"Der Film soll kein wütender Angriff auf die Kirche sein"

Interview mit Drehbuchautor Peter Probst

Nach einer Idee von Monika Bittl erzählt Peter Probst die Geschichte einer bittersüßen Liebe zwischen einem jungen Arzt, der sich dem wissenschaftlichen Fortschritt verpflichtet fühlt, und einer Hebamme mit großem handwerklichem Geschick und umfassenden Kenntnissen in Kräuterkunde. Für das Drehbuch "Die Hebamme" wurde er bereits beim Internationalen Fernsehfilmfestival Zoom in Igualada ausgezeichnet. Im Folgenden spricht der Autor über den historischen Hintergrund des Films und seine Recherche.


ZDF: Wie sind Sie darauf gekommen, das Thema zu verfilmen?


Peter Probst: Das war zunächst nicht meine Idee. Die Vorlage stammt von einer Kollegin, und da die Drehbuchentwicklung nicht wirklich weitergekommen ist, wurde ich gefragt, ob ich das Drehbuch für den Film schreiben möchte. Sie können sich vorstellen, dass es für einen Mann erst einmal eine sehr überraschende Anfrage ist, über eine Hebamme Anfang des 19. Jahrhunderts zu schreiben. Als ich mich dann mehr mit dem Thema befasst hatte, merkte ich schnell, dass das ein unglaublich spannender Stoff ist. Genau zu dieser Zeit - der Film spielt im Jahr 1813 - fand nämlich ein Umbruch in der Geburtshilfe statt. Bis dahin war die Geburtshilfe eine Domäne der Frauen und allein die Hebammen waren dafür zuständig, Kinder auf die Welt zu bringen.

Für die Männerwelt waren die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Hebammen ein großes Geheimnis, bis die aufklärerische Medizin damit begonnen hat, die ersten Geburtshäuser zu gründen. Zunächst waren sie allerdings ahnungslos, denn die Frauen wollten sich den männlichen Medizinern nur ungern anvertrauen. In dieses Spannungsfeld zwischen Hebammenkunst und Medizin gerät unsere Hebamme aus einem Tiroler Bergdorf hinein.


ZDF: "Die Hebamme" basiert auf einer wahren Geschichte. Welche Teile sind real?


Probst: Der Film basiert nicht nur auf einer wahren Geschichte, sondern auf mehreren. Einerseits gab es diese Hebammen-Büchlein, in denen Geburtshelferinnen ihr Jahrhunderte altes Wissen an andere Frauen weitergegeben haben. Außerdem gibt es Beschreibungen von Hebammen, die sich weigerten, bestimmte Vorschriften aus der Hebammenordnung einzuhalten. Dazu gehörte, dass jedes gefährdete Kind noch im Mutterleib mit Weihwasser getauft werden musste. Bei diesem Vorgang sind sowohl Mutter als auch Embryo meist mit Keimen infiziert worden und gestorben. Die Hebammen haben damals noch vor den medizinischen Entdeckungen den Zusammenhang zwischen den Kindsfieber-Fällen und den Taufspritzen erkannt und sich geweigert, diese gefährlichen Taufen durchzuführen. Dafür sind sie sofort ins Gefängnis gekommen und verloren meist für immer ihre Approbation.


ZDF: Gab es Rosa Koelbl tatsächlich?


Probst: Nein, die konkrete Figur ist eine Erfindung. Wie immer, wenn man so nah an der Wirklichkeit schreibt, setzt sie sich aus verschiedenen anderen Figuren zusammen. Natürlich gab es die Hebammen, die beispielsweise aus Tirol nach Landshut kamen. Rund um die Universitätsstädte gab es diese frühen, von Männern dominierten Geburtshäuser, die von normalen Frauen in der Regel nicht genutzt wurden. Es war unvorstellbar für eine Frau, sich - womöglich auch noch umringt von Medizinstudenten - von einem Mann untersuchen zu lassen. Eigentlich wurden diese Häuser nur von Prostituierten und ledigen Müttern aus der unteren Gesellschaftsschicht genutzt.


