"Deutsch war für drei Monate meine Musik"

Schauspielerin Sanâa Alaoui im Interview

Sanâa Alaoui spielt die Rolle der marokkanischen Krabbenpulerin Mona, die in Tanger den ostfriesischen Krabbenfischer Hein Schüpp kennenlernt. Für die Schauspielerin waren diese Dreharbeiten in ihrer ersten deutschen Produktion eine große Herausforderung, da sie beim Casting noch kein Wort Deutsch sprach. Große Unterstützung fand sie allerdings bei ihren Kollegen und Regisseur Lars Jessen.

Hein (Heinrich Peter Brix, l.)und Mona (Sanaa Alaoui, r.)kommen sich näher
Hein (Heinrich Peter Brix, l.)und Mona (Sanaa Alaoui, r.)kommen sich näher Quelle: ZDF

ZDF: Was dachten Sie, als die Rolle "Mona" an Sie herangetragen wurde? Und was war für Sie ausschlaggebend, die Rolle anzunehmen?

Sanâa Alaoui: Ich habe mich sofort in die Rolle "Mona" verliebt und mich in ihr wieder erkannt - eine freie Frau, ehrlich, nicht angepasst an die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Herkunft. Es war für mich völlig klar, dass ich diese Rolle annehmen musste. Mich reizte die Chance, das Thema der Integration neu zu beleuchten, diesbezüglich Freiheit und Stärke zu vermitteln. Den Gedanken, diesen Charakter auf Deutsch zu spielen, fand ich umso spannender.

ZDF: Was hat Sie an der Figur "Mona" interessiert? Wer ist "Mona"? Beschreiben Sie sie kurz.

Alaoui: Ich war fasziniert von ihrem Mut, ihrer Offenheit, ihrer Spontanität und Courage. Sie hört auf ihr Herz, und sie hat keine Angst, ihren Weg zu gehen, auch wenn das bedeutet, gewisse Vorzüge und Sicherheiten hinter sich zu lassen. Ich liebe diesen Charakter, der sich nicht mit dem Kleinen begnügt. Mona kämpft für ihr Glück und glaubt daran. Sie ist eine großartige Frau!

ZDF: Welche Hoffnungen, Wünsche und Träume hat Mona, als sie sich entschließt, sich auf ihre Liebe zu dem Fischer Hein einzulassen? Und wie fühlt sich Mona, als sie in Deutschland ankommt?

Alaoui: Mona spricht Deutsch, weil sie in Marokko Dolmetscherin studierte. Nachdem ihre Ehe gescheitert war, entschließt sie sich, ihren Geburtstort zu verlassen und in den Norden Marokkos zu ziehen, um dort zu arbeiten und sich ein neues, sicheres Leben aufzubauen. Mona hat es geschafft, sich von den Fesseln ihres Vaters zu befreien. Sie hat sich fest vorgenommen, ihr Leben nach ihren Wünschen zu gestalten. In Hein sieht sie einen ehrlichen, aber auch unbeholfenen Mann. Sein zärtlicher Blick und seine zwar einfache, aber eben ehrliche Art ziehen sie an. Diese Eigenschaften machen ihr Mut und verleihen ihr die Zuversicht, dass Hein eine Reise nach Deutschland wert ist, um ihn besser kennen zu lernen. Sie wünscht sich, die Ehrlichkeit zu finden, die sie bei ihrem Ex-Mann nicht bekommen hat.

Als sie in Deutschland ankommt, möchte sie am dortigen Leben teilhaben, ihr Deutsch perfektionieren und integriert sein. Allerdings muss sie leider sehr schnell erkennen, dass sie nicht willkommen ist.

ZDF: Sie sind Marokkanerin und leben in Paris. Erzählen Sie etwas zu den Dreharbeiten. Sie haben Ihren Text auf Deutsch gelernt. Wie war es für Sie, nicht in Ihrer Muttersprache zu drehen?

Alaoui: Kopfhörer, MP3, Aufsagen - Deutsch war quasi für drei Monate meine Musik. Vor dem Dreh habe ich zwei Wochen lang meine Texte mit einem Coach in Hamburg durchgesprochen. Danach verbrachte ich sehr viel Zeit damit, die einzelnen Dialoge immer zu wiederholen. Es war nicht leicht, da von der Figur Mona eigentlich nicht erwartet wird, dass sie fehlerfreies Deutsch spricht. Deshalb habe ich manchmal den Sinn eines Satzes nicht verstanden. Ich werde den Drehtag nie vergessen, an dem ich eine völlige Blockade hatte. In ihrer Wut sollte Mona verstärkt grammatikalisch falsch sprechen. Plötzlich erschien mir das völlig unmöglich zu spielen. An diesem Tag habe ich die Fragilität meines Berufes gespürt, aber auch die Professionalität und Freundlichkeit von Lars Jessen, der Teammitglieder am Set und der großartigen Anna Loos. Sie alle unterstützten mich an dem Tag sehr!

