"Das Ende der Unschuld"

Interview mit Drehbuchautor Stefan Kolditz

Vom Frühjahr 1976 bis zum Frühjahr 1977 diente Drehbuchautor Stefan Kolditz als DDR-Soldat an der Grenze bei Hildburghausen. Er hat lange gezögert, bevor er sich dazu entschließen konnte, seine Eindrücke und Erinnerungen an diese Zeit in ein Drehbuch einzuarbeiten. Im Gespräch mit dem ZDF wirft er einen Blick zurück.

Hagmann, Aaron Tristan Hildebrand, Michael Wiesner, Thomas Drechsel, Jacob Matschenz) über die Vorgesetzten lustig macht. Er merkt jedoch nicht, dass Hauptfeldwebel Kramm (Dirk Borchardt, hi.) gerade ins Zimmer tritt. Quelle: ZDF


ZDF: Herr Kolditz, wie viele autobiografische Züge enthält das Buch und wie viel ist Fiktion?


Stefan Kolditz: Ich erzähle von der Reise eines jungen Mannes, der aus politischem Idealismus heraus und weil er vor seinem dominanten Vater fliehen will, an die Grenze geht und dort über das DDR-System desillusioniert wird. Schon da setzt die Fiktion ein: Alexander Karow ist nicht mein Alter Ego, ich hatte schon damals viel weniger Illusionen als er.


ZDF: Sie beschreiben die Grenzsoldaten nicht als eine gesichtslose, hochmilitärische Masse, die marionettenhaft und emotionslos handelte, sondern als Menschen, die unter extremen Bedingungen ihren Dienst leisteten.
Kolditz: Ja, es überrascht, dass sie nicht diese gehirnlosen, schießwütigen Monster waren, als die sie von westlicher Seite dargestellt werden. Die Mauer war ja Ergebnis des Kalten Krieges, und die Westmächte wie die Bundesregierung waren erleichtert, dass ein latenter Kriegsherd erst einmal sediert war, während sie sich öffentlich empört zeigten. Das nennt man historische Ironie. In der DDR sind tatsächlich zwei Mauern gebaut worden: eine kleine schon früher, als das Politbüro nach Wandlitz geflohen ist.


ZDF: Das war die Flucht vor der eigenen Bevölkerung?


Kolditz: Ja. Und dann kam die große. Heiner Müller hat einmal gesagt, dass Honecker oder Ceausescu so gerne auf die Jagd gegangen sind, weil sie nicht auf ihr Volk schießen durften. Die Wut auf die Menschen, für die man im KZ oder in der Immigration war und von denen ein Teil - der größere wahrscheinlich - einem am liebsten den Rücken gekehrt hätte, einen also nicht haben wollte, finden Sie in so einer LTI-artigen Formulierung wie "den Gegner vernichten" wieder. Wer mich nicht liebt, den töte ich.



ZDF: Die Mauer als Abschied von der Utopie?


Kolditz: Wenn die Mauer anfangs als Chance für ein utopisches Projekt gedacht war, so wuchs mit jedem Stein ihr Schattenbild - oder um einen DDR-Funktionär zu zitieren: An der Mauer schlagen wir unsere Gegner platt.


ZDF: Der Produzent Christian Granderath sagte, dass er sehr lange brauchte, um Sie dazu zu bewegen, über diese Zeit zu schreiben.


Kolditz: Das lag daran, dass ich meine Geschichte nicht für erzählenswert hielt. Die meiste Zeit an der Grenze bestand ja nur aus Warten, dass die Zeit vergeht, und in der Hoffnung, dass man sich nicht entscheiden muss. Und dann galt es, eine Form der filmischen Darstellung zu finden: weder als "Karnevalsveranstaltung", wie es eine Reihe von Filmen tut, noch als Hort des Bösen, aber sicher auch nicht als Gipfel des historischen Fortschritts. Ich wollte den Alltag von Alexander und seiner Kompanie schildern, erzählen, in welchen Widersprüchen sie lebten, also ein differenziertes Bild vom Leben an der Grenze zeichnen. Die Grenztruppen waren wie jede Armee Zerrspiegel der Gesellschaft.


ZDF: Warum haben Sie für die Geschichte das Jahr 1974 gewählt?


Kolditz: Der Vorschlag kam von Produzent Christian Granderath. Die Fußballweltmeisterschaft hat sich auf beiden Seiten in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Das deutsch-deutsche Spiel ist ja zu einem Mythos geworden. Für eine Sekunde war die DDR auf Augenhöhe.


ZDF: Die Landschaft spielt in Ihrem Buch eine große Rolle, wie man es selten in deutschen Fernsehfilmen sieht. Sie ist fast eine Art Hauptdarsteller.


Kolditz: Die Schönheit der Landschaft ist für mich der Gegenentwurf, ein Versprechen auf ein anderes Leben. Die Natur konnte dich behüten, sie konnte dich aber auch zurückweisen, schutzlos preisgeben. Momente von sehr großer Intensität, wie ich sie bis dahin nicht erlebt hatte. Ich glaube, der Film macht das außergewöhnlich eindringlich.


ZDF: Der Film thematisiert den Schießbefehl an der deutsch-deutschen Grenze. Haben Sie damals während Ihrer Zeit in den Grenztruppen untereinander darüber gesprochen, wie man sich verhielte, wenn man tatsächlich vor die Wahl gestellt würde, auf einen Flüchtling zu schießen? Oder wurde das Thema ausgeklammert beziehungsweise verdrängt?


Kolditz: Das Thema war - ausgesprochen oder unausgesprochen - täglich anwesend: die Angst, dass im Visier der andere auftaucht.


ZDF: Die DDR-Führung hat immer wieder betont, dass es keinen Schießbefehl gibt, und auch heute noch bleibt man bei dieser Behauptung. Gab es denn klare Anweisungen an die Grenztruppen und damit auch an Sie, auf Fahnenflüchtige zu schießen?


Kolditz: Die Befehle damals an uns waren eindeutig: anrufen - also "Halt, stehen bleiben!" Wenn der Flüchtling darauf nicht reagierte, sollten wir einen Warnschuss in die Luft abgeben. Wurde darauf noch immer nicht reagiert, sollten wir gezielt möglichst auf die Beine schießen. Es gab also keine Aufforderung, die Leute vorsätzlich abzuknallen. Trotzdem wurde in der Konsequenz der Tod in Kauf genommen.


ZDF: Wissen Sie noch, was Sie damals von den Kollegen auf der anderen, der westlichen Seite, gehalten haben?


Kolditz: Ich war überzeugt, dass die NVA im Kriegsfall schon in Bonn einmarschiert wäre, während die Bundeswehr noch ihre Urlaubsscheine abstempelte. Aber das stand nie zu befürchten. Die Idee der friedlichen Koexistenz war ernst gemeint. Die DDR war autoaggressiv.


ZDF: Erinnern Sie sich noch an den ersten Tag Ihrer Armeezeit?


Kolditz: Ja. Als Ende der Unschuld. Das Gefühl des kompletten Ausgeliefertseins. Die Menschengemeinschaft, die geschützt werden sollte, existierte nur auf dem Papier.



ZDF: Wenn Sie Urs Eggers inszenierten Film nun sehen - was empfinden Sie?



Kolditz: Es ist, als ob ich einen Blick zurück in eine Welt werfen würde, die fremd ist, die ich aber gut kenne. Erleichterung, Ekel und Trauer.

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