Lückenhafte Kontrollen

Filmautor Thadeus Parade im Interview

Die 244 Öl- und Erdgasspeicher in Deutschland werden von Aufsichtsbehörden nur unzureichend technisch überwacht. Das berichtet ZDFzoom am 3. Dezember 2014, 22.45 Uhr in der Dokumentation „Tickende Zeitbomben – Wie sicher sind Speicher unter Tage?“. Bislang gibt es keine gesetzliche Vorschrift, die bis zu 1000 Meter tiefen Rohrleitungen zwischen Erdoberfläche und sogenannten Kavernenspeichern während der Betriebsphase umfassend zu kontrollieren.

ZDF:  Anlass für Ihren Film „Tickende Zeitbomben – Wie gefährlich sind Speicher unter Tage“. Am 12. April dieses Jahres trat aus einem unterirdischen Speicher im Kavernenfeld Epe im nordrhein-westfälischen Gronau Erdöl aus. Wie kam es dazu?

Parade:  Das Kavernenlager in Gronau-Epe, weltweit eines der größten, ist durch industriellen Salzabbau für die chemische Industrie entstanden: Die Förderung von Sole hat in 1000 Meter Tiefe die Hohlräume entstehen lassen, die seit 1974 als unterirdische Speicher für Erdöl und später auch für Erdgas genutzt werden. Die Erfahrungen mit diesen Kavernenspeichern waren bisher positiv, doch jetzt hat der Vorfall in Nordrhein-Westfalen gezeigt: Sie werden nur lückenhaft kontrolliert.

Speicherkavernen so groß wie der Kölner Dom

ZDF: Wie sicher sind diese künstlich hergestellten Kavernenspeicher insgesamt?

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Risse in den Wänden: Das Haus von Thomas K. "säuft“ langsam ab. Quelle: ZDF

Parade: Salzlagerstätten sind ziemlich sicher, aber eben nicht ohne Risiko. Denn es handelt sich um künstliche Eingriffe. Die Ausmaße sind gigantisch: Allein eine Speicherkaverne ist so groß, dass der Kölner Dom mühelos darin Platz fände. Rund 80 dieser Speicher stehen dicht an dicht, der Boden ist quasi durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Und das kann zu massiven Bodensenkungen führen. Ein Problem übrigens, mit dem wir hier im Ruhrgebiet sehr vertraut sind. Denn dort ist die Erdoberfläche durch Bergbau in all den Jahrzehnten teilweise bis zu 30 Metern abgesackt. Das kann zu so großen Schäden führen, dass ganze Häuser abbruchreif sind. Als mir bei meinem ersten Dreh in Gronau-Epe ein Anwohner berichtete, dass es auch im Kavernenfeld Bodenabsenkungen gebe, bin ich hellhörig geworden. Dazu muss man wissen: durch den enormen Druck in der Tiefe werden die Speicherkavernen langsam aber stetig zusammen gepresst. Diesen Prozess kann man nicht mehr stoppen. Was also unten an Masse fehlt, wird an der Oberfläche als Senkung sichtbar. Und das führt dann unweigerlich zu der Frage: welche Auswirkungen haben diese Bodensenkungen auf Kavernenspeicher und deren Technik? Ich habe bei der Bergbehörde, die für die Aufsicht und Kontrolle zuständig ist, Akteneinsicht beantragt. Und ein Rechercheergebnis war: Die Rohrverbindungen zwischen Oberfläche und Speicherkaverne, die bis 1000 Meter tief in die Erde reichen, werden nicht hinreichend kontrolliert. Das ist auch schwierig, weil das ein starres Rohrsystem ist, das fest einbetoniert ist, damit Öl oder Erdgas hinein- und herausgepumpt werden können. Fakt aber ist: es gibt ein Leck an einem Rohr in rund 200 Meter Tiefe. Aber eine offizielle Erklärung, warum es zu dem Leck gekommen ist, steht immer noch aus.

ZDF: Konnten Sie die These mit den Bodensetzungen als Ursache des Lecks überprüfen?

Parade: Wir haben mit Wissenschaftlern der Technischen Universität Darmstadt einen Versuch unternommen, was mit einem Rohr und dessen Verankerung passiert, auf das Setzungskräfte einwirken. Selbst der stärkste  Tiefbohrzement bekommt bei übergroßem Druck Risse. Und das wiederum kann Folgeschäden auslösen, die letzten Endes auch ein Leck verursachen können. Aber das wird nicht kontrolliert. Allerdings gibt es auch keine gesetzliche Vorschrift, die besagt: Kontrolliert das alle vier oder fünf Jahre.

ZDF: Benötigt man diese Kavernenspeicher immer noch aus dem Grund, der vor über 40 Jahren nach der Ölkrise von 1973 ausschlaggebend war: eine nationale Ölreserve anzulegen?

Erdgasreserve angesichts der Ukraine-Krise?

Parade: Wie sinnvoll es ist, dass die Bundesrepublik Deutschland Erdöl bereithält, mit dem sie 90 Tage unabhängig ist, kann ich nicht beurteilen. Möglicherweise ist da manches auch der Zeit des Kalten Krieges geschuldet. Allerdings wird angesichts der Ukraine-Krise derzeit wieder diskutiert, ob auch eine nationale Erdgasreserve eingeführt werden sollte. Das Öl ist national als Krisenbevorratung gesetzlich geregelt, beim Erdgas ist es freiwillig, da gewähren bisher allein die großen Energieunternehmen die Versorgungssicherheit.

ZDF: Erdgas ist allerdings nicht nur mit Blick auf die Fracking-Methode derzeit ein Thema, sondern offensichtlich auch hinsichtlich der zahlreichen Salzstöcke in Deutschland. Was hat Ihre Recherche dazu erbracht?

Parade: Angesichts der geologischen Gegebenheiten, mit denen Deutschland gesegnet ist, gibt es die meisten Salzstöcke und Salzschichten in Nord- und Mitteldeutschland. Und gerade in Norddeutschland wurde das lukrative Marktsegment „Erdgasspeicherung“ erkannt und zuletzt ausgebaut. Dafür wird sogar die Sole heute mit fast zwölffacher Konzentration wie Meerwasser ins ökologisch sensible Wattenmeer gepumpt, um Speicherplatz zu bekommen. Doch das geht als Thema schon über diesen „ZDFzoom“-Beitrag hinaus.

Mit Thadeus Parade sprach Thomas Hagedorn.

    Thadeus Parade, Jahrgang 1964, arbeitet seit 2009 als Redakteur und Reporter im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Politik. Zuvor war er ab 2005 als Reporter und Redakteur in der Senderedaktion „ZDF.reporter“ im Einsatz. Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie arbeitete Thadeus Parade ab 1995 als freier Autor für ZDF und WDR. Der gebürtige Düsseldorfer wurde bereits mit dem Journalistenpreis des Bundes der Steuerzahler in der Kategorie Fernsehen, dem Ernst-Schneider-Preis der Industrie- und Handelskammern sowie dem Deutschen Wirtschaftsfilmpreis ausgezeichnet. Für „ZDFzoom“ realisierte er zusammen mit Ute Waffenschmidt den Film „Versenkt, verbaut, vergraben – Pleitegeier über Rhein und Ruhr“, den das ZDF am 9. Mai 2012 erstmals sendete.

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