Und dann kommt er ...

Ulf-Jensen Röller über seine Begegnung mit Jens Söring

Ich muss ins Gefängnis und ich bin nervös. Als ich klein war, habe ich gelernt, die Guten sperren die Bösen weg. In den Cowboy-Filmen meiner Kindheit ritt Johny Wayne durch die Prärie und fing dem Mann mit dem schwarzen Hut. Der Wilde Westen war gerecht und hart.

Erschreckend friedlich

Der Wilde Westen Amerikas lebt immer noch. Und: Er ist vor allem gnadenlos. Buckingham Correctional Center ist der offizielle Name dafür. Der Bundesstaat Virginia im Süden der USA hat 40 solcher Gefängnisse. Nur der Strafvollzug in Texas ist härter.


Ich fahre durch die Waldlichtung und plötzlich sehe ich das Bezirksgefängnis. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe. Die Sonnenstrahlen lassen das Gebäude aus Stahl und ganz viel Stacheldraht glitzern wie einen Kristall. Die Vögel zwitschern. Um neun Uhr morgens wirkt alles erschreckend friedlich.

Umso näher ich heranfahre, desto bedrohlicher wirkt es. Die Wachtürme an jeder der vier Ecken. Die Scharfschützen, die mit ihren Fernrohren die Gegend absuchen. Die Überwachungskameras. Wer hier sitzt, soll nicht raus. Wer hier reingeht, verliert seine Freiheit.

Nichts von der Außenwelt


Am Eingang begrüßt mich eine nette Dame von der Pressestelle. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Gefängnisses zuständig. Sanfter Händedruck und ermahnende Worte. Neben ihr stehen zwei Wachmänner mit riesigen Colts, die Handschellen hängen an der Wand der Eingangslobby. Ich darf dem Insassen nichts mitbringen: kein Geld, keine Schokolade, "nichts von der Außenwelt", wie sie hier sagen. Jeans darf ich auch nicht tragen, weil die die Gefangenen anhaben und man Verwechselungen vermeiden will. Das will ich auch. "Wie viele Gefangene sitzen hier?", frage ich die Pressesprecherin. "Wir sind ausgebucht", sagt sie grinsend. Rund 100 Insassen. Zwei-Mann-Zellen, zehn Quadratmeter groß. Die meisten hier Mörder, Vergewaltiger.


Durch noch eine Sicherheitsschleuse muss ich durch, noch einmal Abtasten und dann bin ich drin im Gefängnis. Es riecht nach Reinigungsmittel. Ein älterer schwarzer Strafgefangener fegt in kreisenden Bewegungen den Linoleumboden, in dem man sich schon längst spiegeln kann. Unaufhörlich die gleiche monotone Bewegung. Die Rasenflächen sind gepflegt. Kein Halm ragt heraus. Die Grasnarbe - eine gerade Linie. Das Unkraut haben die Gefangenen herausgerupft. Das Buckingham Correctional Center ist sauber und ordentlich.

Zweimal lebenslänglich

Jeder Gefangene hat eine Nummer. Jens Söring ist Häftling 179212. Und er ist der bekannteste Deutsche in einem amerikanischen Gefängnis. Seit 25 Jahren sitzt er für einen Doppelmord. Zweimal lebenslänglich bekam er. Er hat nie aufgehört, seine Unschuld zu beteuern. Das Interview findet in einem fensterlosen Raum statt. An den Wänden hängen Bilder mit Sonnenuntergängen und endlosen Stränden. In der Ecke steht die amerikanische Fahne.

Ich frage die Dame von der Presse, ob irgendwelche Beschränkungen für das Interview gelten. "Nein, sie haben zwei Stunden Zeit", erklärt sie uns, und wir dürfen uns in diesem Raum frei bewegen. Zwei Wachsoldaten beziehen neben der amerikanischen Fahne Stellung. Sie lässt Söring rufen. Und dann kommt Söring. Jeans-Hemd, Jeans-Hose. Jungendliches Gesicht. Und streckt mir seine Hand entgegen. Sanfter, trockener Händedruck. Während ich sie halte, frage ich mich, ist es die Hand eines Mörders oder eines Unschuldigen?

Nicht gealtert

Söring ist im Gefängnis nicht gealtert, als weigere er sich, die Strafe anzuerkennen. Er macht viel Sport. "Man muss hier stark sein", erklärt er, "das ist eine Überlebensfrage." Jeden Morgen läuft er ein Paar Kilometer im Innenhof des Gefängnisses. Immer im Kreis. Er träumt davon, einmal in seinem Leben geradeaus zu laufen. Immer geradeaus - ohne an eine Mauer zu stoßen. "Was verbindet Sie mit dem Begriff Freiheit?", frage ich ihn. "Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was Freiheit ist", erwidert er. Es sei so lange her. Er wisse auch nicht mehr, wie ein Steak schmecke. Er könne sich nur noch daran erinnern, dass er es gerne gegessen habe, aber das Geschmackserlebnis sei in seinem Kopf ausgelöscht.


Und trotzdem kämpft Söring seit 25 Jahren um seine Freiheit, kämpft dafür rauszukommen. Es ist ein Kampf Söring gegen Virginia, gegen den US-Staat, der ihn seit 25 Jahren einsperrt. Er hat nie aufgegeben. Er hat sieben Bücher geschrieben, in denen er das amerikanische Justizsystem angreift. "Die Amerikaner halten sich immer für die Größten. Deshalb hassen sie es, wenn einer nicht aufhört, ihnen zu sagen, dass sie es nicht sind." Söring will kein geschmeidiger Gefangener sein. Er klagt an. Er hat Grund dazu. Es gibt viele Verfahrensfehler in seinem Fall. Es gibt einen neuen Zeugen, der ihn entlastet. Das Blut am Tatort wurde vor kurzem auf DNA-Spuren untersucht: 42 Spuren - und keine stimmte mit seiner DNA über ein.

Die Zeit ist abgelaufen

Der Bewährungsausschuss, der seinen Antrag schon sechsmal abgelehnt hat, will seine Argumente nicht hören. Sie wollen, dass er endlich zugibt, dass er der Mörder ist. Das würde seine Chance rauszukommen, erhöhen. Er weiß das. "Aber soll ich jetzt auch noch den reuigen Sünder spielen? Nein, das mache ich nicht. Nicht nach all den Jahren, in denen ich gekämpft habe." Er lacht, wenn er solche Sätze sagt. Die Zeit sei abgelaufen, ermahnt uns die Dame von der Pressestelle. Man sei mit Söring fertig. Ich möchte ihm noch etwas Ermutigendes zum Abschied sagen. Aber was? Ich will ihn nicht anlügen. Söring nimmt meine Hand. Es sei schön gewesen, mal wieder Deutsch zu sprechen. "Grüßen Sie mir die Heimat!" Und dann, kurz vorm Rausgehen dreht er sich noch einmal um und sagt: "Wir treffen uns in Berlin." Ich sehe ihn noch lächeln, bevor die Gefängnistür hinter ihm ins Schloss fällt.

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