Die Aktivisten bekommen einen Schub aus der Veganer-Bewegung

Interview mit Filmautorin Ulrike Brödermann

Kein Tier soll benutzt, geschlachtet, gegessen werden. Das haben sich radikale Tierschützer auf ihre Fahnen geschrieben und setzen sich im Namen der Tiere dafür ein – häufig auch mit illegalen Aktionen. Wie weit dürfen Aktivisten aus Liebe zum Tier gehen?, fragt "ZDFzoom". Über Monate waren die Filmautoren in der Welt der Aktivisten unterwegs und beleuchten die verschiedenen Positionen in der Tierschützer-Bewegung.

ZDF: Was fordern die Aktivisten "aus Liebe zum Tier": mehr als nur den Verzicht auf Fleischverzehr?

Ulrike Brödermann: Die Aktivisten fordern, dass Tiere weder benutzt noch geschlachtet und gegessen werden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen den Aktivisten, die sich komplett gegen Tierausbeutung und jede Form von Tiernutzung wenden, und denen, die dafür kämpfen, dass es den Tieren gut geht, bevor sie geschlachtet werden.

ZDF:  Wie viele radikale Tierschutz-Aktivisten gibt es in Deutschland?

Ulrike Brödermann: "Radikal" in ihrer Überzeugung gegen Tierausbeutung sind sicher fast alle strikten Veganer. Die Gruppe der "militanten" Tierrechtler und Tierbefreier dürfte sich in Deutschland auf 500 bis 1000 Menschen belaufen. Allerdings hat uns das Bundeskriminalamt bestätigt, dass in den vergangenen zehn Jahren mehr als 2000 Übergriffe stattgefunden haben, die man im Zusammenhang mit dem radikalem Tierschutz sehen muss. Wenige Aktivisten initiieren vergleichsweise viele Übergriffe und die Dunkelziffer sei hoch, weil viele Delikte nicht zur Anzeige gebracht werden.

ZDF: Und wie sehen diese Übergriffe aus?

Ulrike Brödermann: Die reichen von Sachbeschädigungen im Zuge von Kampagnen gegen Tierfabriken bis zu Aktionen gegen die Unterbringung von Tieren in Ställen. In den radikaleren Varianten kommt es zu sogenannten Homevisits, wobei Aktivisten vermeintliche Tierschänder in deren Privatsphäre aufsuchen, zum Einschlagen der Fensterscheiben von Ledergeschäften oder sogar zum Abfackeln von Hühnermastanlagen.

ZDF: Tierschutz hat ja schon eine längere Tradition in Deutschland: Hat sich die Tierschützer-Szene in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren verändert?

Ulrike Brödermann: Genau das haben wir uns angeschaut: Welche Gruppierungen gibt es in Deutschland und wie weit würden sie gehen aus Liebe zum Tier. Der Tierschutz hat tatsächlich schon eine 200-jährige Geschichte: Er war schon immer stark in England, aber seit den 70er-Jahren ist auch hierzulande eine gesellschaftspolitische Bewegung entstanden, die sich verstärkt für die Rechte von Tieren einsetzte. Heute hat es sich insofern verändert, als dass es in Deutschland mittlerweile viele Menschen gibt, die vegetarisch oder vegan leben wollen. Vielen geht es dabei "nur" um gesundes Leben oder um ein Zeichen gegen Massentierhaltung. Aktivisten allerdings verbinden mit dem Tierprodukte-Verzicht oft eine grundsätzliche Konsumkritik an der Gesellschaft, die bei den Politischeren unter ihnen immer auch eine Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen ist, auch an denen zwischen Tier und Mensch. Und von denen wollen dann einige nicht mehr nur Zettel verteilen, auf denen steht: Fleischessen ist doof. Sie wollen, dass überhaupt keine Tiere mehr ausgebeutet werden, und bringen das mit entsprechenden Aktionen zum Ausdruck.

ZDF: Sind Sie bei Ihren Recherchen auf Vorbehalte Ihrer angefragten Gesprächspartner getroffen oder gab es keine Probleme, auskunftsfreudige Interview-Geber zu finden?

Ulrike Brödermann: Es war ein langer Weg, das Vertrauen zu finden, um miteinander reden und das auch filmen zu dürfen. Wir lassen die radikalen Tierschützer ebenso zu Wort kommen wie diejenigen, die durch deren Aktionen geschädigt wurden. Das haben wir auch immer offen gelegt. Eine klare Absage gab es nur von einigen radikalen Aktivisten aus Großbritannien, die sagten, dass sie nicht mit der Mainstream-Presse reden würden. Ansonsten waren unsere Gesprächspartner aber sehr offen und wollten auch gehört werden.

ZDF: Und welche Erkenntnisse haben Sie bei Ihrer Recherche gewonnen: Muss in Sachen Tierschutz ein Umdenken stattfinden oder sind die Aktivisten nur eine Modeerscheinung?

Ulrike Brödermann: Die Tier-Aktivisten sprechen Tieren Rechte zu, weil es fühlende und intelligente Wesen sind. Sie sagen, dass es für sie einen Unterschied zwischen Recht und Gesetz gibt, und dass ihnen das Gesetz nicht weit genug geht. Daher nehmen sie sich moralisch das Recht, die Gesellschaft zu belehren und zu verändern. Man muss aber auch sagen: Verbesserter Tierschutz in Deutschland ist durch gewisse Grenzverletzungen erst in Gang gekommen – durch investigative Recherchen in Hühnerställen und Ähnlichem. Die Szene der Tierschützer ist international vernetzt aber auch sehr divers. So unterschiedlich ihre Vorgehensweisen sein mögen, muss man dennoch zumindest diejenigen, die demokratische Spielregeln einhalten, als Teil einer "Graswurzelbewegung" ernst nehmen, die das Konsumverhalten grundlegend ändern will – auch wenn sie mancher nur als Modeerscheinung sieht. Sie bekommen durch den aktuellen Trend zum Veganer durchaus einen Schub, zudem sind die Themen Klima- und Umweltschutz, die mit der Tierrechtsfrage verbunden sind, zukunftsgerichtet. Manche Aktivisten allerdings haben "Selbstermächtigungsfantasien", wie es die Extremismusforscher nennen. Danach muss man die Welt besser gestern als morgen radikal ändern und sollte das auch erzwingen. Das ist etwas, was BKA und LKAs durchaus mit Sorge beobachten. Was da an Radikalität noch auf uns zukommt, weiß keiner. Das Thema Tierrechte ist auf jeden Fall auf dem Tisch – so oder so.

Mit Ulrike Brödermann sprach Thomas Hagedorn.

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