"Verwandte oder Freunde als Täter"

Menschenhandel und Prostitution - mitten in Deutschland

Seit der EU-Osterweiterung hat der Handel mit Frauen aus Ost-Europa dramatisch zugenommen. Immer häufiger werden junge Mädchen aus Ländern wie Rumänien mit vermeintlich lukrativen Jobangeboten nach Deutschland gelockt. Hier angekommen, droht den Frauen eine ausweglose Zukunft als Prostituierte. ZDFzoom hat darüber mit Uwe Dörnhöfer, Kriminalkommissar am Polizeipräsidium München, gesprochen. Er ermittelt seit Jahren bei Prostitution und Menschenhandel.

Uwe Dörnhöfer, Kriminalhauptkommissar Polizei München
Uwe Dörnhöfer, Kriminalhauptkommissar Polizei München


ZDF: Herr Dörnhöfer, wie hat sich die Prostitution in Ihrem Bereich nach der EU-Osterweiterung entwickelt?


Uwe Dörnhöfer: Im Zehn-Jahresvergleich hat sich die Anzahl der im Bereich des Polizeipräsidiums München kontrollierten Prostituierten etwa verdoppelt. Im Jahr 2001 waren es 1.438, im Jahr 2011 2.881, die ihre Dienste anboten.
Vor zehn Jahren waren noch 75 Prozent der Prostituierten deutscher Staatsangehörigkeit. Mittlerweile ist nur noch jede Vierte deutscher Herkunft. Diese Entwicklung begründet sich auch durch die EU-Osterweiterungen mit den einhergehenden Reiseerleichterungen. Besonders auffällig in den letzten Jahren ist der starke Anstieg und die hohe Zahl an Prostituierten aus Rumänien. Gefolgt von Ungarn und Tschechien.


ZDF: Welche Probleme haben Sie bei der Bekämpfung von Zwangsprostituion?


Uwe Dörnhöfer: Problematisch bei der Bekämpfung des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung ist, dass Personen, die unter Zwang der Prostitution nachgehen, sich selbst nur sehr eingeschränkt als Opfer von Straftaten sehen. Oft wurden sie auch in ihrem Heimatland ausgebeutet und es erging ihnen dort noch deutlich schlechter.


ZDF: Wer steckt hauptsächlich hinter diesen Machenschaften?


Uwe Dörnhöfer: Generelle Aussagen dazu kann man nicht treffen. Täter können Verwandte, angebliche Freunde oder auch Mitglieder von kriminellen Banden sein. In der Regel setzen sie ihre Opfer unter Druck - sei es, dass Schulden "abgearbeitet" werden müssen oder dass Verwandte der Frauen bei Arbeitsverweigerung über deren Tätigkeit informiert werden. Es kommt auch vor, dass den Frauen angedroht wird, Verwandte zu verstümmeln, sollten sie die Wünsche der "Zuhälter" nicht befolgen.


ZDF: Welchen Umfang hat der Menschenhandel inzwischen?


Uwe Dörnhöfer. Der Umfang ist nicht ansatzweise abzuschätzen. Statistiken hierüber sind wenig aussagekräftig. Ein Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels ist nur dann möglich, wenn das Opfer aussagebereit ist. Aber nur in wenigen Fällen können die Opfer ihre Angst vor den angedrohten Konsequenzen der "Zuhälter" überwinden, um die notwendigen Angaben zu machen.
Aufgrund der Erfahrungen im Rotlichtmilieu gehen wir davon aus, dass nur vereinzelte Prostituierte ungezwungen ihrer Tätigkeit nachgehen. Die hohen Summen, die hier verdient werden können, locken eine Vielzahl von "Freunden", die den Großteil der Einnahmen für sich reklamieren.


ZDF: Welche Eingriffsmöglichkeiten hat da die Polizei überhaupt?


Uwe Dornhöfer: Die derzeitigen rechtlichen Möglichkeiten erlauben Betretungs- und Kontrollrechte in Prostitutionsbetrieben. Ergänzend werden in München alle Prostituierten in Gesprächen befragt und der Kontakt ständig aufrechterhalten. Dies erfordert natürlich einen hohen Personalaufwand. Aber nur so ist es möglich, Opfer von Menschenhandel zu erkennen. Andere wünschenswerte Kontrollmechanismen sind derzeit gesetzlich nicht vorgeschrieben oder werden nicht durchgeführt.



