Gesundheitsgefahr lange unterschätzt

Schifffahrt auf Kosten der Gesundheit?

Hamburg feiert traditionell Anfang Mai seinen traditionellen Hafengeburtstag. Doch für den Umweltverband NABU ist das Vergnügen „Schifffahrt“ alles andere als unbedenklich. „Aus Gesundheits- und Umweltsicht ist es vollkommen unverständlich, dass Container- und Kreuzfahrtschiffe die Luft noch immer so massiv verschmutzen dürfen. Zumal wenn sie, wie hier in Hamburg in dicht besiedelten Gebieten ankern“, sagt NABU-Verkehrsexperte Daniel Rieger.

Mein Kollege Halim Hosny und ich wollen überprüfen, wie gefährlich Schiffsabgase für die menschliche Gesundheit sind und warum die meisten Schiffe immer noch ohne Filter fahren. Übertreiben die Umweltschützer mit ihrer Schwarzmalerei?

Früh gewarnt

Am Anfang sind wir skeptisch, treffen uns in Berlin mit einem der renommiertesten deutschen Feinstaub-Experten, dem Chemiker Dr. Axel Friedrich, der bis zu seiner Pensionierung als Abteilungsleiter im Umweltbundesamt arbeitete und dort an der Rußfiltergesetzgebung für PKW maßgeblich mitgewirkt hat. Friedrich beklagt, dass die Wissenschaft schon längst vor den Gefahren der Verkehrsemissionen gewarnt hat, bevor die Politik reagierte.

„Es hat 20 Jahre gedauert, bis die WHO, die Weltgesundheitsorganisation der UNO, diese Abgase als krebserzeugend eingestuft hat. Weil Lobbygruppen dagegen gearbeitet haben, es zu verhindern. Und die Tatsache, dass diese Herzinfarkte auslösen, ist lange, selbst in der Fachwelt, kaum durchgedrungen.“

Über 90.000 Schiffe fahren weltweit, sie transportieren achtzig Prozent des weltweiten Warenverkehrs. Schiffe sind aus unserem Leben nicht wegzudenken, sie versorgen uns mit Lebensmitteln, Computern, Turnschuhen und Gartenmöbeln aus aller Welt. Der Seetransport ist konkurrenzlos billig, kostet zum Beispiel für einen Laptop nur wenige Cent. Deshalb ist es günstiger, Produkte aus Billiglohnländern zu importieren, als sie in den westlichen Industriestaaten herzustellen.

Kostenvorteil vor Gesundheit?

Aber geht dieser Kostenvorteil auf Kosten unserer Gesundheit? In Rostock treffen wir den renommierten Wissenschaftler Prof. Ralf Zimmermann, der mit seinem Forschungskonsortium „Virtuelles Helmholtz Institut“ soeben einen einzigartigen Versuch durchgeführt hat. Lebendige Lungenzellen, eigens präpariert, wurden über mehrere Stunden Schiffsabgasen ausgesetzt. Das Ergebnis ist alarmierend: Schon nach wenigen Stunden zeigen die Zellen krankhafte Veränderungen, Vorstufen möglicher späterer Krebserkrankungen sind erkennbar.

Prof. Ralf Zimmermann, Uni Rostock
Prof. Ralf Zimmermann, Uni Rostock Quelle: Axel Friedrich, Feinstaub-Experte

Ebenso beunruhigend sind die Ergebnisse anderer Studien, etwa die des amerikanischen Forschers James Corbett von der Universität Delaware: Weltweit sterben jedes Jahr 60.000 Menschen vorzeitig, weil sie Schiffsabgasen ausgesetzt sind. Regionale Studien bestätigen die Forschung von Corbett, kommen zum Teil auf noch höhere Zahlen. Aber was tun mit dieser Erkenntnis?

Wir fragen den Vertreter einer Reederei, warum man nicht mit sauberen Schiffen fährt. Kostengründe, Wettbewerb – das sind die Argumente, die wir immer wieder hören. Aber kann es sein, dass Wirtschaftlichkeit vor Gesundheit geht? Immerhin, das zeigt uns ein Ausflug in die Forschungsabteilung eines großen deutschen Schiffsmotorenherstellers, gibt es bereits Umwelttechnik für Schiffsmotoren. „Scrubber“, Katalysatoren, Filter, aber auch alternative Kraftstoffe, wie zum Beispiel Flüssiggas, lauten die Zauberworte. Aber bevor die Reedereien ihre Flotten umrüsten, werden noch viele Jahre vergehen. Denn dafür muss sich die internationale Staatengemeinschaft auf weltweit gültige Obergrenzen für Schadstoffe in Schiffsemissionen einigen.

Viele Einzelinteressen

In London bei der UN-Schifffahrtsorganisation IMO erleben wir, wie mühsam die Abstimmung der Einzelinteressen nicht nur von Staaten, sondern auch von Lobbyverbänden ist. Hier begegnen wir auch wieder Axel Friedrich, der aus Berlin nach London gekommen ist, um seinen Standpunkt als Umweltlobbyist, als der er sich heute versteht, einzubringen.

Es dauere viel zu lang mit den Maßnahmen für saubere Schiffe, beklagt er. Denn die Schäden an unserer Gesundheit und an der Natur sind längst eingetreten. Für uns Reporter sind am Ende unserer Recherchen längst nicht alle offenen Fragen beantwortet. Aber wir haben gelernt: Schiffe können ein umweltfreundliches Transportmittel sein. Die Umstellung auf umweltfreundliche Technik kostet Geld. Aber sie ist es wert, jeden Cent. Und sie ist längst überfällig.

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