"Der 'Wiener Schmäh' ist einfach eine Lebenseinstellung"

Interview mit Wolfgang Böck und Florian Bartholomäi

Wolfgang Böck und Florian Bartholomäi spielen in den Hauptrollen ein Gegensatzpaar, das zur Lösung eines Kriminalfalls zusammenarbeiten soll: Der gemütlich-korrupte Wiener Polizist Albert Schuh, der kurz vor seiner Pensionierung steht, trifft auf seinen jungen, übermotivierten Kollegen Thorsten Richter aus Bremerhaven. Mehr zu ihren Rollen und dem Verhältnis von Deutschen und Österreichern im Folgenden.


ZDF: Warum wollten Sie diese Rollen spielen?


Florian Bartholomäi: Das Drehbuch war fantastisch, Mischung und Humor des Buches sind sehr gut. Als Schauspieler lässt man sich so eine Chance natürlich nicht durch die Lappen gehen. Als klar war, dass Wolfgang Böck mitmacht und Nikolaus Leytner Regie führt, stimmte ich spontan zu.


Wolfgang Böck: Ich kann mich dem Kollegen nur anschließen. Als Schauspieler will man spielen. Und das war eine durchaus reizvolle Konstellation: ein alter, nicht sehr ehrgeiziger Polizist in Wien, dem dieser Deutsche, ein ehrgeiziger und korrekter junger Mann, entgegengestellt wird. Es hat sich gezeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen Florian Bartholomäi und mir sehr gut funktioniert hat - ähnlich wie letztlich auch im Film. Darin kabbeln und necken Deutsche und Österreicher sich gerne.


ZDF: Würden Sie das deutsch-österreichische Verhältnis als Hassliebe bezeichnen?


Böck: Zu Beginn dieser Geschichte wird schon mit ein paar Klischees gespielt. Es gibt natürlich ein Spannungsverhältnis zwischen den Österreichern und den Deutschen - zumindest aus österreichischer Sicht. Man sollte dies aber nicht überbewerten. Im Laufe des Films rückt das immer mehr in den Hintergrund und es wird eine Geschichte zwischen einem älteren und einem jüngeren Mann, die dann letztendlich in einem freundschaftlichen Vater-Sohn-Verhältnis endet.


Bartholomäi: Ich sehe das auch immer wieder bei den Österreichern und den Deutschen: Wenn erst einmal der Graben zwischen der Herkunft überwunden ist, dann kommt man sich wie auch im Film schnell menschlich näher. Bis dahin wird von beiden Seiten gerne so ein bisschen gestichelt.


Böck: Der Wiener sagt dazu: "Pflanzn" oder "Häkln". Der Ältere "häklt" den jüngeren Kollegen, indem er ihm Aufträge zuteilt, die zum Teil kurios und unangenehm sind.



Bartholomäi: Darauf kann auch nur ein Österreicher kommen!



ZDF: Erkennen Sie sich persönlich in den Rollen wieder?



Bartholomäi: Ich bin nicht ganz so ehrgeizig wie Thorsten Richter.


Böck: Und ich bin nicht ganz so korrupt wie Albert Schuh. Er hat einige Nehmerqualitäten. Als Schauspieler ist man sein eigenes Werkzeug und füllt die Rollen natürlich auch immer mit seiner eigenen Persönlichkeit. Aber wenn ich mich in jeder Rolle wiederfinden würde, dann wäre ich nach über 35 Jahren in dem Beruf längst in der Klapsmühle! Oder im "Noarrnhaus", wie man in Wien sagt ...


ZDF: Gibt es denn Dinge, die typisch deutsch oder typisch österreichisch sind?


Böck: Man merkt es schon bei der Arbeit: In Deutschland wird sehr korrekt und genau gearbeitet, bei uns geht's dagegen ein bisschen schlampiger zu. Beides hat seine Vor- und Nachteile.



Bartholomäi: Der Drehablauf ist bei den Deutschen schon sehr korrekt, manchmal ist das fast wie ein Korsett. Da schneiden sich die Österreicher raus, und das ergänzt sich ganz gut. Die Österreicher sind im Gegensatz zu den Deutschen lockerer. Ich kenne auf beiden Seiten Beispiele, die für diese Vorurteile sprechen, aber auch Gegenbeispiele.


Eines ist klar: In Österreich gibt es ein größeres Kulturverständnis. Oper und Theater haben hier mehr Gewicht als in Deutschland, gerade in Wien. Was für die Deutschen ein seltenes und besonderes Ereignis ist, ist hier mehr in die Gesellschaft eingegliedert. Das gefiel mir sehr gut.


Böck: Das trifft nur bedingt zu. Wenn man nach Wien kommt, empfindet man das natürlich besonders stark. Der Durchschnitts-Österreicher geht allerdings nicht so oft ins Theater, wie wir uns das wünschen würden. Ich sehe da also keine so großen Unterschiede zu den Deutschen.


ZDF: Gibt es denn für Sie ein Lieblingsklischee?



Böck: Eindeutig "Das Wunder von Córdoba"! (Die Partie Österreich-Deutschland endete bei der Fußball-WM 1978 mit einem 3:2 Sieg für Österreich.)



Bartholomäi: Muss ich auch sagen, der Klassiker "Córdoba" hat sich schon festgebrannt.



Böck: Ich bin eigentlich kein großer Fußballfan. Aber das packt man aus österreichischer Sicht immer wieder gerne aus. Das ist eine "Hetz", wie man in Wien sagt.


