"Eine Vergewaltigung der Seele"

Über das Leben mit einem Spielsüchtigen

Für die ZDFzoom-Dokumentation "Nichts geht mehr" hat Autorin Katja Schupp unter anderem mit der Partnerin eines Spielsüchtigen gesprochen. Im Interview berichtet diese von ihrer inneren Zerrissenheit: "Der Verstand sagt die ganze Zeit: Du musst hier weg. Und die Seele? Ich lieb ihn ja. Ich wollte nicht weg von ihm."

ZDFzoom: Wie war das für Sie als Partnerin – Sie haben die Spielsucht Ihres Freundes ja über Jahre hinweg miterlebt?

Yvonne: Das spielt sich auf einer Ebene ab, die vom Verstand her überhaupt nicht greifbar war für mich. Das ist so dieses Gefühl: Irgendwas stimmt da nicht, aber ich begreife es nicht. Ich begreife es einfach nicht. Der Verstand sagt: Ich geh' arbeiten, geb' meine Energie in meine Arbeit, bekomme Geld dafür und, ja, schmeiße es zum Fenster raus. Der Verstand hat das nicht verstanden. Und auf der Seelenebene – das war eine Vergewaltigung der Seele. So hat sich das angefühlt.

ZDFzoom: Warum Vergewaltigung der Seele?

Yvonne: Der Verstand sagt die ganze Zeit: Du musst hier weg. Das geht so nicht. Und die Seele? Ich lieb ihn ja, er ist ja kein schlechter Mensch. Er hat ein riesiges Herz. Und – ja – diese Situation: Ich kann nicht weg. Ich wollte nicht weg von ihm. Normalerweise würde ich mich schützen. Der normale Menschenverstand sagt doch: "Geh weg, leb Dein eigenes Leben, sieh' zu, dass es Dir gut geht." Früher, bevor wir uns kennen gelernt haben, hatte ich eine sehr arrogante Einstellung. Ich habe mich immer gewundert: Wie können Menschen, Männer oder Frauen, mit Alkoholikern zusammenleben? Habe andere verurteilt dafür, dass sie sich so etwas antun, so ein Leben antun. Ich habe es nicht verstanden, warum ich so etwas tue.

ZDFzoom: Aber Sie haben ja einen Schritt unternommen, um ihrem Partner daraus zu helfen. Was haben sie denn gemacht, um das Thema anzugehen?

Yvonne: Wir waren zu dem Zeitpunkt fünf Jahre zusammen. Und da bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich es nicht mehr ausgehalten habe. Ich habe dann gedacht, vielleicht ist da irgendwas bei mir, was es zu untersuchen gilt. Und dann bin ich auf die Suche gegangen. Ich habe Seminare gebucht und Coachings, auch um mich selbst besser kennen zu lernen: Warum mache ich das mit? Und das habe ich dann auch raus gefunden. Und in dem Prozess habe ich gelernt, eine Haltung einzunehmen: Was möchte ich eigentlich im Leben? Ich habe vorher immer mit dem Finger auf ihn gezeigt: "Du musst aufhören, du bist derjenige der sein Geld verspielt." Ich war nicht bei mir und nicht bei ihm. Erst als ich angefangen habe, mich wirklich um mich zu kümmern, zu schauen: Was möchte ich denn vom Leben, da habe ich gemerkt: Nein, jemand, der sozusagen sein Leben wegwirft, das hat keine Zukunft für mich. Und dann hatte ich die richtige Haltung. Dann habe ich aufgehört, meine eigene Seele zu vergewaltigen.

ZDFzoom: Was haben Sie dann konkret gemacht?

Yvonne: Ich habe mir Adressen rausgesucht von Suchtberatungsstellen, habe da am nächsten Tag angerufen und gesagt: Ich bin Partnerin eines Spielsüchtigen und weiß nicht mehr, wie ich selbst damit umgehen soll.

ZDFzoom: Ganz praktisch – können Sie sich an den Moment erinnern: "Wir müssen was ändern"?

Yvonne: Kann ich mich genau dran erinnern. Ich lag im Bett und hab schon gelesen. Er kam nach Hause. Ich hab vorher geübt mit meinem Coach, habe das ganze Gespräch durchgeübt. Und in dem Moment habe ich mit einer Haltung für mich selber, nicht vom Kopf her, sondern mit meinem ganzen Selbst gesagt: "So geht es nicht mehr, ich will das nicht mehr. Ich möchte so und so leben. Spielst Du das neue Spiel mit oder willst Du dein altes Spiel weiterspielen?" Und dann hat er gesagt: "Ich spiele das neue Spiel mit. Denn er hat gemerkt: Es ist mir ernst dieses Mal. Das war anders als sonst.

ZDFzoom: Und was bedeutete „ernst“?

Yvonne: Ich wäre gegangen. Ich wäre ausgezogen und wir hätten uns getrennt. Und das war Haltung. Diesmal habe ich es wirklich so gemeint und ich hätte es gemacht. Und Menschen spüren das, ob man etwas ernst meint oder nicht. Und mein Freund hat das auch gespürt. Ich habe das wirklich so gemeint: Ich wäre gegangen wenn er sich da wieder herausgewunden hätte. Da war mir mein Überleben, auch mein seelisches Überleben, wichtiger. Ich habe uns eine Frist gesetzt von einem Jahr – ein Jahr Beratung, Therapie, Nachsorge, alles. Ich wollte wissen: Wie geht es uns damit - und: Wer ist er eigentlich wirklich? Was ist jetzt er und wer ist der Süchtige?

Das eine Jahr war im vergangenen August vorbei. Yvonne ist immer noch mit ihrem Freund zusammen. Seit einem halben Jahr hat ihr Partner nicht mehr gespielt. Er ist ihr für ihre Konsequenz sehr dankbar – und hat für alle Angehörigen einen wichtigen Rat:

"Der Spielsüchtige ist ein guter Schauspieler und kann sich gut verkaufen. Der Spielsüchtige spielt auch in Beziehungen, er spielt letztendlich mit seinem Umfeld und schaut: Wie weit kann ich gehen? Er lotet täglich seine Grenzen aus. Die Angehörigen müssen ganz konsequent sein, so wie meine Partnerin das gemacht hat, und Grenzen setzen. Und dann muss auch zwangsläufig eine Konsequenz erfolgen. Denn sonst hat der Spielsüchtige wieder gewonnen. Angehörige dürfen sich von Jammern und Klagen keinesfalls beeindrucken lassen, sondern sagen: "Du als Spielsüchtiger musst selber die Verantwortung übernehmen für Dein Leben."

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