Die mehrfache Bedeutung von "Lulu"

Reflexionen des Autors Thomas Kirchner

Einer der Arbeitstitel von "Mord in Ludwigslust" hieß "Ausgerechnet Lulu" und spiegelte gleich mehrere Aspekte des Films wieder. Zum einen heißt der Ort, in dem die Geschichte spielt, Ludwigslust und wird von den Einheimischen gerne als 'Lulu' abgekürzt. Zum anderen heißt das Opfer "Lulu", und dahinter verbirgt sich natürlich eine Anspielung auf Frank Wedekinds "Lulu oder Die Büchse der Pandora", die Männern und Frauen den Kopf verdreht, deren Innerstes nach außen kehrt und schließlich selbst Opfer eines Serienmörders wird.

Mark (Benjamin Trinks, l.), Lulu (Constanze Wächter, m.) und Udo (Maximilian Vollmar, r.).
Mark (Benjamin Trinks, l.), Lulu (Constanze Wächter, m.) und Udo (Maximilian Vollmar, r.). Quelle: ZDF

"Mord in Ludwigslust" ist eine Novelle, nur dass das "seltsame, unerhörte Ereignis" (Goethe), der Zufall, der Auslöser von allem, hier am Ende präsentiert, und dazu noch lakonisch von Ben Martin kommentiert wird: "Glauben Sie's oder glauben Sie's nicht." Das ist nicht Chuzpe oder Desinteresse, sondern der gewollt skurrilen, teilweise theatralen Erzählweise geschuldet.

Alles miteinander verwoben

Heute angesiedelt, hat die Geschichte ihr Fundament in einem selten beleuchteten Kapitel der Wiedervereinigung. Als die Treuhand ihre Tätigkeit aufnahm, schätzte sie das Volksvermögen der DDR auf 600 Milliarden D-Mark. Nach nur fünf Jahren waren daraus 275 Milliarden Schulden geworden und es gingen 2,5 Millionen Arbeitsplätze verloren. Was ist in diesen 5 Jahren passiert? Mit dem Geld, den Fabriken, den Menschen?

Für die einen war es die Liquidation einer ganzen Volkswirtschaft, somit von Konkurrenz und anderen dubiosen Interessen, und für andere sind die vielfach zitierten "blühenden Landschaften" entstanden. Nicht selten alles zugleich und miteinander verwoben. Hinzu kommen hier noch der Abzug der Russen und deren gelegentlich kolportierten illegalen Waffenverkäufe.

Fluch des Föderalismus

Gesellschaftliche Themen verkleiden sich im Fernsehen oft als Krimi, um Gehör zu finden. Das kann man bedauern oder begrüßen, jedenfalls baut der Krimi durch sein Sujet schon von vornherein einen Spannungsbogen, dem man gerne folgen kann. Dieser Aspekt des Films geht über das Ermittlerdrama hinaus, denn es spiegelt den sehr aktuell zu Tage tretenden "Fluch des Föderalismus" wider, in dem Landespolizei- und Verfassungsschutzbehörden eifersüchtig aneinander vorbei operieren oder bestenfalls vor sich hin werkeln, ohne über den Tellerrand zu sehen.

Die Analytikerin eines Landeskriminalamtes durchbricht diese Grenzen und vergleicht Morde, die auf den Gebieten verschiedener Bundesländer verübt wurden und kommt so einem Serienmord auf die Spur.

Im Auge des Betrachters

All diese Geschichten sind zwar fiktiv, wie auch Ludwigslust nur als Folie dient (auch wenn dort zu DDR-Zeiten russische Armeeeinheiten stationiert waren), basieren aber auf zeithistorisch-allgemeinen Wahrheiten. Und hoffentlich öffnet der Film einige Türen, um mehr zu erzählen von der Zeit, als dieses Land nach der Überwindung der Teilung wurde, was es heute ist. Und das liegt ja nun auch wieder im Auge des Betrachters.

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