Ebenso fällt mir eine Szene ein, in der ich einen sehr langen Monolog sprechen musste. Ich war vor dem Dreh so gestresst und ich befürchtete, den Dreh zu vermasseln, so dass ich nach diesem Drehtag nicht mehr weiterspielen dürfe. In einer fremden Sprache zu spielen, die man eigentlich nicht gelernt hat, ist sehr aufregend und hart. Aber das gehört eben zu dieser speziellen Herausforderung dazu, die ich sehr spannend finde und liebe!

ZDF: Die deutsche Presse hat sie bereits im Vorfeld als DIE Entdeckung gelobt. Darf man hoffen, Sie zukünftig öfters in einer deutschen Produktion zu sehen?

Alaoui: Diese Anerkennung rührt mich sehr! Meine Leistung habe ich aber Lars Jessen zu verdanken. Er glaubte an mich und bestand darauf, dass ich die Rolle Mona spielen sollte. Als ich nach dem Casting genommen wurde, hat er mich mit einer derartigen Ruhe und Geduld an die Rolle herangeführt, dass ich mein Maximum geben konnte, auch wenn ich im Grunde unglaublich großes Lampenfieber hatte. Ich habe es wirklich geliebt, in Deutschland zu arbeiten, und es wäre für mich eine große Ehre, wieder bei einem deutschen Film mitzuspielen zu dürfen.

ZDF: Integration in Zeiten der Globalisierung ist länderübergreifend ein wichtiges und gleichzeitig sehr schwieriges Thema. Wie denken Sie persönlich darüber? Worin liegen die Schwierigkeiten, worin die Chancen? Unter welchen Umständen kann Integration gelingen?

Alaoui: Ich, als sehr weltoffener Mensch, war schon immer von Sprachen, Ländern und verschiedenen Kulturen begeistert. Deshalb bin ich für Globalisierung, die für mich zugleich Offenheit, als auch kultureller und ökonomischer Reichtum zwischen den Nationen bedeutet. Ich durfte kulturelle und soziale Bildung genießen. Dies verstärkt für mich die Sensibilisierung für dieses Thema. Die Migrationsströme sind ein ausschlaggebender Bestandteil der Globalisierung.

Unter Einhaltung der Normen und Werte des gesellschaftlichen Systems, sowie der Kulturen und der Individualität jedes Einzelnen, muss die eingewanderte Person in die Gesellschaft integriert werden. Es ist wichtig, den Einwanderern die gleichen Möglichkeiten und Chancen zu bieten, wie den Menschen der bestehenden Gesellschaft auch. Wo auch immer ich hinschaue, sehe ich, dass Vorurteile und Diskriminierung gegenüber den Einwanderern bestehen.

Regisseur Lars Jessen
Fischer fischt Frau_reg

Zum Beispiel werden sie oft, sobald sich ihr Name arabisch, chinesisch oder afrikanisch anhört, als Arbeitskräfte abgelehnt. Die Integration muss in zwei Richtungen erfolgen: Die Person, die sich dazu entschlossen hat, einzuwandern, muss sich anpassen, und auch das Land, das Einwanderer aufnimmt, muss Möglichkeiten der Integration anbieten. All das muss dann jedoch mit dem notwendigen Respekt der Kulturunterschiede, der Individualität und ohne jegliche Vorurteile umgesetzt werden. Meiner Meinung nach ist es nicht ausreichend, nur die Integration der Einwanderer in die Gesellschaft zu erleichtern, sondern man muss der Gesellschaft auch klar machen, die daraus entstehenden Vorteile zu nutzen und deshalb die Fremden willkommen zu heißen.

Es ist die Pflicht jeder Regierung, seinen Bürgern die Möglichkeit der Eigenverantwortung zu schaffen. Ich denke, dass gerade ich durch meine Tätigkeit als Schauspielerin die Chance erhalte, ein neues Bild vom Thema der Einwanderung vermitteln zu können. Nach diesem Kriterium suche ich mir bestimmte Rollen aus, insbesondere die der "Mona".

(Übersetzung: Cornelia Thurnbauer)

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