"Die Zeche zahlt der Anständige"

Versicherungsexperte Müller über das Geschäft mit fingierten Arztrechnungen

Eine Operation, die niemals stattgefunden hat, und eine fingierte Arzt-Rechnung über mehrere tausend Euro. Das ist das Spezialgebiet von Dr. Gerhard Müller. Im Auftrag der Allianz Global Assistance ist er Krankenkassenbetrügern auf der Spur. "Der Schaden geht in die Millionen", erzählt der Ermittler im zoom-Interview.


Frage: Krankenkassenbetrug im Ausland - was genau muss man sich darunter vorstellen?


Gerhard Müller: Ein Beispiel: Wir hatten kürzlich den Fall einer Patientin, die in Syrien im Heimat-Urlaub war. Völlig verzweifelt rief sie bei uns an: Eine Eierstockzyste sei geplatzt, nach einer Notfall-OP ginge es ihr aber inzwischen wieder besser. Um die Behandlungskosten von 18.000 Euro zu stemmen, bräuchte sie nun dringend Geld von ihrer Krankenkasse. Der Mitarbeiter hier in Deutschland wurde stutzig, wir haben dann recherchiert und Belege angefordert.



Tatsächlich bestätigte uns der syrische Arzt die Summe von 18.000 Euro. Rein medizinisch wirkte alles plausibel. Die Summe jedoch hat uns stutzig gemacht. Wir haben deshalb unseren syrischen Korrespondenten kontaktiert und gefragt, was eine solche Operation kosten dürfte. Und der sagte: Mit dieser Summe könne man in Syrien 2,5 Mal am offenen Herzen operiert werden. In diesem Fall sind wir also hart geblieben, haben die Leistung abgelehnt.


Frage: Ist das ein typischer Fall?


Müller: Man kann grundsätzlich drei verschiedene Betrugsarten unterscheiden: Von Seiten des Arztes, von Seiten des Patienten - oder von beiden zusammen. Letzteres ist besonders häufig. Da werden dann beispielsweise reale Erkrankungen künstlich aufgeblasen, um einen finanziellen Vorteil daraus zu schlagen. Eine Durchfall-Behandlung beispielsweise kostet eigentlich etwa 50 Dollar. Aber für 50 Dollar ist der Arzt dann bereit, noch eine Null dranzuhängen. Oder eine Rechnung in dominikanischen Peso wird in US-Dollar ausgestellt - damit erhöht sich der Rechnungsbetrag gleich um den Faktor 30.

Arzt und Patient - beide haben etwas davon, eine klassische win-win-Situation. Und es erscheint ja auf den ersten Blick sehr einfach: Rückenschmerzen oder Durchfall kann jeder mal haben - und das lässt sich schwer nachweisen. Aus Sicht des biederen Familienvaters ist so etwas natürlich verlockend. Ihm ist aber nicht bewusst, dass wir Arztbescheinigungen im Ausland anders beurteilen als hierzulande.


Frage: Wie kommt es, dass sogar versucht wird, Wellnessangebote via Krankenkasse abzurechnen?


Müller: Wellness ist heute der Begriff schlechthin; fast jedes Hotel hat entsprechende Angebote. Doch ganz billig ist das nicht. Insofern versuchen dubiose Anbieter irgendeinen einen medizinischen Bezug herzustellen. Sie locken den Urlauber mit dem Vesprechen: "Mach' Du Wellness - und ich kümmere mich darum, dass du das nicht bezahlen musst."


Wir haben sogar schon Fälle gehabt, in denen einzelne Reisebüros gezielt auf so etwas hingewiesen haben. Es ist ja klar: Bei einem Reisepreis von 1500 Euro für zwei Wochen Sri Lanka und 1000 Euro für ein einwöchiges Wellnesspaket muss der Kunde erst einmal schlucken. Wenn man aber andeutet: "Sie sprachen ja von Rückenschmerzen und da gibt es eine tolle Reiseversicherung und da könnte man..", dann wird das auch verkauft. Natürlich ist das eine Straftat. Aber wo kein Kläger, da kein Richter.


Frage: In welchen Ländern stellen Sie besonders häufig Krankenkassenbetrug fest?


Müller: Das konzentriert sich auf Länder in Westafrika: Ägypten, Marokko, Tunesien. Aber auch in Indien, Pakistan, Sri Lanka oder der früheren Sowjetunion finden Sie häufig diese Form von Betrug. Es sind meist Länder mit weniger seriösen Strukturen und einem anderen Rechtsbewusstsein. Und Länder, von denen die Leute glauben, dass wir nicht dahinter kommen.


Frage: Wie kontrollieren Sie denn solche Fälle?


Müller: Wir haben eigene Netzwerke, haben Erfahrungswerte. Wir unterhalten weltweit 28 Standorte - und in jedem Land der Welt Korrespondenten, die regelmäßige Prüfungen machen. Und wir starten gegebenenfalls auch hier aus der Zentrale, um einem Fall nachzugehen.



Frage: Wie verbreitet ist dieser Missbrauch denn? Wie viele Fälle haben Sie pro Jahr?



Müller: Wir haben etwa 40.000 Fälle pro Jahr; betrogen wird in ein bis zwei Prozent davon. Natürlich stellt sich da die Frage nach der Relation, nach dem Aufwand, den wir betreiben, um diese Fälle zu finden. Haben wir einen Verdacht, bestätigt sich dieser aber auch in 95 Prozent der Fälle.

Sie müssen die Summen insgesamt sehen, das geht in die Millionen. Es gibt eine riesige Dunkelziffer, wo zulasten von Versicherern Leistungen abgerechnet werden. Und die Zeche für diesen Betrug zahlt letztlich der anständige Versicherte.

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