Für Babies ist die Berührung das Zentralmedium

Wie wir Berührung lernen und warum ein sicherer erster Körperkontakt fürs Babys so wichtig für das Wohlbefinden im späteren Leben ist. Der Psychologe und Babytherapeut Thomas Harms gründete 1993 in Berlin die erste Schreiambulanz. Heute leitet er diese Einrichtung in Bremen.

ZDFzoom: Sie leiten die Schreiambulanz in Bremen. Mit welchen Problemen kommen denn Eltern zu Ihnen?
Thomas Harms: Also Eltern kommen in der Regel zu uns, wenn sie mit ihrem Baby an einen Punkt gekommen sind, wo sie die Mitteilung, die Körpersprache, die Verhaltenssprache ihres Kindes nicht mehr verstehen. Das kann sein, dass das Baby viele Stunden am Tag weint, schreit, quengelt. Es kann sein, dass das Baby nicht mehr schläft und nicht mehr schlafen mag, also nur noch ganz kurze Power-Naps macht. Die Eltern kommen meist in großer Not und Verzweiflung. Sie stehen wirklich ratlos vor ihrem Baby.
ZDFzoom: Wann werden denn aus schreienden Babys Schreibabys?
Thomas Harms: Also schreiende Babys werden in der Regel zu Schreibabys, also untröstlich schreienden Babys, wenn es ihnen nicht mehr gelingt aus einem Spannungszustand rauszukommen. Das Schreien ist normalerweise auch ein Versuch eine Spannung wieder aufzulösen. Die Eltern reagieren, nehmen das Kind hoch und im besten Falle gibt es eine Lösung und Entspannung. Das können Schreibabys in aller Regel nicht mehr. Wir sprechen von sogenannten disregulierten Kindern, d. h. das Schreien ist nicht mehr unmittelbar gekoppelt an bestimmte äußere Anlässe. Eine kleine Irritation löst bei Schreibabys einen regelrechten Erregungssturm aus. Ein extremes Schreien. Und aus dem kommen sie dann alleine und auch mit Hilfe von Körperberührung nicht mehr raus.
ZDFzoom: Woher kommt dieser Sturm?
Thomas Harms: Das ist ein Mix aus verschiedenen Ursachen. Eine Sache kann sein, dass immer wiederkehrende Fehleinstellungen von Mutter und Kind eine Rolle spielen. Das häuft quasi Spannungen an. Aber sehr häufig kommt es vor, dass eine überwältigende Stresserfahrung in früheren ersten Bindungserfahrungen stattgefunden hat. Z. B. ein sehr anhaltender, langer Stress den die Mutter vielleicht schon mit dem Baby in der Schwangerschaft erlebt hat. Oder überwältigende Schmerzen, überwältigende Angstzustände während der Geburt.
ZDFzoom: Welche Bedeutung hat Berührung in diesen ersten drei Lebensjahren eines Menschen?
Thomas Harms: Die Berührung ist das Zentralmedium. Ein Baby kriegt nur über die Berührung das Gefühl: meiner Mama geht es gut, meine Mama fühlt sich sicher. Sie hat mich gut im Arm, ich kann mich hier beruhigen. Das heißt die Berührungserfahrung gibt dem Baby sehr früh einen Hinweis darauf, hier ist die Welt okay. Du kannst dich verlassen, du kannst dich fallen lassen. Aber es kann genauso gut die Botschaft sein: die Mama ist hart, fest, angespannt. Auch das wird über den Körper vermittelt. Und das Baby lernt sehr früh, wenn ich in Not bin, ist der Körper der Mutter kein Ort, an dem ich gerne sein möchte. Babys lernen also das Gute wie das Schlechte durch Berührungen.
ZDFzoom: Was heißt das für das spätere Leben, wenn der Kontakt von den Eltern zum Baby nicht stimmt?
Thomas Harms: Diese Menschen sind damit konfrontiert, dass sie vielleicht immer wieder gerade in Notsituationen das Gefühl haben mutterseelenallein zu sein. Also Babys z.B., die viel schreien und die Eltern sind nicht in der Lage, das Kind zu begleiten, weil sie selber in totaler Not sind, in extremer Angst und das über Wochen, Monate. Da könnte die Folge sein, dass dieser größer werdende Mensch, später wenn er in Not kommt, immer wieder das Gefühl hat, da ist nichts bei mir. Ich bin ganz alleine, ich bin total isoliert. Und die Auslöser können ganz banale sein. Z. B., ich habe eine kleine Prüfungssituation. Und dieser Moment von Unsicherheit und Angst kann sich richtig auftürmen für diesen Menschen, weil er nicht so gute Fähigkeiten hat im Rahmen dieser frühen Beziehung mit seinem eigenen Gefühlen haltgebend umzugehen. Dann können Emotionen sehr schnell als bedrängend, überflutend und gefahrvoll erlebt werden. Diese Menschen ziehen sich dann eher zurück. Und die Folge ist häufig, dass sie jede Art von Engstellung, jede Art von Gefahr und Spannungssituation vermeiden.
