Die Schuld, die ins Verderben führt


ZDF: Herr Eigler, Ihr Film "Allein gegen die Angst" fesselt den Zuschauer, obwohl man die Personen, die die Angst auslösen, nicht sieht. Wie schafft man es als Regisseur, die Spannung über 90 Minuten zu halten?


Martin Eigler: Schön, wenn wir es geschafft haben sollten. Es ist immer eine Herausforderung, die Ungewissheit und Verunsicherung von Figuren im Film atmosphärisch zu gestalten. Man versucht natürlich, aus dem Zusammenspiel von Kamerabewegung, Farbgestaltung, dem Sounddesign und der Musik ein Gefühl der Spannung entstehen zu lassen.


Für das Grundgefühl der Familie im "Exil" war das Hauptmotiv, das Haus am Meer, sehr wichtig. Normalerweise verbindet man mit Meer Weite, Entspannung, die Erweiterung des eigenen Horizonts. In diesem Film ist es anders. In den Bildern verschwimmt der Horizont mit dem Himmel - ein Fluchtpunkt ist nicht auszumachen.


ZDF: Sie sprechen damit die Grundstimmung innerhalb der Familie an, die sich auch auf die beiden Personenschützer auswirkt ...


Eigler: ... eine Stimmung, die getragen ist von einer diffusen Bedrohung. Jochen und Marlene müssen sich plötzlich mit Dingen auseinander setzen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, Zustände, auf die sie keinen Einfluss haben. Das scheint im krassen Gegensatz zu den bisherigen Erfahrungen dieser Familie zu stehen, die selbstbestimmt ihr Leben gestalten konnte.


ZDF: Mit dem Hauptdarsteller des Films, Harald Schrott, haben Sie bereits drei Folgen der Reihe "Solo für Schwarz" gedreht. Stand er für die Rolle des Jochen von Anfang an fest?



Eigler: Ja, ich hatte das Bedürfnis, Harald Schrott einmal anders zu sehen als in "Solo für Schwarz", wo er einen straighten Polizisten spielt. Harald verfügt über großes Potenzial, er hat viele Gesichter und ist bereit, ganz in der Rolle aufzugehen.


Ich war sehr gespannt, wie er die Hauptrolle spielen würde: Jochen ist ein moderner Mensch, der es gewohnt ist, stets frei und selbstbestimmt zu handeln. Doch plötzlich ist es vorbei mit seiner Autonomie. Seine Familie und er werden immer mehr in ihrer Freiheit eingeschränkt - bis hin zur Aufgabe der eigenen Identität. Die Fassungslosigkeit und die Verzweiflung, dass die eigene Schuld ins Verderben führen könnte, machen die von Harald gespielte Figur so spannend.


Die Besetzung der anderen Rollen hat sich organisch ergeben. Mit Anja Kling wollte ich schon länger zusammenarbeiten. Jan-Gregor Kremp finde ich ebenfalls klasse, und Christoph Bach kannte ich bereits von Dreharbeiten zu einem "Tatort".


Schwieriger war es, jemanden für die Rolle der Tochter zu finden. Sie durfte kein Kind mehr sein und auch noch keine Frau. Zum Glück haben wir dann mit Lea Kurka eine junge Schauspielerin gefunden, die ein junges Mädchen auf der Schwelle zur Frau glaubhaft verkörpern kann. Aber letztlich entscheidet sich die Qualität der Besetzung im Zusammenspiel der Figuren, und das macht das Casting zu einem extrem sensiblen Vorgang - weil man die Chemie vorausahnen muss.


ZDF: Mit "Solo für Schwarz" und "Tatort" haben Sie einige Krimis gedreht ...


Eigler: Einen Krimi zu inszenieren, ist nach wie vor spannend für mich, aber das Genre hat ganz klare Gesetze und Regeln. Diese Regeln zu nutzen, um bestimmte Themen, die mir wichtig erscheinen, umzusetzen, das ist die Herausforderung bei einem so klar definierten Genre.


ZDF: Was hat Sie an "Allein gegen die Angst" besonders interessiert?


Eigler: In diesem Film konnte ich viel freier arbeiten als bei einer Krimireihe. Die Idee, einen Film zu machen, der sich mit dem Thema Zeugenschutzprogramm befasst, kam von der Redakteurin Karina Ulitzsch. Im Gespräch und durch Recherchen mit Produzent Titus Kreyenberg haben sich für mich die Eckpunkte der Geschichte ergeben.

ZDF: Ist das Ende des Films konsequent?

Eigler: Es gab unterschiedliche Überlegungen, welche Zukunft diese Familie haben könnte. Aber dann haben wir uns für diesen Schluss entschieden, und ich halte ihn für richtig. Unsere Recherchen im Vorfeld des Drehs haben ergeben, dass die "Organisierte Kriminalität" ihre Opfer über Jahre verfolgt und nur darauf wartet, dass diese einen Fehler machen - um dann, wie in unserem Film, zuzuschlagen.

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