Körperkontakt zentral für eine funktionierende Gesellschaft

Interview mit Prof Matthias Riedel

Viele Menschen vermissen Berührungen, halten aber gleichzeitig einen Schutzabstand, weil sie nicht als aufdringlich wahrgenommen werden wollen. Das sagt der Körpersoziologe Matthias Riedel. Was passiert mit der Gesellschaft, wenn die Berührungen ausbleiben? ZDFzoom geht dieser Frage am Mittwoch um 22:45 Uhr nach.

ZDFzoom: Wie wichtig ist denn Körperkontakt für das Funktionieren einer Gesellschaft?
Prof. Riedel: Nach meiner Einschätzung und meinen langjährigen Studien ist Körperkontakt ganz zentral für das Funktionieren von Gesellschaft. In einer repräsentativen Studie zu alltäglichen Berührungen in Paarbeziehungen, die ich vor 10 Jahren durchgeführt habe konnte ich signifikante Zusammenhänge nachweisen, zwischen der Art und der Häufigkeit von Berührungen und der Zufriedenheit und Dauer von Partnerschaften.
ZDFzoom: Kann man sagen, je weniger Berührung je weniger Körperkontakt, desto unzufriedener sind die Menschen?
Prof. Riedel: In der Tendenz wird man sagen können, dass die meisten Menschen ein bestimmtes Quantum an positiven, zärtlichen, vertrauensvollen und freundschaftlichen Berührungen brauchen.
ZDFzoom: In Deutschland gibt es über 16 Mio. Einpersonenhaushalte und dort leben viele Singles. Was bedeutet diese Größenordnung für eine Gesellschaft?
Prof. Riedel: Aus soziologischer Perspektive muss man sagen, dass es sich hierbei um sehr unterschiedliche Singlegruppen handelt. Das heißt, da ist ein sehr großer Unterschied, ob das jetzt eine verwitwete Person über 70 ist oder ein freiwilliger Single mit Anfang 30. Je nach dem wird auch das Quantum an positiven Berührungen sehr unterschiedlich sein. Aber in der Tendenz wird man sagen können, dass viele Singles eher auch Berührungsdefizite in dem einen oder anderen Bereich haben, was bei Partnerschaften weniger der Fall sein wird.
ZDFzoom: Was der Grund dafür, dass Leute sich Berührung kaufen und die Wellnessindustrie boomt?
Prof. Riedel: Ich denke, dass ein Berührungsdefizit dafür mitverantwortlich sein kann, dass man sich Berührung kauft. Bei sogenannten Berufsberührern, in der Wellnessindustrie oder aber beim Friseur.
ZDFzoom: Wie sieht es bei Paaren aus? Nur weil man einer Partnerschaft lebt, heißt es ja noch nicht, dass man sich die ganze Zeit berührt.
Prof. Riedel: Meine repräsentative Studie hat deutlich gezeigt, dass das Gros der Paarbeziehungen nicht unter Berührungsarmut leidet sondern durchaus einzelne Lieblingsberührungen vermisst, aber im Grundsatz zufrieden ist. Allerdings sagt ein Drittel, sie hätten eben gern manche Berührungen mehr.
ZDFzoom: Wenn sie eine Bestandsaufnahme machen müssten, berühren wir uns in der deutschen Gesellschaft genug, oder gibt es da noch Defizite?
Prof. Riedel: Ich würde sagen, dass in Deutschland, je nach dem in welcher persönlichen Situation man lebt, ob in Partnerschaft oder als Single, in welcher Altersgruppe man lebt, ob man in einer größeren Familie lebt oder nicht, dass es durchaus Berührungsarmut gibt und Menschen Berührungen vermissen. Aber es ist wirklich sehr von der Gruppe und der Situation abhängig. Also eine generelle Berührungsarmut in Deutschland würde ich nicht konstatieren
ZDFzoom: Berührungen auch zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Erwachsenen und Kindern ist ein heikles Thema mittlerweile. Heißt das, dass wir auf dem Rückzug sind, dass wir Kinder auch eher dazu bringen, dass sie sich zurückziehen?
Prof. Riedel: Berührungen zwischen Lehrpersonen oder erziehenden Personen und Minderjährigen sind ein ganz heikles Thema geworden, weil es viele Missbrauchsfälle gab. Andererseits gibt es internationale Studien, die eindeutig belegen, wie wichtig ein vertrauensvoller kurzer Körperkontakt gerade im Bereich der Erziehung sein kann. Wenn ein Schüler sich verletzt hat, oder aufgrund der Trennungssituation der Eltern traurig ist, dann wäre die Frage, ob nicht ein Lehrer oder eine Lehrerin auch in der Lage sein sollte, eine kurze Berührung, eine kurze Umarmung vorzunehmen oder zumindest ein kurzes auf die Schulter klopfen.
ZDFzoom: Was würde so eine kurze Berührung bewirken?
Prof. Riedel: Sie drückt noch mal auf einem anderen Sinneskanal, in einer anderen Prägnanz das Mitfühlen aus, Vertrautheit kann Mut machen bis dahin, dass eben Berührungen auch physiologisch Stress reduzieren können.
ZDFzoom: Ist das Thema Berührung deshalb so ein heikles weil es auch schnell übergriffig werden kann oder die Angst davor besteht?
Prof. Riedel: Meines Erachtens werden Berührungen überwiegend nicht übergriffig, aber die Angst, dass es passieren könnte, sorgt dafür, dass viele einen Schutzabstand halten und trotzdem Berührungen vermissen. Dies wird dann in einem geschützten Rahmen, sei es in der Wellnessindustrie oder bei Kuschelpartys versucht, zu kompensieren. Dies sind aber nicht die alltäglichen, vertrauten Berührungen.


Das Interview führte Paul Amberg

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