Nähe zu anderen Menschen bedarf Zeit und Aufmerksamkeit

Interview mit Dr. Martin Grunwald

Warum wir uns so wenig berühren und wie Berührung eigentlich funktioniert. Interview mit dem Psychologen Dr. Martin Grunwald, Leiter des Haptik - Forschungslabors an der Universität Leipzig.

Martin Grunwald
Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Uni Leipzig. Quelle: ZDF

ZDFzoom: Leben wir in einer unterberührten Gesellschaft?
Dr. Martin Grunwald: Na zumindest kann man als Wissenschaftler die entsprechende Hypothese aufstellen. Für die Hypothese spricht das Auftreten von Phänomenen wie zum Beispiel Kuschelpartys oder die boomende Wellness–Industrie. Ich denke, es gibt einen größeren Bedarf von nicht sexuellen Köperberührungen, als sie im Alltag befriedigt werden.
ZDFzoom: Laufen nur Singles Gefahr unterberührt zu sein oder auch Paare?
Dr. Martin Grunwald: Jede Partnerschaft läuft Gefahr sich im Alltag in gewisser Weise auch körperlich zu verschleißen. Auch viele Paare müssen erst lernen, dass zu Nähe eben auch das Beieinandersein gehört und dass Nähe nicht unmittelbar und immer an sexuelle Aktivitäten gebunden ist. Um Verschleißerscheinungen in Partnerschaften und der Entkörperlichung im Alltag entgegenzuwirken, erscheint es mir sinnvoll, wenn Paare versuchen mindestens fünf bis zehn Minuten Körperkontakt pro Tag einzurichten. Körperkontakt und Körperberührungen transportieren Botschaften zwischen Menschen über nichtsprachliche Kanäle, auf die wir insbesondere in einer digitalisierten Umwelt keinesfalls verzichten sollten. Und zudem hat auch jeder schon erfahren, dass kleinere oder größere Beziehungskrisen durch wertschätzende Berührungen, Umarmungen oder generell durch Nähe einfacher bewältigt werden können, als durch endlosen Debatten.
ZDFzoom: Wie kommt es denn, dass wir uns nicht so viel berühren?
Dr. Martin Grunwald: Wenn der Berührungsmangel von jemandem beklagt wird, dann folgt in der Regel auch gleich die Begründung: der allgemeine und besondere Zeitmangel. Mehr oder weniger wird dieser Faktor im Begründungsdiskurs vieler sozialer Mängel, die wir erleben und beklagen verantwortlich gemacht. Der beklagte Zeitmangel wiederum wird häufig mit einem erhöhten Maß an Arbeitsbeanspruchung in Zusammenhang gebracht. Weniger wird reflektiert, dass wir im Alltag und auch im häuslichen Umfeld heute sehr viel Zeit mit digitalen Technologien verbringen. Wer zu Hause den technischen und psychischen online-Modus nicht ausschalten kann, wird auch kaum Ressourcen für reale Nähe-Zeiten zu anderen Menschen bereitstellen können. Nähe zu anderen Menschen – in welcher analogen Form auch immer - bedarf Zeit und Aufmerksamkeit.
ZDFzoom: Was passiert denn eigentlich bei einer Berührung?
Dr. Martin Grunwald: Das sind sehr komplexe Prozesse, die im Einzelnen noch nicht gut untersucht sind. Der Grundmechanismus ist jedoch folgender: Überall im menschlichen Körper befinden sich ca. eine Milliarde Rezeptoren, die auf Berührungs- und Bewegungsreize reagieren. In der Haut, in den Bindegeweben, den Organen, der Muskulatur, den Gelenken und in den Sehnen. Und wenn jetzt durch großflächige Deformation der Haut – z.B. im Rahmen einer Umarmung - ein Teil dieser Rezeptoren erregt werden, dann erreicht ein sehr umfangreicher, biochemischer und bioelektrischer Impulsstrom das Gehirn. Durch diese Impulsfolge werden im Gehirn verschiedene Neurotransmitter und Hormone freigesetzt. Diese verändern sowohl die Gehirnaktivität selbst als auch den physiologischen Status des Körpers, weil insbesondere die Hormone über den Blutkreislauf in den Körper gelangen. Diese Wirksubstanzen führen im Organismus dazu, dass sich zum Beispiel die Herzfrequenz reduziert, die Blutgefäße erweitern, die Muskulatur entspannt, und sich der Cortisol-Spiegel positiv verändert. Sofern es sich um eine wertschätzende Umarmung handelt, führen Berührungsreize demnach zu neuronalen und körperlichen Veränderungen, die mit der Entstehung von positiven Emotionen einhergehen. Aufgrund der hohen Reaktionsgeschwindigkeit der Tastsinnesrezeptoren und ihrer großen Anzahl können selbst kurze Berührungsreize den neurophysiologischen und den physischen Status eines Menschen sehr schnell und maßgeblich verändern.
ZDFzoom: Das klingt alles toll. Trotzdem ist Berührung verpönt.
Dr. Martin Grunwald: Philosophische und religiöse Perspektiven der letzten zweitausend Jahre und die modernen gesellschaftlichen und medizinischen Diskurse haben das Thema der zwischenmenschlichen Körperkontakte beinahe vollständig sexualisiert oder als Ansteckungsgefahr gebrandmarkt. Und auch heute interpretieren wir fast jede Berührung – insbesondere bei nicht verwandten Menschen - als Element einer potentiell sexuellen Handlung oder als Infektionsmöglichkeit. Die Übersexualisierung unserer Gesellschaft vermittelt subjektiv den Eindruck, dass jeder und jede permanent mit erwünschten, optimierbaren oder verhinderten sexuellen Handlungen beschäftigt ist. Und getrieben vom Wunsch nach einer immer besseren Gesundheit werden heute durchaus auch zwischenmenschliche Körperkontakte daraufhin bewertet, ob sie im mikrobiologischen Sinne schädlich sein könnten. Insofern ist es durchaus verständlich, wenn Körperkontakte auf diese Ebenen reduziert und in gewisser Weise auch furchtsam abgewertet werden. Doch grundsätzlich sollten wir anerkennen, dass Berührungskommunikation zwischen Menschen immer auch unabhängig von sexuell intendierten Handlungen existierte und dass wir dieser Kommunikationsform auch in Zukunft bedürfen, wenn wir nicht unmenschlich werden wollen. Insbesondere in unserem direkten sozialen und familiären Umfeld sollten wir die natürlichen Bedürfnisse nach Nähe und Körperkommunikation erkennen und adäquat damit umgehen.

Das Interview führte Paul Amberg

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