"Die komischen Rollen sind die dankbareren"

Interview mit Gisela Schneeberger

Gisela Schneeberger spielt in diesem Film eine resolute reife Frau, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt und gemeinsam mit ihrer Freundin Lore eine Art Rachefeldzug gegen die Männerwelt startet. Die Schauspielerin spricht über ihre Rolle, über die Kunst der Komödie und ihre Zusammenarbeit mit der inzwischen verstorbenen Monica Bleibtreu.


ZDF: Anneliese ist eine anarchisch-komische Frau. Wie sehen Sie sie?


Gisela Schneeberger: Anarchisch und komisch - so wird sie schon von Ingrid Noll beschrieben, das stimmt auf jeden Fall. Sie ist eine Messie-Frau und sehr respektlos. Jahrelang hat sie sich ihrem Ehemann untergeordnet und jetzt, wo sie praktisch in einer Weiber-WG wohnt, wird sie wirklich sehr anarchisch. Das Zimmer, das Lore übernehmen soll, ist wie der Rest der Wohnung voller Gerümpel. Die beiden Frauen sind um die 60. Diese Frauen werden von ihrer Umwelt sowieso nicht mehr richtig wahrgenommen. Genau solche Frauen spielen Monica Bleibtreu und ich.


ZDF: Nicht mal von den eigenen Männern ...


Schneeberger: Nein. Lores Mann verliebt sich in ein junges Ding, die dann von ihm schwanger wird. Und Anneliese hat ja wohl - das wird in einer kurzen Szene gezeigt - einen ganz brutalen Ehemann. Eine tolle Frau Mitte 40 erzählte mir einmal, dass auch sie auf der Straße kaum mehr beachtet wird. Den Männern sind Anneliese und Lore einfach zu unattraktiv, sie gucken immer auf junge Frauen. Deshalb beginnen Anneliese und Lore ihren "Rachefeldzug".


ZDF: Das komische, das komödiantische Fach scheinen Sie zu mögen?


Schneeberger: Eigentlich wollte ich schon auf der Schulbühne tragische Rollen spielen, aber die hat man mir nie gegeben. Als ich dann mein erstes Engagement in Berlin am Schillertheater hatte, spielte ich wenigstens eine leidende Webersfrau. Ich wollte eher traurige, schöne Prinzessinnen spielen, die Rollen hab' ich aber nie bekommen. Heute ist es natürlich klar, dass die komischen die dankbareren Rollen sind.


ZDF: Tun sich Frauen schwer mit dem Komischsein?


Schneeberger: Ich glaube, dass sich da schon etwas geändert hat. Obwohl sich das hochtrabend anhört: Das hat etwas mit Emanzipation zu tun. Seit wir unser eigenes Geld verdienen, müssen wir ja nicht mehr auf Teufel komm raus allen Männern gefallen - dabei entdecken wir selbstironisch unsere eigenen komischen Seiten, und plötzlich können wir damit sogar Geld verdienen. Noch in der Generation unserer Mütter gab es zwar Frauen mit "Mutterwitz", die blühten aber mehr im Verborgenen. Inzwischen gibt es doch viele gute Kabarettistinnen, auch viele Frauen, die witzige Drehbücher schreiben und und und ...


ZDF: Zum Komischsein gehört, dass man dabei auch nicht immer besonders hübsch sein muss.


Schneeberger: Absolut. Für mich ist das schon die halbe Rolle. Damals vor 30 Jahren in "Kehraus" habe ich sogar darauf bestanden. Kein Mensch verlangte es von mir, ich wollte aber einen Schaumgummikörper tragen und unattraktiv sein. So spielt sich die Rolle viel leichter. Bei einer trutschigen Frau sieht man schon von außen die Komik, sie selber braucht gar nicht komisch zu sein.

Ich finde die äußere Hülle ganz, ganz wichtig. Wahrscheinlich könnte ich das sonst gar nicht so spielen. Vanessa Jopp war Gott sei Dank offen für alles, zum Beispiel auch für die langen Haare und die Frisuren mit den kleinen Haarspangen, die zeigen, wie kindisch diese Frau plötzlich wird.


ZDF: Mutig, mutig! Damit macht man sich gerade bei Männern nicht unbedingt beliebter.


Schneeberger: Das kommt darauf an. Ich habe mal eine türkische Putzfrau gespielt - ausgestopft und mit Kopftuch. In der Drehpause ging ich damals in die Kantine der Bavaria-Film und habe mich vorher nicht umgezogen. Auf einmal merkte ich, wie mir die Straßenkehrer hinterherpfiffen.


ZDF: Anneliese und Lore leben ohne Männer in ihrer Weiber-WG. Kommen Frauen im richtigen Leben, gerade im Alter, ohnehin besser untereinander zurecht?


Schneeberger: Ja, je älter ich werde, umso mehr. Und ich bin auch mit lauter Frauen aufgewachsen. Die Männer sind einfach anders konditioniert. Man kennt ja die Geschichten von alten Männern und ihren jungen Mädels. Die Männer müssen dann allerdings auch reich sein. Frauen kommen vielleicht von Haus aus besser alleine zurecht. Das ist sicher auch der Grund, warum Frauen länger leben. Frauen suchen sich nicht immer gleich einen neuen Mann, wenn der Partner sie verlassen hat oder gestorben ist, während es bei Männern oft ganz schnell geht. Ich wundere mich oft, wie schnell ...


ZDF: Hatten Sie mit Monica Bleibtreu vormals schon gearbeitet?


Schneeberger: Nein. Ich kannte sie aber aus der Ferne, denn als ich in München an der Schauspielschule war, spielte sie an den Kammerspielen. In der gemeinsamen Kantine waren wir Schauspielschüler oft recht laut, darauf hat uns die Bleibtreu ermahnt: Wir sollten mal leise sein, wir dummen Gören da hinten! Daran hat sie sich bestimmt nicht mehr erinnert, aber als wir uns dann bei diesem Film begegneten, haben wir uns nur kurz angeschaut und wussten: Wir mögen uns.

Wir haben uns wirklich sehr gut verstanden. Es geht mir heute noch nah, dass es sie nicht mehr gibt. Sie ist als ganz, ganz lebendiger Mensch in meiner Erinnerung. Sie war ein ganz besonderer Frauentyp und unersetzbar. Ich glaube, manche Filme werden nicht mehr produziert, weil es sie nicht mehr gibt. Am allerbesten hat mir Monica Bleibtreu in "Vier Minuten" gefallen. Sie hat sich total verwandelt in diese ältliche strenge Jungfer, die doch so eine Sehnsucht in sich hat. Es ist so traurig, dass sie nicht mehr da ist, ich denke oft an sie. Wenn ich an unsere gemeinsame Drehzeit denke: Sie war so diszipliniert, viel disziplinierter als ich, obwohl sie schon so krank war. Das war eine ganz grandiose Haltung.

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