"Die Qualitätskontrolle überdenken"

Interview mit der Filmautorin Valerie Henschel

"Die Arbeit mit den alten Menschen findet meist hinter verschlossenen Türen statt. Es ist gar nicht so einfach, einen Eindruck über die Zustände in Altenheimen zu bekommen", sagt ZDFzoom-Autorin Valerie Henschel. Für die Dokumentation "Auf Kosten der Alten" ist sie der Frage nachgegangen: Was ist los in deutschen Pflegeheimen? Ihre Erkenntnis: "Gute Pflege wird vom deutschen Gesetz nahezu bestraft."

ZDFzoom: Schlagzeilen wie "Pflegenotstand in Altenheimen" und Zustandsbeschreibungen à la "Zwischen Alten- und Aktenpflege" liest man immer wieder. Welchen Eindruck haben Sie bei Ihren Dreharbeiten gewonnen, wie menschenwürdig der Zustand in deutschen Altenheimen derzeit ist? Und was läuft dort besonders schief?


Valerie Henschel: Zuerst einmal ist es gar nicht so einfach, überhaupt einen Eindruck über die Zustände in Altenheimen zu bekommen. Die Arbeit mit den alten Menschen findet ja meist hinter verschlossenen Türen statt – als Fernsehteam hatten wir also fast nie freien Zugang. Und wenn man als ZDF-Team eine Drehgenehmigung erhält, versuchen sich die Heime natürlich von der besten Seite zu zeigen. Infos über Pflegenotstände haben wir also meist von Informanten bekommen, die wir außerhalb der Heime getroffen haben. Von Altenpflegern, ehemaligen Heimleitern oder Angehörigen. Wenn man monatelang in diesem Bereich recherchiert, hört man tatsächlich immer wieder von gleichen schockierenden Zuständen, von denen man gar nicht glauben möchte, dass sie mitten in Deutschland passieren. Immer wieder erzählen Pflegekräfte von Massenabfertigung und Vernachlässigung, von alten Menschen, die stundenlang in randvollen Windeln oder Erbrochenem liegen, von vergessenen Medikamenten, Stürzen und Demenzkranken, die stundenlang in ihrem Bett angebunden werden, damit sie still halten.

ZDFzoom: Kann man denn überhaupt pauschal sagen, dass die Altenheime in Deutschland insgesamt Defizite aufweisen? Prägen nicht die Skandalhäuser als Einzelfälle das ganze Bild und ist die Situation nicht möglicherweise auch regional unterschiedlich?


Henschel: Natürlich kann man nicht alle 12.400 Heime, die wir in Deutschland haben, pauschal über einen Kamm scheren. In ganz vielen Heimen wird jeden Tag gute und engagierte Arbeit geleistet. Überall in Deutschland gibt es tolle private Heime, tolle freigemeinnützige Heime und tolle kommunale Einrichtungen. Das ist auch nicht abhängig vom Preis. Ausschlaggebend dafür, ob ein Heim gut oder schlecht geführt wird, ist meist die Heimleitung. Geht es der Leitung hauptsächlich um eine gute Behandlung der Heimbewohner oder darum, möglichst viel Geld aus dem Heimbetrieb zu ziehen?

ZDFzoom: Was ist denn nach Ihren Erkenntnissen die Hauptursache, dass es bisher in den Altenheimen nicht optimal läuft?

Henschel: Das Problem, über das vor allem die gut geführten Heime klagen: Gute Pflege wird vom deutschen Gesetz nahezu bestraft. In Deutschland wird Pflege beispielsweise im Minutentakt abgerechnet. Waschen, Kämmen, Toilette - für fast alles gibt es pauschale zeitliche Vorgaben. Das ist aber für die Pfleger oft gar nicht zu schaffen, weil alte Menschen ja keine Maschinen sind. Wer sich aber länger Zeit nimmt, zahlt meist drauf. Außerdem gibt es viel zu wenig Personal in den Heimen und die wenigen Fachkräfte, die es gibt, haben enorm viel Bürokratie zu erledigen. Selbst wenn das Personal will, bleibt also kaum Zeit für die alten Menschen. In manchen Bundesländern ist nachts oft eine einzige Person für über 50 Pflegebedürftige zuständig. Und davon sind dann einige demenzkrank und nachtaktiv. Eine einzige Pflegekraft kann das gar nicht schaffen, aber es ist ganz legal. Das sind echte Systemfehler – aber erst dann, wenn es zum "Skandal" kommt, steht es in der Zeitung.

ZDFzoom: Herrscht in vielen Heimen zudem rigider Sparzwang?


