"Die Familie ist ein riesiges Beziehungsgeflecht"

Interview mit den Autoren Barbara Krohn und Daniel Douglas Wissmann - Teil 1

Drehbuchautor Daniel Douglas Wissmann schrieb die Vorlage für das Familiendrama " nach den Motiven des Romans "Rosas Rückkehr" von Barbara Krohn. Im ersten Teil des Gesprächs setzen sich die beiden mit der Arbeit des Drehbuchschreibens im Allgemeinen und dem Begriff Familie auseinander.

Film-Patriarch Friedrich Liebmann mit Ehefrau und Kindern (v.l.n.r.: Justus von Dohnányi, Silke Bodenbender, Monica Bleibtreu, Hans Peter Hallwachs, Birge Schade). Quelle: ZDF


ZDF: Max-Peter Heyne behauptete in einem "Welt"-Artikel: "Drehbuchautoren gehören zu einem nachdenklichen, gleichwohl pragmatisch orientierten Menschenschlag." Sehen Sie das auch so?


Daniel Douglas Wissmann: Im Unterschied zur Arbeit an einem Roman ist Drehbuchschreiben das Erzählen einer Geschichte in engen Grenzen. Ein Film dauert höchstens zwei Stunden. Ein Roman kann 1000 Seiten umfassen. In einem Roman kann man wie Hannibal 100 Elefanten über die Alpen schicken, in einem TV-Movie sollte man sich aus monetären Erwägungen lieber auf 90 Elefanten beschränken.


ZDF: Hätten Sie sich vorstellen können, selber ein Drehbuch zu Ihrem Roman zu schreiben? Oder ist es für Sie ein völlig anderes Handwerk, das Sie sich nicht zutrauen würden?


Barbara Krohn: Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, jedenfalls nicht für meine eigenen Romane, denn ich stecke viel zu sehr in der Geschichte drin, um den nötigen Abstand zu bekommen. Das Drehbuchschreiben setzt einfach andere handwerkliche Kniffe voraus, überhaupt eine andere Art zu schreiben, zu assoziieren, zu imaginieren, nämlich stärker in Bildern. Aber ich finde das Drehbuchschreiben reizvoll und könnte mir gut vorstellen, fremde Stoffe zu bearbeiten.


ZDF: Was bedeutet Ihnen "Familie"?


Wissmann: Familie ist das, woher wir kommen und das, wohin wir gehen. Sie hält uns. Im Positiven wie im Negativen.


Krohn: Die Familie ist doch der erste Garten, in den man im Leben hineingeboren wird, und das ist kein Garten Eden, sondern ein Stück Land, in dem man sich zurechtfinden muss. Es kann dort rau sein, karg, üppig, voller Schlingpflanzen, Fallgruben, Gestrüpp, Weite, Enge. Die Familie ist ein riesiges Beziehungsgeflecht, die Brutstätte für Liebe und Gewalt schlechthin.


ZDF: In dieser Geschichte findet man die komplette Palette familiärer Probleme wieder: Ehebruch, existenzielle Not, Kinderlosigkeit, dominanter Vater, devote Mutter, aufmüpfige Tochter, usw. Ist dieses Abbild einer Kleinfamilie der gegenwärtigen Gesellschaft angepasst?


Krohn: Mir ging es nicht um die Kleinfamilie, im Buch sind es fünf Geschwister, im Film dann nur noch drei, alles andere wäre zu komplex gewesen. Im Buch spielt die Geschichte Anfang der neunziger Jahre, die Eltern haben den Krieg noch erlebt, ein Onkel taucht auf, der in der DDR verschwunden war - der zeitgeschichtliche Hintergrund ist also etwas anders.

Wenn ich mich um den Zeitgeist bemüht hätte, hätte ich vermutlich eher einen Roman über Singles oder über eine sogenannte "Patchworkfamilie" geschrieben. Aber auch dahinter verbergen sich jede Menge Spannungen und Konflikte, Themen wie Ehebruch, Kinderlosigkeit, Scheidung, Autorität und Ichfindung, Sprachlosigkeit, Schweigen, Formen von psychischer und physischer Gewalt, die letztlich zeitlos sind.

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