"Die Recyclingquote wird schon vor dem Recyceln bestimmt"

Interview mit Filmautor Berndt Welz

Getränkekartons gelten als "ökologisch vorteilhafte" Verpackungen – und sind damit pfandfrei. Ein Grund für die gute Ökobilanz: Sie können recycelt werden! Aber werden sie das auch in der behaupteten Größenordnung? ZDFzoom geht der Frage nach, wie Recyclingquoten berechnet werden, und stellt fest: So gut schneiden Getränkekartons in der Ökobilanz gar nicht ab.

ZDF: Was war der Anlass für Sie, der Frage filmisch nachzugehen, wie ökologisch denn nun Getränkekartons wirklich sind?

Berndt Welz: Meine Initialzündung war eine Milchpackung, auf der Tetra Pak vollmundig für das Recycling warb und behauptete, 70 Prozent des verwendeten Rohstoffs würden wieder aufbereitet. Das konnte ich nicht glauben, weil doch auch Kunststoff und bei Säften Alufolie dazugehören und dieses Material auch noch zusammenklebt. Und da zuletzt die ökologischen Auswirkungen von Getränkekartons kontrovers diskutiert wurden, lohnte sich mal ein genauerer Blick.

ZDF: Und welche Erkenntnis haben Sie bei der Recherche gewonnen?

Berndt Welz: Dass in Deutschland schon vor dem Recyceln die Recyclingquote bestimmt wird, egal, ob beim Altpapier oder bei den Getränkeverpackungen. Allerdings spielt das bei den Getränkeverpackungen eine größere Rolle, da diese oft drei Materialien aufweisen: Holzfaser, Kunststoff und Aluminium. Die Recyclingquote wird dabei nach dem Gewicht der Verpackungen gemessen. Dieses wird einfach in Bezug gesetzt zu der Verpackungsmenge, die in den Umlauf gebracht wurde. Dass in diesem Gewicht Reststoffe enthalten sind – von Feuchtigkeit bis Schmutz – erhöht die Recyclingquote künstlich. In einigen Betrieben, die die Gelben Säcke verwerten, wurde das auch zugegeben. Dazu kommt, dass es während des Recyclings natürlich auch zu Verlusten kommt.

ZDF: Und was sagt Tetra Pak dazu, der Marktführer in Sachen Getränkekartons und Milchverpackungen?

Berndt Welz: Tetra Pak hat unsere Dreh- und Interviewfragen alle abgelehnt. Wir bekamen über den Gesamtverband der Branche unsere Fragen schriftlich beantwortet – und die wichtigsten Antworten bezogen sich sämtlich auf das, was das Umweltbundesamt zum Thema verlautbart hat. Es war dann auch ein Vertreter dieser zentralen Bundesbehörde, der uns im Interview bestätigte: Die Recyclingquote wird vor dem Recycling gemessen. Er nannte dafür technische Gründe: Nachher zu messen, sei bei vielen Produkten schwierig. Aber der Verbraucher wird so hinters Licht geführt, wenn Unternehmen wie Tetra Pak dann mit dem vom Umweltbundesamt zertifizierten Recyclingquoten werben.

ZDF: Welche Diskrepanz haben Sie denn zwischen der angegebenen Recyclingquote von 70 Prozent und der Realität ausgemacht?

Berndt Welz: Nach unseren Berechnungen dürfte die Recyclingquote bei rund 36 Prozent liegen, wobei sie wahrscheinlich noch viel niedriger ist. Zum Beispiel werfen die Verbraucher ja die Kunststoffverschlüsse oft in den Restmüll und nicht in den Gelben Sack. Wenn die Recyclingquote nicht mehr stimmt, ist die Ökobilanz schlechter und es entstehen Fragen wie: Warum sind Tetra Paks eigentlich von der Pfandpflicht befreit?

ZDF: Lassen Ihre Recherche-Ergebnisse auch den Schluss zu, dass neben den Getränkekartons auch der Gelbe Sack seine ökologischste Zeit hinter sich haben könnte?

Berndt Welz: Wir haben bei einem Unternehmen gefilmt, das den Müll aus den Gelben Säcken trennt und dabei die schon geschilderten Erkenntnisse zur Recyclingquote bestätigt. Wir verfolgen den Weg der Getränkekartons zum Beispiel bis zu einer Sortieranlage in der Nähe von Dortmund, wo diese dann nicht recycelt, sondern als Brennstoff für die Zementindustrie genutzt werden. Wenn der größte Teil thermisch verwertet wird, ist das nicht ökologisch, selbst wenn mit der Wärme Zement hergestellt wird. Aber andererseits: Aus einem alten Getränkekarton können Sie auch keinen neuen machen, bestenfalls Pizzakartons.

ZDF: Wenn Tetra Pak & Co nun gar nicht so ökologisch sind, wie die meisten immer gedacht haben – welcher Weg wäre für Sie der ökologischere im Vergleich zum gegenwärtigen Verfahren des teilweisen Verpackungswiederaufbereitens?

Berndt Welz: Weniger Verpackung, mehr Glas. Die Empfehlung des Umweltbundesamtes lautet dazu: Mehrweg, am besten im Glas und aus der Region.

Mit Berndt Welz sprach Thomas Hagedorn.

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