ZDFzoom: Wenn wir mal zurückblicken, die letzten 30-40 Jahre und heute, was hat sich da verändert in der Art und Weise wie wir mit Kindern umgehen?
Thomas Harms: Also das faszinierende ist ja, wir leben in einer Zeit heute, wo noch nie so viel Wissen um die Bedürfnisse, die Belange eines neugeborenen Kindes bestanden hat. Auf der anderen Seite ist die gesellschaftliche Wirklichkeit bestimmt durch immer mehr Beschleunigung, durch eine ganz große Taktung von Aufgaben, die Menschen zu erfüllen haben. Es gibt immer weniger Gelassenheitsräume, immer weniger freie Zeiträume. Und tatsächlich ist es so, auch wenn Eltern einerseits wissen, was Babys brauchen, haben sie gleichzeitig immer weniger diese innere Ruhe, diese innere Gelassenheit in unserer heutigen so beschleunigten Zeit. Es ist ein Paradoxon. Wir wissen immer mehr, aber wir haben scheinbar immer mehr Schwierigkeiten diese intuitive Findung der Nähe mit unserem Gegenüber zu machen.
ZDFzoom: Kann man sagen, so wir als Kleinkinder berührt wurden, berühren wir später im Erwachsenenleben auch?
Thomas Harms: Absolut, also man kann sagen, die Berührungsmuster sind ganz eng geknüpft an die sogenannten Bindungsmuster, d. h. die Arten und Weisen, die wir erlebt haben, wie stabil war mein gegenüber, meine Mutter mein Vater bei mir, wird über die Berührung inhaliert und verankert und das sind spezifische und sehr stabile Programme und man kann sozusagen nicht aus seiner Haut treten. Man ist im Prinzip später so zu den anderen Menschen, wie man das selber erfahren hat. Das könnte man so auf das Sprichwort zurückführen "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm".
ZDFzoom: Warum ist Berührung so ein heikles Thema? Es wird viel gekichert, wenn man drüber redet?
Thomas Harms: Berührung ist natürlich einerseits schön, aber Berührung öffnet im Prinzip auch die Kanäle wieder, wo viel Schmerz abgelagert ist. Wir erleben oft in der Arbeit mit Eltern, dass aufweichende, körperöffnende Berührungen sehr schnell auch den Zugang zu erfahrenen Verletzungen schaffen. Zu Trennungserfahrungen, zu Überwältigungserfahrungen. Berührungen bringen einen auch ein Stück weit wieder an die ungeweinten Tränen heran. Sie führen zu diesem Schmerz von frühen Verletzungen, die man erlebt hat. Sie sind Teil eines Körpergedächtnisses. Berührung, so schön sie ist, bringt diese Erinnerungen sehr viel schneller an die Oberfläche, als wenn wir nur sprechen würden. Das wissen die meisten Menschen und eben auch die meisten Eltern intuitiv und deshalb machen sie auch einen kleinen Bogen um zu viel von dieser Nähe und dieser nähestiftenden Berührung.
ZDFzoom: Ist Berührung eigentlich der beste Schutz gegen Stress?
Thomas Harms: Ja, also ich würde uneingeschränkt sagen ja. Also Berührung in jeder Form. Sie macht Menschen resistenter, widerstandsfähiger. Es schafft ein besseres Selbstwertgefühl. Sie schafft eine bessere Emotionsregulation. Also man könnte sagen, würde dieses, was Berührung schafft, als Medikament verkauft werden, wäre es ein Renner. Deshalb kann man sagen, es sollte eigentlich alles gemacht werden in der Gesellschaft, diese Art von spendender Köpererfahrung allen Menschen zur Verfügung zu stellen.


Das Interview führte Paul Amberg

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