ZDF: Was macht den "Wiener Schmäh" aus?


Böck: Der sogenannte "Wiener Schmäh", der auf dem goldenen Wiener Herz basiert, hat natürlich auch eine sehr dunkle Seite. Aber das Spannungsverhältnis, aus dem dieser Wiener Schmäh geboren ist, ist manchmal nicht ad hoc zu verstehen. Wenn man sich eine Zeitlang in Wien aufhält, dann kommt man irgendwie dahinter.
Bartholomäi: Man lernt ihn auf jeden Fall lieben. Der dunkle Humor ist auf deutscher wie auch auf österreichischer Seite vorhanden. Der "Wiener Schmäh" ist einfach eine Lebenseinstellung.


ZDF: Herr Bartholomäi, im Film haben Sie so Ihre Schwierigkeiten mit dem Wiener Dialekt. Fiel es Ihnen schwer, die Begriffe und die Aussprache zu verstehen?


Bartholomäi: Der Regisseur Nikolaus Leytner meinte: Auf Deutsch zu inszenieren, ist wie in einer Fremdsprache zu inszenieren. Ich kam nach Österreich und dachte, ich werde schon alles verstehen, es ist ja schließlich wie deutsch. Es war mir nicht bewusst, wie groß der Unterschied ist. Wenn die Wiener nicht wollen, dann versteht man als Deutscher gar nichts. Aber alle waren sehr hilfsbereit. Am Ende haben wir uns dann fast wortlos verstanden. Und nach ein oder zwei Wochen kennt man den Dialekt und hat einige Begriffe dazugelernt, wie "obi" und "auffi". Wenn der Kameramann nun von mir verlangt "Gehma da eine" oder "aussa", dann weiß ich inzwischen, was gemeint ist.



ZDF: Was haben Sie denn darüber hinaus an "Wienerisch" behalten?



Bartholomäi: Ein paar Schimpfwörter weiß ich noch, die es in Deutschland nicht gibt. Aber generell kriegt man schon eine andere Einstellung mit, die einfach gemütlicher ist und nicht so verbissen.


Böck: Auch als Deutscher findet man sich in Wien zurecht. Früher wurden auch in den einzelnen Bezirken der Stadt unterschiedlichste Slangs und Dialekte gesprochen. Durch die große mediale Vernetzung hat sich inzwischen alles eingeschliffen. Für die Jugend ist es heute in Österreich beispielsweise ganz normal geworden, Anglizismen zu benutzen und sich mit "Tschüss" zu verabschieden - vor 20 Jahren undenkbar!


ZDF: Hätten Sie sich vorstellen können, Polizisten zu werden?


Böck: Nein, das stand nicht auf meiner Kindheitswunsch- Traumliste. Ich wollte eher Motorradrennfahrer werden.


Bartholomäi: Bei mir war dieser Beruf etwa mit fünf Jahren aktuell. Später hat sich dann der Idealismus gelegt. Aber ich habe einen Heidenrespekt vor dem Beruf des Polizisten. Für meine Rolle habe ich viel recherchiert und festgestellt, dass der Beruf sehr anspruchsvoll und zeitintensiv ist. Kein Beruf, von dem ich sagen würde: Den muss ich machen.



Böck: Ich habe vor Albert Schuh eine andere große Polizistenfigur in Österreich verkörpert (den Wiener Polizisten Trautmann). Im Zuge dieser Dreharbeiten bin ich mit vielen Kriminalbeamten ins Gespräch gekommen. Im weitesten Sinne ist der Beruf - ähnlich wie der des Schauspielers - familienfeindlich, denn Dienst nach Vorschrift ist unmöglich. Man ist viel unterwegs, wenig zu Hause und wird mit viel Elend konfrontiert. Der Normalbürger sieht sich in der Regel nur mit - wie man in Österreich sagt - dem "Trachtenverein" konfrontiert, also der Verkehrspolizei. Kaum mit Kriminalbeamten, die sich mit Betrug, Mord und dergleichen beschäftigen. Für mich wäre das kein Beruf.


ZDF: Warum sollte man sich den Film ansehen?


Bartholomäi: Es ist eine schöne Geschichte, die man sich auf jeden Fall angucken sollte, damit die Barrieren zwischen Deutschland und Österreich endlich abgebaut werden. Es gibt doch noch immer Vorbehalte oder Klischees. Der Film ist lustig und hat dramatische Momente. Die Deutschen sollen sich nicht angegriffen fühlen, nur weil ich sie im Film als übergenau, korrekt und überambitioniert vertrete. Aber: Am Ende setzen sich dann doch Ehrlichkeit und Fleiß durch.


Böck: Und das ist eine überaus sympathische Figur, die dir da gelungen ist!
Bartholomäi: Ich kriege ja auch die ganze Zeit einen auf den Deckel! Aber es geht nicht nur um Deutschland und Österreich. Es geht um den Generationenkonflikt zwischen Alt und Jung und um wiedererweckte Passion und Harmonie. Der Film spielt mit Gegensätzen, die sich nicht zwingend im Weg stehen müssen.


Böck: Es ist keine Satire, sondern ein Krimi, den man durchaus humorvoll sehen sollte und muss. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit, noch einmal in dieser Besetzung aufzutreten und die Geschichte weiterzuführen. Aber das hat letztendlich das Publikum zu entscheiden.

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