ZDF: Die historischen Details des Films sind sehr umfangreich. Wie und wo haben sie recherchiert?


Probst: In Ingolstadt gibt es ein medizinisch-historisches Museum, das uns sehr gut beraten hat. Außerdem haben uns Geburtshelferinnen bei der Realisierung des Films sehr geholfen.Wir haben auch die Hebammen-Büchlein und diverse Schriften aus der Zeit ausgewertet. Die Schwierigkeit besteht allerdings immer darin, diese aufwendige Recherche in der Handlung so gut zu verstecken, dass man sie nicht erkennt und der Film spannend bleibt. Das war eigentlich die größte Herausforderung, da wir anfangs befürchteten, jedes zweite Detail erklären zu müssen. Heute hat man ja keine Ahnung mehr von den damaligen Zuständen. Ich persönlich war bei den Geburten meiner beiden Kinder dabei und weiß daher genau, dass die heutigen Umstände nicht mit den Problemen der Frauen des frühen 19. Jahrhunderts vergleichbar sind.


ZDF: Die Kirche kommt in der Geschichte nicht sonderlich gut weg - die verschmutzten Taufspritzen und der übertrieben fromme Dorfpfarrer sind Beispiele dafür. Rechnen Sie damit, dass sich die Kirche oder Gläubige dadurch angegriffen fühlen könnten?


Probst: Das glaube ich nicht. Das Ganze liegt 200 Jahre zurück; würden wir nochmals 100 Jahre zurückrechnen, wären wir schon bei den letzten Ausläufern der Hexenverbrennungen. Übrigens waren Hebammen angeblich der Berufsstand, aus dem die meisten Frauen verbrannt wurden. Die Kirche begegnete diesen Frauen also schon immer mit großem Misstrauen. Ein heutiger Kirchenfunktionär würde sich wahrscheinlich nicht über den Film beschweren, denn die Kirche hat heutzutage ganz andere Probleme. Ich habe mich mit einigen Pfarrern über das Thema unterhalten, und viele wussten gar nicht, dass damals Taufspritzen eingesetzt wurden. Meine Mutter - selbst Medizinerin - kann sich allerdings noch dunkel daran erinnern, dass in ihrer Kindheit die Dorfhebamme stets die Taufspritze dabei hatte. Der Film soll kein wütender Angriff auf die Kirche im Allgemeinen sein, es geht lediglich um einen konkreten Irrtum der damaligen Zeit. Aus theologischer Sicht ist der Wunsch nach der Kindstaufe natürlich nachvollziehbar, aus medizinischer Sicht war das jedoch eine Katastrophe.


ZDF: Wie zufrieden sind sie mit der Auswahl der Hauptdarsteller?


Probst: Als ich hörte, dass Brigitte Hobmeier die Hauptrolle spielen wird, war ich überglücklich. Es gibt nur wenige Schauspielerinnen, denen man das Historische so abnimmt. Bei ihrem Gesicht hat man den Eindruck, sie könnte tatsächlich aus der Zeit stammen. Und sie hat diese Mischung aus Zerbrechlichkeit und Stärke, wie man sie selten findet. Sie war für mich eindeutig die Idealbesetzung. Die Geschichte hat durch sie ganz neues Leben bekommen. Auch Misel Maticevic spielt seine Rolle sehr überzeugend. Besonders gelungen finde ich außerdem die Umsetzung des Drehbuchs durch Regie und Kamera. Es ist ein ganz ehrlicher, direkter Film geworden, der trotz der schönen Bilder von Alpenlandschaft und Natur nicht zu übertrieben romantisch wirkt. Man kann sich wunderbar auf Geschichte und Darsteller konzentrieren, ohne dabei das Gefühl zu haben, Süßstoff präsentiert zu bekommen.

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