"Auch ich brauche meine Freiräume"

Interview mit Suzanne von Borsody

In "Ein geheimnisvoller Sommer" spielt Suzanne von Borsody die freiheitsliebende Fotografin Esther Kaufmann, die während ihres Urlaubs in den Alpen erkennen muss, dass ihr Liebhaber jahrelang ein Doppelleben führte. Im Gespräch spricht die Schauspielerin über die Besonderheiten dieser feinsinnigen Geschichte und verrät, wie sie sich privat emotionale Freiräume verschafft.


ZDF: Was hat Sie besonders an diesem Drehbuch fasziniert?


Suzanne von Borsody: Die Geschichte einer 50-jährigen Frau, die heute, 2010, mitten im Leben steht und die genauso ist wie erfolgreiche Frauen um die 50 heute sind. Sie ist eine Frau, die es gewohnt ist, alles unter Kontrolle zu haben, gewohnt ist, zu agieren und nicht zum Reagieren verdammt zu sein. Die ein Leben führt, wie sie es haben wollte. Die ihre Freiheit, ihre finanzielle Unabhängigkeit, ihren Geliebten hat und ihren beruflichen Erfolg braucht.

Deren Leben aber anfängt, sie zu langweilen. Sie weiß, es wird sich etwas verändern müssen. Sie ahnt aber nicht, wie bald und drastisch das sein wird. Der Autorin Hannah Hollinger ist es gelungen, das Psychogramm einer Frau zu schreiben. Ein Kammerspiel, in dem sich ein Krimi versteckt. Um Esthers Gedanken zu zeigen, benutzt sie den Trick der Gedankenstimme auf eine raffinierte Art. Sie lässt sie ihre inneren Zustände auf die Mailbox ihres nicht zu erreichenden Freundes sprechen.


ZDF: Was war Ihnen beim Durchleben dieser Rolle besonders wichtig?


von Borsody: Dass ich Esther mag. Ich mag sie sehr. Sie ist spröde, sperrig und zerbrechlich, ohne dass es jemand merkt. Sie will nicht und tut es trotzdem. Ich mag ihren Unmut und ihre Verwirrung, auch dass sie sich stellt, obwohl sie gehen könnte. Ihr Gespür für Falschheit. Dass sie nicht erpressbar ist und dass sie aus Erfahrung lernt. Dass sie nicht aufgibt, nicht resigniert. Ich mag ihren Humor, ihre Konsequenz und Selbstironie.

Sie hat Angst davor, abhängig zu sein, und ist wütend auf ihre Verzweiflung, wenn sie feststellt, dass sie es doch ist. Auch ihren Kampf gegen die unabänderliche Änderung ihres bisherigen Lebens mag ich. Sie erkennt Stück für Stück die großen Zusammenhänge und auch das "andere Ganze". Sie sucht nach der Wahrheit und findet viele verschiedene.


ZDF: Wie haben Sie sich auf diese schwierige Rolle vorbereitet?


von Borsody: Wie bei allen Rollen stelle ich mir als erstes die Frage "Wer ist das?". Was sagt die Figur über sich selbst, und wie ist ihr Verhältnis zu den anderen Figuren. Was sagen die anderen über sie, wovor hat sie Angst, was liebt sie, wo liegen ihre Stärken, wo die Schwächen? Wo geriet sie aus dem Gleichgewicht und warum? Was sagt und tut sie und warum etc.? All das steht in dem Drehbuch, das ist das Gesetz. Danach erst kommt der Freiraum des Schauspielers. Der Freiraum der eigenen Entscheidung. Naja, natürlich addiert sich zu meinen Freiräumen auch noch die Entscheidung durch Regie, Kamera, Maske, Kostüm, Kollegen, Umgebung und wetterbedingte Umstände.Esther als Fotografin schafft sich ihre eigene Welt. Sie denkt, sie hat die Wahl in Perspektive, Größe, Ausschnitt eines Bildes. Stellvertretend ist das auch zu ihrer Lebensphilosophie geworden. Sie ist gewohnt, dass sie sich auf sich selbst verlassen muss. Dass sie stark sein muss, obwohl sie sich manchmal gerne anlehnen würde. Das gleiche Schema erkennt sie in dem jungen Paul. Das verbindet, glaube ich, die beiden Hauptfiguren.


