"Im Prinzip sind es Schönwetter-Schiffe"

Interview: Wie sicher sind Kreuzfahrten?

"Kreuzfahrtschiffe sind im Prinzip Schönwetter-Schiffe", sagt Stefan Krüger von der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Schiffsunglücken und der Frage, wie sie verhindert werden können. Das größte Problem für ihn: In puncto Schiffs-Sicherheit werde sehr viel Macht bei ein und denselben Einrichtungen gebündelt: den Klassifikationsgesellschaften.

Stefan Krüger
Stefan Krüger Quelle: ZDF


ZDFzoom: Herr Krüger, viele der Zwischenfälle mit Kreuzfahrtschiffen in den letzten Jahren wurden durch schwere See verursacht. Sind diese Schiffe etwa einfach nicht für schlechtes Wetter konzipiert?


Krüger: Solche Kreuzfahrtschiffe sind im Prinzip Schön-Wetter-Schiffe, weil die Leute an Bord nichts anbinden. Wenn sich jemand beschwert, dass jemand durch die Gegend fliegt, das wäre genauso, als wenn Sie auf dem Jahrmarkt auf ein Karussell steigen und sich nicht anschnallen und sich hinterher beschweren, wenn Sie rausfliegen.


ZDFzoom: Für das Schiff selbst ist das aber kein Problem?


Krüger: Nein, dem Dampfer passiert doch nichts, der rollt um 20 Grad, das macht jeder Dampfer. Dann fliegen natürlich die Damen auf der Bühne, das Klavier und die Sektkübel alle schön nach spezifischem Gewicht hin und her. Das passt natürlich nicht zu einer Kreuzfahrt. Eine Kreuzfahrt ist aber kein Hotel, das muss man als Mensch eben wissen.



ZDFzoom: Aber als zum Beispiel im Fall der "Louis Majesty" 2010 die Panoramafensterscheiben am Bug von einer sogenannten Monsterwelle eingedrückt wurden und dabei sogar Menschen starben, war das ja doch auch ein bauliches Problem, oder?


Krüger: Es hat geheißen: "Monsterwelle". Das ist natürlich Quatsch. Das war eine ganz normal hohe Welle. Das ist wohl einer der Zielkonflikte eines solchen Kreuzfahrtschiffes, dass man auf der einen Seite, um so einen Wassereinbruch zu verhindern, eben in der Höhe vernünftige Fenster mit Seeschlagblenden einbauen muss, wie so Fensterläden, die von draußen da dran sind, aus Stahl und Eisen. Ein Zielkonflikt zwischen einerseits der maximalen Bespaßung der Menschen, die da an Bord sind, und andererseits eben möglicherweise der Sicherheit.


ZDFzoom: Es gibt aber doch Regeln, Richtlinien wie die SOLAS, internationale Organisationen wie die IMO, Kontrollen durch die Klassifikationsgesellschaften - alles, um die größtmögliche Sicherheit zu garantieren. Woran hakt es dann, was ist das Problem?


Krüger: Wir haben in der Schiffstechnik die relativ schizophrene Situation, dass eine Klassifikationsgesellschaft A) die Regeln erfindet, B) die Einhaltung der Regeln überprüft und C) Schiffe entwerfen kann und sich selbst prüfen darf, ob sie bei ihren Schiffen die Regeln eingehalten hat. Sehr viel Macht ist in der Schiffssicherheit bei den Klassifikationsgesellschaften konzentriert. Das muss nicht unbedingt schlimm sein, aber wenn man die auch noch unter einen gewaltigen Renditedruck setzt, dann versackt man in so ein "Bermuda-Dreieck", wie ich das immer nenne, sicherheitstechnischer Natur: zwischen Reederei, Klassifikationsgesellschaft und Flaggenstaat. Und dann kommt es eben möglicherweise darauf hinaus, dass manche Dinge eben nicht kontrolliert werden.

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