Flüchtlingsdrama an der Riviera: Läßt Europa Italien im Stich?

- Flüchtlingsdrama an der Riviera: Läßt Europa Italien im Stich?

Mehr als 2.400 Menschen sind in diesem Jahr bereits bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken. Fast 120.000 haben es bis Europa geschafft, rund 97.000 davon nach Italien. Tausende sitzen an der Grenze zu Frankreich fest – und riskieren wieder ihr …

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 15.08.2018, 20:00
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2017

Sie dämmern auf Pappkartons vor sich hin: mehr als 400 Flüchtlinge aus Schwarzafrika, die im Kiesbett unter einer Autobahnbrücke ihr Lager aufgeschlagen haben. Man mag es kaum glauben, aber ich bin an der italienischen Palmenriviera. Auf dem Weg hierher bin ich an einer Superyacht vorbeigekommen, die 635.000 Euro Wochenmiete kostet. Das Millionärs-Mekka Monte-Carlo ist nur 25 Kilometer von diesem Camp der Besitzlosen entfernt. Eine groteske Situation.

Dunja Hayali unter einer Brücke bei Ventimiglia mit den Flüchtlingen Mohamed und Sülejman.
Dunja Hayali unter einer Brücke bei Ventimiglia mit den Flüchtlingen Mohamed und Sülejman. Quelle: ZDF

Mohammed erzählt mir seine Geschichte. Er ist erst 17, aber schon seit drei Jahren auf der Flucht. Weggegangen aus Darfur im Sudan, wo seit 14 Jahren Bürgerkrieg herrscht. Irgendwann angekommen an der libyschen Küste, wo Banditen ihn schlugen und verschleppten, bis seine Familie ein Lösegeld für ihn zahlte. Schließlich von Schleppern in ein Schlauchboot gepfercht, das völlig überladen auf dem Meer ausgesetzt wurde. Fast wäre er verdurstet, bis endlich ein Schiff auftauchte und ihn und all die anderen nach Italien brachte.

Gestrandet im malerischen Badeort

Ob er die Wahrheit sagt, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nur, dass er weiter will. Raus aus Italien, weiter nach Frankreich, Deutschland oder England, weil er sich dort ein besseres Leben erhofft. So wie all die anderen jungen Männer um ihn herum. Sie kommen aus dem kriegsgeschüttelten Sudan, aus Nigeria, aus Gambia, aus vielen Ländern Afrikas. Hier in Ventimiglia sind sie gestrandet, in diesem malerischen Küstenstädtchen an der Grenze zu Frankreich. Hier staut sich der Strom der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer gekommen sind. Denn die Grenze ist dicht. Was die Menschen aber nicht davon abhalten kann, es immer wieder zu versuchen.

Gerettet, um erneut ihr Leben zu riskieren

Dunja Hayali mit Demonstrantin in Ventimiglia
Dunja Hayali mit Demonstrantin in Ventimiglia Quelle: ZDF

Heute Nacht werden sich viele von ihnen erneut auf den Weg machen. Sie werden die Autobahn entlang schleichen oder sich im Dunkeln auf steile Gebirgspfade wagen. Und sehr wahrscheinlich wird die französische Polizei sie – wie so oft zuvor – irgendwo aufgreifen, um sie sofort zurückzubringen nach Italien. Es ist ein absurder Kreislauf, der erst dann endet, sobald es jemand doch über die Grenze schafft – oder zu Tode kommt. Mindestens 13 Menschen sind bereits gestorben, abgestürzt in eine Schlucht der Seealpen, überfahren auf der Autobahn oder getötet durch den Stromschlag auf dem Dach eines Grenzzugs. Tragische Opfer einer gescheiterten europäischen Flüchtlingspolitik.

„Abschieben, abschieben“, skandiert eine aufgebrachte Menge mitten in Ventimiglia. Etwa 100 Anwohner und Geschäftsleute demonstrieren gegen die Fremden, die dem Tourismus schaden, so sagen es die Demonstranten. Die Stadt ist nicht vorbereitet auf diese Masse Menschen. Es sind zu viele. Und obwohl die Europäer regelmäßig ihre Solidarität betonen, wollen sie nicht helfen. „Europa lässt uns im Stich“, klagt der Bürgermeister Enrico Ioculani. Und wenn man sich die Situation in Ventimiglia anschaut, muss man sagen: er hat Recht.

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