Die technische Herausforderung der Doppelrolle

Visual Effects Operator Markus Selchow über die filmische Umsetzung

Kino- oder Fernsehzuschauer erstaunt es heute nicht mehr, wenn Schauspieler zwei oder mehrere Rollen in einer Produktion spielen und diese auch in Interaktion miteinander auf dem Bildschirm zu sehen sind. Selbst wenn sich die Figuren voreinander bewegen oder die eine Figur die andere berührt - wir haben uns an die perfekten Bilder gewöhnt, die die Technik heute ermöglicht, nichts anderes erwarten wir.

Nadia Trenkler (Natalia Wörner, l.) und Susanne Lasko (Natalia Wörner, r.) begegnen sich das erste Mal im Fahrstuhl eines Bürogebäudes. Quelle: ZDF

Idealerweise sieht man im Endergebnis den Szenen nicht an, wie viel Arbeit und technische Raffinesse von allen Beteiligten in solchen Sequenzen steckt. Entscheidend ist, ob der Zuschauer von der Handlung gepackt wurde, die Täuschung geglaubt hat und ihr gefolgt ist, sich hat unterhalten lassen. Dann hat es funktioniert - aber was genau hat eigentlich funktioniert?

Milimetergenaue Arbeit

Der Aufwand, der am Ende nicht auffallen darf, ist enorm: Grundsätzlich unterscheiden die Spezialisten für optische Effekte zwischen Szenen mit bewegter Kamera und stehenden Bildern. Bei Szenen mit bewegter Kamera ist eine so genannte "Motion-Control-Anlage", eine computerkontrollierte, motorgesteuerte Kamera, Voraussetzung, um mehrere Drehdurchgänge deckungsgleich durchführen zu können.

Splitscreen

Das bedeutet, dass die Kamera millimetergenau dieselbe Fahrt wiederholen kann, die mit Handbedienung nicht möglich wäre. Grundsätzlich gibt es bei Doppelrollen zwei Möglichkeiten, einen Darsteller zwei Mal im Bild zu zeigen: per Splitscreen und Greenscreen.
Der Splitscreen entspricht mehr oder weniger einer klassischen Bildteilung. Bei stehender Kamera ist der Aufwand geringer, so dass "nur" darauf geachtet werden muss, dass sich der Darsteller selbst im Spiel nicht "überkreuzt", also gleichzeitig denselben Raum bespielt. In "Die Lüge" wurde mit natürlichen Bildteilern und so genannten "Trackingmarks" gearbeitet.

Dabei wird versucht, Elemente aus dem Bild für Bewegungsanalysen (Tracking, Stabilizing) und Maskenlinien (zum Beispiel Bilderrahmen, Tischkanten) aufzugreifen. Ein Beispiel für eine solche Szene ist die erste Begegnung von Nadia Trenkler und Susanne Lasko im Fahrstuhl. Das Tracking und Stabilizing ist notwendig, damit die aufgenommenen Durchgänge nicht gegeneinander "verrutschen" und damit Maskenlinien fest auf dem Bild sitzen und selbst kleinsten Kamerabewegungen und Filmunruhen folgen können.

Im Takt mitschaukeln

Als beispielsweise Susanne zu Nadia ins Auto steigt, müssen die zwei Durchgänge gedreht und diese hinterher im Computer zusammengefügt werden. Leicht gesagt, aber: In dem Moment, in dem Susanne sich hinsetzt, schaukelt der Wagen.

Licht und Schattenwurf

Diese Bewegung muss im Computer präzise analysiert werden (Tracking/ Bewegungsverfolgung), um sie entweder herauszurechnen (Stabilizing) oder aber auf die andere Aufnahme zu übertragen (Destabilizing), so dass letztere sozusagen "im Takt" mitschaukelt und die Illusion der Zusammengehörigkeit perfekt macht.
Würde man solche Aufnahmen ohne jedes Tracking und Stabilizing miteinander kombinieren, würde der Zuschauer, durch die mitunter gegenläufige Bewegung der Aufnahmen, den Eindruck haben, der Hintergrund wackelt, beziehungsweise verschiebt sich. Der Übergang zwischen den beiden Bildhälften, die so genannte Maskenlinie, wäre deutlich wahrnehmbar und der Effekt würde nicht funktionieren, sondern von der eigentlichen Geschichte ablenken.

Damit zwei Drehdurchgänge miteinander kombiniert werden können, muss sichergestellt sein, dass die Lichtsituationen jeweils übereinstimmen. Das ist häufig nur durch künstliche Beleuchtung zu erreichen. Wichtig ist generell eine funktionierende Interaktion der virtuellen Darsteller. In der Umgebung müssen Licht und Schattenwurf zusammenpassen, eine Anspielhilfe als Gegenpart kann dem Hauptdarsteller helfen, zu reagieren und zu interagieren.

Hilfsmarken und Akustik

Um zum Beispiel einen Blick in die Augen des real nicht vorhandenen Gegenparts auch wirklich zu werfen und die räumliche Aufteilung (wer wann wo gestanden hat, beziehungsweise gegangen ist) zu fixieren, werden auch Hilfsmarken als Referenz für den Darsteller benutzt. Ganz entscheidend ist das Timing bei solchen Aufnahmen. Wenn sich zum Beispiel durch räumliche Enge begrenzte Laufwege kreuzen, müssen diese zumindest zeitlich getrennt sein, damit sich die Darsteller und Komparsen nicht im Bild durchdringen.

Greenscreen

Auch die Akustik ist ein wichtiges Hilfsmittel bei der Arbeit mit Split- oder Greenscreen. Geräusche oder Musik, die während der ersten Aufnahme abgespielt wurden, werden zeitgleich auch in der zweiten Aufnahme eingespielt. Auch ein einfacher Zähltakt während der Aufnahmen hilft, eine Art zeitliche Choreografie zu entwickeln, die dann für den zweiten Drehdurchgang als Referenz dienen kann. Bei dieser Technik wird der Darsteller vor einem neutralen grünen Hintergrund gedreht, der in der Postproduktion als Hilfsmittel zum Ausschneiden oder auch Stanzen der Person benutzt wird. Der Vorteil liegt hier in der Möglichkeit, selbst feinste Details wie etwa Haare, durch die man den eigentlichen Hintergrund sehen könnte, präziser zu separieren und auf das gewünschte Bild zu übertragen.

Der Greenscreen kam bei "Die Lüge" beispielsweise in der Szene zur Verwendung, in der sich Susanne in Nadia verwandelt hat und beide Frauen einander im Spiegel des Hotelzimmers betrachten. Die Figuren stehen dabei nicht nur nebeneinander, sondern überschneiden sich in ihren Bewegungen. Und nicht nur das - Nadia kann Susanne sogar über den Rücken streichen. Der finale Feinschliff wird letztlich durch filigrane farbliche Anpassungen der Einstellungen vorgenommen. Hier wird auf kleinste Details geachtet, die dann nachträglich eingearbeitet werden müssen.

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