Der Plan für einen großen Spielfilm

Florian Gallenberger über das Projekt John Rabe

Im März 2006 reiste ich zum ersten Mal nach China - im Gepäck John Rabes Tagebücher und den Plan, einen großen Spielfilm, basierend auf den darin geschilderten Ereignissen aus dem Jahre 1937, zu realisieren. Natürlich war mir bewusst, dass die Figur Rabes und seine Geschichte ein politisch sensibles Thema sind.

John Rabe (Ulrich Tukur) und seine verängstigten chinesischen Mitarbeiter suchen Zuflucht unter einer Hakenkreuz-Fahne
John Rabe (Ulrich Tukur) und seine verängstigten chinesischen Mitarbeiter suchen Zuflucht unter einer Hakenkreuz-Fahne Quelle: sid

Zum einen gab und gibt das "Massaker von Nanking" bis heute immer wieder Anlass zu Irritationen im Verhältnis zwischen China und Japan, aber auch aus deutscher Perspektive barg das Projekt eine knifflige Fragestellung: Kann man als Deutscher einen Film machen, dessen zentrale Figur ein NSDAP-Mitglied ist, das unter beherztem Einsatz der Hakenkreuzfahne versucht, chinesische Zivilisten vor den japanischen Angreifern zu retten?

Keine Aussicht auf Erolg

Um diese Frage zu beantworten, entschloss ich mich, zuerst den Kontext, den Ort von Rabes Wirken und seine Rezeption heute, kennen zu lernen, um so dem Wissen, das ich mir über ihn angelesen hatte, etwas Anschauliches hinzuzufügen. Ich wollte erleben, wer dieser Mensch war, bevor ich die Entscheidung zu treffen hatte, ob man den Film über ihn machen kann, machen darf oder vielleicht sogar machen muss. Da wir aber zu diesem Zeitpunkt noch über keine Drehgenehmigung der chinesischen Behörden verfügten, war mein Spielraum bei den Recherchen in China extrem eingeschränkt.

Nachdem mir dann auch noch offiziell mitgeteilt wurde, dass das Zentralkomitee der kommunistischen Partei Chinas beschlossen hätte, dass nur ein einziger und zwar ein chinesischer Film zum Thema des Nanking Massakers gemacht werden solle und wir auch in Zukunft keine Aussicht auf eine Drehgenehmigung hätten, schien es so, als sei das Projekt schon beendet, noch bevor es angefangen hatte. Warum waren alle gegen uns? Ich wollte mir ein Bild der damaligen Geschehnisse machen und dazu mit Überlebenden des Massakers sprechen, von denen es in Nanking noch einige gab. Aber von der Partei wurde mir genau das strikt untersagt.

Einblicke an der Partei vorbei

Auf einem Markt in der Altstadt von Nanking hatte ich dann eine Idee: Ich sagte meiner Übersetzerin, dass wir jetzt einfach alte Leute ansprechen, in der Hoffnung Überlebende des Massakers zu finden und so an der Partei vorbei die Einblicke zu bekommen, die mir so wichtig waren. Kaum hatte ich es ihr erklärt, stand plötzlich ein sympathischer, hoch aufgeschossener Herr mit schlohweißem Haar vor mir. Wir nickten uns freundlich zu, ich sagte mein "Ni hao", und er lächelte dieses wunderbare, chinesische Lächeln.

Ich bat die Übersetzerin, den Herrn zu fragen, ob er aus Nanking stamme und wenn es nicht zu unhöflich wäre, wie alt er sei. Er lächelte wieder und sagte, er sei 83 und habe sein ganzes Leben in Nanking verbracht. Als die Übersetzerin ihm nun erzählte, dass ich aus Deutschland gekommen sei, um etwas über die Wahrheit des Massakers von Nanking zu erfahren, bekamen seine Augen einen leichten Schimmer und er lud uns zu sich nach Hause ein.

Zuflucht bei einem Ausländer

Herr Gao und seine Frau konnten sich beide noch sehr gut an die Zeit der japanischen Invasion erinnern. Er war damals ein 13-jähriger Junge und fand mit seiner Mutter und den Geschwistern einige Zeit im Garten eines Ausländers Zuflucht. Wer denn dieser Ausländer gewesen sei, wollte ich wissen, aber Herr Gao konnte sich beim besten Willen an keinen Namen, ja noch nicht mal an dessen Nationalität erinnern.

Wir überlegten, wie man herausfinden könnte, um wen es sich gehandelt hat. "Das Haus war an der Xiaofen Qiao, Ecke Guangzhou Straße", sagte Herr Gao plötzlich. Mir lief ein Schauer über den Rücken, denn obwohl ich natürlich kein chinesisch sprach, hatte ich die Adresse verstanden. Es handelte sich nämlich um die einzige Adresse in Nanking, die mir bekannt war: die von John Rabe. Ich konnte meine Rührung kaum verbergen. In diesem Moment hatte sich für mich die Frage, ob man diesen Film machen kann, machen darf oder vielleicht sogar machen muss, auf faszinierende Weise beantwortet.

Der Kreis schließt sich

Mit der Ausstrahlung von John Rabe im ZDF schließt sich nun der große Kreis dieses Projektes. Der Film wird in zwei Teilen mit einer Vielzahl von Szenen und Hintergründen, die in der Kinoversion einfach nicht mehr unterzubringen waren, gezeigt. Das ist ein echter Mehrwert und freut mich natürlich besonders, denn das heißt auch, dass die TV - Premiere für alle - auch für die, die den Kinofilm bereits gesehen haben - noch viel Neues zu bieten hat.

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