Henschel: Überraschenderweise geht es der Altenheimbranche verhältnismäßig gut: Fast 60 Prozent der Altenheime stehen laut einem Expertenbericht am Ende des Jahres mit einem Plus da! Von Sparzwang kann man also eigentlich nicht sprechen. Für mich war das die spannendste Erkenntnis meiner Recherche. Bisher dachte ich, dass Altenheime eher ein Minusgeschäft seien. Leider ist es so, dass in manchen Heimen dennoch auf Kosten der alten Menschen gespart und verdient wird. Wenn ich als Heim wenig Personal bezahlen muss, ist das zwar schlecht für die alten Menschen, aber der Gewinn für den Heimbetreiber vergrößert sich. Wenn ich selten Windeln wechsle, spare ich daran. Wir wissen von einigen Heimen, in denen genau so gehandelt wird. Da kommt Gewinnmaximierung vor guter Pflege und die alten Menschen schauen in die Röhre.


ZDFzoom: Seit Januar ist die Pflegereform in Kraft, auch Pflegestärkungsgesetz genannt. Kann diese denn im Alltag wirklich zu einer Verbesserung der Pflege-Leistungen führen?


Henschel: Das erste Pflegestärkungsgesetz, das seit Januar 2015 in Kraft ist, setzt den Schwerpunkt auf die Verbesserung der ambulanten Pflege, also der Menschen, die zuhause gepflegt werden. Das ist ein ganz wichtiger Schritt, weil mit dem Gesetz auch pflegende Angehörige entlastet werden. Für die Menschen in den Heimen sieht das Gesetz 20.000 zusätzliche Betreuungskräfte vor. Das ist auf jeden Fall eine Entlastung für die Heime, aber in Hinblick auf die Überstundenberge und Burnout-Raten eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein bis zwei Kräfte im Heim zusätzlich werden nicht ausreichen, um die Situation für die alten Menschen langfristig zu verbessern. Außerdem ist noch nicht klar, ob tatsächlich 20.000 Menschen gefunden werden, die in Heimen arbeiten wollen.


ZDFzoom: Gab es während der Dreharbeiten ein Erlebnis, bei dem sie sagten: Ich möchte lieber kein Pflegefall im Alter werden? Oder haben Sie andererseits Positivbeispiele gefunden - ganz nach dem Motto: Hier könnte ich mir vorstellen, meinen Lebensabend zu verbringen?

Henschel: Ich selbst habe nach der Recherche weniger Angst vor Altenheimen als vorher. Aber ich habe gelernt, dass man sich früh kümmern muss. Die besten Heime haben lange Wartelisten. Außerdem muss man im Vorhinein viele Fragen stellen, unangekündigt vorbeikommen und schauen, wie liebevoll der Umgang mit den alten Menschen beispielsweise im Speisesaal ist. In Nordrhein-Westfalen haben wir ein Heim besucht, in dem es mir und meinem Kamerateam am besten gefallen hat. Da haben sich die alten Menschen umeinander gekümmert und die Stimmung war gut. Es wurde viel gelacht, gezankt, gesungen – die Bewohner waren irgendwie selbst zu einer Familie geworden. So etwas würde ich mir auch für mich und meine Lieben wünschen.

ZDFzoom: Was kann getan werden, damit die Altenheime nicht mehr selbst als Pflegefälle bezeichnet werden müssen?

Henschel: Am wichtigsten wäre es meiner Meinung nach, den Begriff Qualitätskontrolle für Altenheime zu überdenken. Wichtig wäre, dass es mehr um gut gepflegte Menschen als um gut geführte Akten geht. Im Moment läuft das leider eher anders herum. Ein gut geführtes Heim müsste dafür belohnt werden, wenn es gute Arbeit leistet, etwa durch mehr Geld von den Pflegekassen und gute Noten. Ein schlechtes Heim, das an Menschen spart, schlecht pflegt, um mehr Geld aus dem System herauszuholen, müsste hingegen bestraft werden. Dann würde ein echter Wettbewerb um gute Qualität beginnen. Die alten Menschen würden davon profitieren und Angehörige hätten eine Chance zwischen schlechten und guten Heimen unterscheiden zu können. Wir alle können aber auch selbst zur Verbesserung des Systems beitragen: Es gilt als offenes Geheimnis in der Branche, das Menschen, die oft Besuch bekommen, meist besser gepflegt werden, als diejenigen, nach denen niemand sieht. Besuche helfen also. Diese Art von Qualitätskontrolle kann jeder von uns übernehmen.

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