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DF: Welche Erfolge kann die Polizei verzeichnen ?



Uwe Dörnhöfer: Die "Münchner Linie" bei der Bekämpfung der Prostitutionskriminalität beinhaltet einen sehr starken präventiven Charakter, auf den wir sehr stolz sind. Die Vielzahl der Kontroll- und Streifentätigkeiten und der wiederkehrende Kontakt mit nahezu jeder Milieuperson sorgen dafür, dass im Bereich "Rotlicht" kein rechtsfreier oder stark von "Zuhältern" dominierter Raum entstehen kann.
Bei der Strafverfolgung legen wir Wert auf eine konsequente Bearbeitung aller Delikte mit Bezug zum Rotlichtmilieu. Ob Kreditkartenkriminalität, Körperverletzungsdelikte oder Menschenhandel und Zuhälterei: Den Hintermännern darf hierfür kein Raum bleiben.


ZDF: Wie steht es um die Zusammenarbeit mit den Behörden in Ost-Europa?


Uwe Dörnhöfer: Neben Austauschprogrammen von Mitarbeitern entwickeln sich zunehmend weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Daran wird zurzeit auf den unterschiedlichsten Ebenen gearbeitet.


ZDF: Wenn eine Frau bereits in Deutschland ist, wie kann sie dem dann noch entfliehen?


Uwe Dörnhöfer: Vielleicht entgegen ihrer Erfahrungen mit der Polizei im Heimatland, ist es hier besonders wichtig, Vertrauen zu den deutschen Behörden, insbesondere zur Polizei, zu haben. Wir brauchen Opfer, die ihre Aussagen bis zur Gerichtsverhandlung vorbringen. Ziel ist eine möglichst hohe Verurteilung eines Menschenhändlers.
Durch die intensive Zusammenarbeit mit Hilfseinrichtungen sind die möglichen Folgen für die Frauen oftmals kalkulierbar und es ergeben sich Hilfsmöglichkeiten.


ZDF: Welche Möglichkeiten für ein normales Leben hat eine Frau noch, wenn sie erst in einer Schutzwohnung unter Polizei-Schutz lebt ?


Uwe Dörnhöfer: Eine dauerhafte Lösung dieser Art wird nicht angestrebt. Aufgrund behördenübergreifender Zusammenarbeit ergeben sich hier sicherlich Möglichkeiten, die ein weitgehend unbeschwertes Leben einer Frau ermöglichen. Bitte haben Sie jedoch Verständnis, wenn wir hierüber keine weiteren Informationen preisgegeben können.


ZDF: Was müsste der Gesetzgeber tun?


Uwe Dörnhöfer: Durch die Änderung des Prostitutionsgesetzes im Jahr 2002 wollte der Gesetzgeber die Rolle von Prostituierten stärken, sie in ein "Angestelltenverhältnis" bringen, Diskriminierungen abbauen und den Zugang zu Sozialversicherungen ermöglichen. Tatsächlich wurden dadurch aber die Bordellbetreiber und Zuhälter gestärkt. Realistisch betrachtet arbeiten die Prostituierten nun in einem deutlich schlechteren Gesamtgefüge. Am Ende schafft das Gesetz bessere Möglichkeiten, jemanden auszubeuten.
Auf den Punkt gebracht sehen wir folgende gesetzliche Notwendigkeiten: Ausübung der Prostitution nur als selbständige Erwerbstätigkeit mit Anmeldung bei den Steuerbehörden (keine Abhängigkeiten durch "Angestelltenregelungen") ; Anmeldepflicht bei der Polizei; legale Prostitutionsausübung erst ab 21 Jahren; Wiedereinführung einer ärztlichen Untersuchungspflicht für Prostituierte; Zuverlässigkeitsprüfungen für Bordellbetreiber; Erlaubnispflicht für den Betrieb eines Bordells; Änderungen bei den Straftatbeständen "Förderung der Prostitution", "Zuhälterei" und "Menschenhandel"

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