter Film "Integrations-Wirrwarr – Große Pläne, kleine Schritte" wurde im März 2016 ausgestrahlt. Zu unserem fünften Geburtstag nehmen wir nun "Das Geschäft mit den Flüchtlingen" in den Blick. Wir bleiben also am Ball. Generell versuchen wir, auch bei den Autoren der Beiträge Kontinuität zu wahren, damit derselbe Journalist 'sein' Thema weiterverfolgen kann.

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Dreh in einem Flüchtlingsheim für die ZDFzoom-Sendung "Ein Jahr Almanya". Quelle: ZDF/Petra Schulz

ZDF: Neben einer solchen Langzeitbeobachtung gab es Anfang 2014 und Anfang 2016 auch jeweils ein "Nachgezoomt – Was aus unseren Geschichten wurde". Sind es nur bestimmte Themen, bei denen sich dieses Nachschauen lohnt?

Beate Höbermann: Bei Themen wie Sparkassen in der Krise, Patienten im Abseits oder obdachlose Kinder in Deutschland gibt es oft viele Rückmeldungen von Zuschauern, so dass wir den Eindruck haben es lohnt ein 'Update'. Bei anderen Themen wie zum Beispiel Banken, Bahn, Islamisten, Gesundheitswesen, Energiewende ergibt es Sinn, mit den Autoren die Stoffe weiterzuentwickeln. Entscheidend ist für uns, dass wir bei unseren Themen immer in Deutschland anknüpfen, dann aber auch den Blick über die Grenzen richten.

ZDF: Gerade wenn es dabei um investigative Themen geht, stellt sich oft die Frage: Lässt sich das mit dem kleinen "ZDFzoom"-Team realisieren oder braucht es dafür Recherche-Kooperationen. Welche Erfahrungen konnten Sie in dieser Hinsicht in den vergangenen fünf Jahren gewinnen?

Claudia Ruete: Kräfte bündeln ist wichtig. Mit den Kollegen von "Frontal 21" sind wir fleißig dabei. Wir versuchen auch Kooperationen mit ausländischen Produktionsfirmen und Sendern sowie mit ausländischen Autoren, auf deren journalistische Leistung wir uns verlassen können. Die Dokumentation "Kalaschnikows für Terroristen – Waffenschmuggel in Europa" aus dem vergangenen Februar ist ein Beispiel dafür. Und es gibt natürlich immer wieder Themen, bei denen schnell klar ist: Da muss man kooperativ herangehen. So arbeiten wir jetzt für die "ZDFzoom"-Doku "Das Geschäft mit den Flüchtlingen" erneut mit dem Recherche Netzwerk Correctiv zusammen. Wir sind ständig im Gespräch mit neuen Kooperationspartnern, national wie international.

Mit Claudia Ruete und Beate Höbermann sprach Thomas Hagedorn.

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