ZDF: Wie können Sie sich privat diese emotionalen Freiräume schaffen? Fotografieren Sie voller Leidenschaft wie Esther?


von Borsody: Ja, auch ich brauche meine Freiräume. Nun ja, es ist ja bekannt, dass ich male, und ich fotografiere zwar nicht professionell, aber oft auch als Vorlage für meine Bilder.


ZDF: Auch solch herrliche Berglandschaften, wie Sie im "geheimnisvollen Sommer" zu sehen sind?


von Borsody: Auch. Ich bin als Münchner Kindl geboren und auch hier aufgewachsen. Skifahren war ich in den Alpen oft und gerne. Hier in diesem Ort in den Chiemgauer Bergen war ich allerdings vorher noch nie. Komisch. Obwohl es nur eine Stunde von München entfernt ist. Traumhaft schön, wenn es nicht gerade ein "Wolkenregentag" ist. Die Menschen sind zauberhaft, das Essen himmlisch. Die Herbstwälder sehen so aus, als befände man sich in einem Gemälde von Bob Ross, und die Berge sind erhebend und bedrücken einen nicht. Eine echte Entdeckung!
ZDF: Wie können Sie am besten abschalten?


von Borsody: Sobald ich den Blick in die Weite, die Unendlichkeit habe - das kann auch das Meer sein-, auf Wiesen oder Felder, über die Wüste, selbst über das Wolkenmeer in den Chiemgauer Bergen.


ZDF: Und Sie hatten viele Tiere am Set.


von Borsody: Ja, mehrere. Kühe, Kühe, Kühe. Der Spruch "Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen Mühe" bewahrheitete sich auf eine ganz andere Art. Ständig waren wir vom Kuhglockengeläut umgeben, doch im Bild zu sehen waren sie höchst selten. Mein Kollege Ludwig Blochberger hat die Kühe allerdings zu unseren "Mu(h)sen" erklärt. Ich hoffe, sie waren es auch.


ZDF: Da hatten Sie ja lebende Maskottchen am Set!


von Borsody: Wenn Sie so wollen, ja. Dazu gehörte auch die kleine Katze von der Gastwirtschaft nebenan. Sie wollte immer mit ins Bild, durfte aber nicht. Wir haben uns erst gedacht: Sie fühlt sich wohl in unserer Nähe. Bis wir herausgefunden haben, dass es weniger an uns lag als an ihrem Schlafplatz, den wir für die Dreharbeiten ausgeliehen hatten: ein weiches Schafsfell, auf dem sie bisher immer lag.


ZDF: Haben Sie mit dem Regisseur Johannes Grieser schon einmal gearbeitet?von Borsody: Nein. Er verschreibt sich, ähnlich wie ich, mit Haut und Haaren dem "großen Ganzen". Ich mag die kreative, konstruktive Auseinandersetzung mit ihm, wie im Übrigen mit dem gesamten Team, bei dem bereits nach dem ersten Drehtag eine Zusammengehörigkeit spürbar war, obwohl wir uns vorher nicht kannten. Die stellt sich sonst, wenn überhaupt, erst zum Ende einer Produktion ein.

Uns allen am Set war bewusst, dass diese sehr ambitionierte Produktion aus dem gewohnten Spielfilmangebot wohltuend heraussticht. Dafür hat sich die oft härtere Arbeit und Auseinandersetzung mehr als gelohnt. Auch die Unterstützung von redaktioneller ZDF-Seite und der dramaturgischen Ader von Producerin Gabriele Lohnert ist es zu verdanken, dass solch ein Stoff überhaupt realisiert werden konnte.

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