"Die Kunst liegt darin, den Zuschauer zu überlisten"

Interview mit Regisseur Michael Schneider

Sein Kommissar ist charmant, clever - und geht zu Prostituierten. Das Gleiche gilt für den Bösewicht. Regisseur Michael Schneider hat mit "Die Tote ohne Alibi" einen Krimi kreiert, der auf die typische schwarz-weiß Zeichnung verzichtet. Für den Film hat sich Schneider an klassischen Retro-Elementen der 70er Jahre orientiert, diese aber modern umgesetzt. Das Ziel ist klar: Der Zuschauer soll herausgefordert werden.

Lenny und Laim
Lenny und Laim Quelle: ZDF,Chris Hirschhäuser


ZDF: Diverse SOKOs, "Der Alte", "Die Chefin" ... Sie inszenieren viele Fernsehkrimis. Was fasziniert Sie so an diesem Genre?



Michael Schneider: Es war gar nicht mein Ziel, Krimi-Regisseur zu werden. Dieser Weg ergab sich einfach, nachdem ich vor zwölf Jahren meine erste Regie bei "Alarm für Cobra 11" gemacht hatte. Ehe man sich versieht, ist man in dieser Schublade drin.



ZDF: Aber Spaß scheint es Ihnen ja zu machen. Was macht das Besondere aus, Krimis zu inszenieren?


Schneider: Man kann unendlich viele Geschichten über Menschen erzählen. Die kriminelle Tat dient nur als Überbau.


ZDF: Ist es besonders schwer, einen Krimi zu inszenieren?


Schneider: Komödien sind schon ein Stückchen schwieriger. Bei Krimis dagegen kann man immer auf bestimmte Tools zurückgreifen, die eigentlich immer funktionieren.


ZDF: Was macht für Sie einen guten Krimi aus?


Schneider: Dass der Zuschauer mitraten kann, aber immer noch überrascht wird - eine Handlung, die gegen die Zuschauergewohnheiten verläuft. Manchmal sind unsere Kunden vor dem Bildschirm, die schon vor 30 Jahren den "Alten" gesehen haben, erfahrener als der Regisseur selbst. Die Kunst liegt darin, den Zuschauer zu überlisten. Es gibt so viele Krimis im Fernsehen. Ich hatte einfach das Gefühl, mal ein bisschen was anders zu machen, ohne das Rad völlig neu zu erfinden.


ZDF: Bei "Die Tote ohne Alibi" gelingt Ihnen dies mit plötzlichen Wendungen bis zur letzten Minute. Wie haben Sie das spannende Drehbuch umgesetzt?


Schneider: Zunächst einmal habe ich es mir zur Vorbereitung auf den Dreh drei Mal durchgelesen und dann mit meinem Kameramann Andreas Zickgraf, mit dem ich seit acht Jahren zusammenarbeite, der Inszenierung eine gewisse Richtung gegeben: eher klassisch mit einigen Retro-Elementen aus den 70er Jahren, trotzdem alles modern erzählt und mit Figuren, die eine gebrochene Persönlichkeit haben.


ZDF: An vorderster Stelle Lukas Laim. Er hat Ecken und Kanten, kann sich vor weiblichen Angeboten kaum retten und kauft sich dann doch lieber Liebe bei Edelprostituierten. Ist das nicht gewagt?
Schneider: Wir haben mit Laim möglicherweise einen neuen Typ von Fernsehkommissar auf dem deutschen Markt geschaffen, aber in England und Amerika sind gebrochene Figuren in Krimis schon lange nichts Ungewöhnliches. Hierzulande geben die Kommissare, die bis ins kleinste Detail ins Privatleben anderer vordringen, um den Mordfall zu klären, aber über ihr eigenes Privatleben kaum etwas preis.


ZDF: Konnten Sie bei der Besetzung der Rolle mitreden?


Schneider: Es war in der Tat meine Idee, Maximilian Simonischek diese neue, ungewöhnliche Rolle spielen zu lassen: einen jungen guten Typen unter 30 - in der Hoffnung, damit ein neues Publikum begeistern zu können. Als ich das Drehbuch las, hatte ich sofort ihn im Kopf. Ich kannte ihn von einer Episoden-Hauptrolle in "Kommissar Stolberg". Sicher ist es auch ein Experiment, den zweiten Kommissar, gespielt von Kostja Ullmann, in der Mitte des Films herauszureißen. Etwas völlig neues für den Zuschauer, der davon ausgeht, dass ihm das Kripoteam bis zum Schluss erhalten bleibt.


ZDF: Sie zeichnen in dem 90-Minüter ein eher abschreckendes Bild von München. Mit korrupten Spitzenmanagern, die sich Edelnutten leisten. Mit einem mit der Industrie klüngelnden Staatsanwalt. Mit kaputten Fotografen, die durch Erpressung neue Einnahmequellen gefunden haben. Mit Schwabinger Clubs, in denen Drogen konsumiert werden. Mit reichen Starnberger Familien, die mit dekadenten Problemen zu kämpfen haben ... Schneider: Naja, ein Körnchen Wahrheit ist ja schon dran. Ich komme selbst aus dieser Stadt voller Widersprüche, habe dort auch lange Zeit gelebt. Klar, die Klischees über München werden überspitzt dargestellt. Der Reichtum auf der einen und die Abgründe auf der anderen Seite waren ja auch schon bei vielen "Derrick"-Folgen ein Thema.

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