"Die verbotene Frucht ist ein Reiz für viele"

Interview mit Hauptdarstellerin Katharina Müller-Elmau

Kommissarin Esther Fromm, gespielt von Katharina Müller-Elmau, kennt Pfarrer Reinberg schon seit vielen Jahren aus seiner Zeit als Gefängnisseelsorger. Damals stellte er ein falsches Gutachten aus, was verheerende Folgen hatte. Trotz dieses Fehlers fällt es der Kommissarin schwer, an die Schuld des Jesuitenpriesters zu glauben. Im Gespräch mit dem ZDF äußert sich die Schauspielerin zu ihrer Rolle und der Frage von Opfer, Täter und Kindesmissbrauch.

Kommissarin Esther Fromm (Katharina Müller-Elmau) und ihr Assistent Peter Etzer (Andreas Schmidt)
Kommissarin Esther Fromm (Katharina Müller-Elmau) und ihr Assistent Peter Etzer (Andreas Schmidt) Quelle: ZDF


ZDF: Sie spielen Kommissarin Fromm, die im Falle des getöteten Mädchens ermittelt. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?


Katharina Müller-Elmau: Eigentlich war es eine Schwierigkeit, die mich gereizt hat: Esther Fromms Privatleben wird im Film nicht erzählt. Das ist aber eigentlich eine wichtige Voraussetzung für den Zuschauer, um mit der Figur mitgehen zu können. Diese Besonderheit stellte für mich erst einmal eine Schwierigkeit dar, die sich dann in eine Herausforderung verwandelte und schließlich zum Reiz wurde. Es musste mir gelingen, Empathie für Esther zu gewinnen, rein über die Geschichten, die sie im Film erlebt, über ihren Umgang mit den Opfern und den zu Unrecht beschuldigten Tätern.



ZDF: Esther kennt Pfarrer Reinberg von seiner Zeit als Gefängnispsychologe, und ganz offensichtlich war sie mit ihm schon in der Vergangenheit nicht immer einer Meinung. Warum ist sie dennoch von seiner Unschuld überzeugt?


Müller-Elmau: So rational Polizisten beruflich sein müssen, glaube ich doch, dass sie so etwas wie Instinkt benötigen - und den unterstelle ich Frau Fromm. Außerdem wehrt sie sich gegen den Generalverdacht, der sehr schnell im Pfarrer den Schuldigen sieht. Die Kommissarin untersucht nicht nur oberflächlich, sondern interessiert sich für die tiefer liegenden Schichten bei Opfern und Tätern. Daraus erklärt sich auch die merkwürdige Verbindung zwischen Reinberg und ihr. Es zieht die Kommissarin ja geradezu immer wieder hin zu diesem Geistlichen, so als würde sie von ihm die Antworten auf ihre Fragen erwarten.


ZDF: Sie sprechen in der Rolle einmal vom Eros des Priesteramtes und von der spirituellen Macht, die diese Anziehungskraft verleiht. Können Sie sich persönlich vorstellen, einen Priester erotisch anziehend zu finden?


Müller-Elmau: Bestimmt nicht aufgrund seines Priesterseins. Ein Mann wird für mich nicht dadurch attraktiv, dass er nicht zu bekommen ist. Und dasselbe gilt für Esther Fromm. Aber sie sieht: Die verbotene Frucht ist ein Reiz für viele.



ZDF: Die Täter sind vielfach auch Opfer, heißt es im Film. Können Sie persönlich auch solch einen differenzierten Standpunkt einnehmen gegenüber Kinderschändern?



Müller-Elmau: Die Täter sind in erster Linie mal Täter, und das gilt es zunächst auch zu verhandeln. Alles Weitere muss man dann von Fall zu Fall entscheiden. Das Rechtssystem in unserem Land behütet die Täter relativ gut. Dafür gibt es viele Beispiele.
ZDF: Wird den Opfern zu wenig Aufmerksamkeit zuteil?



Müller-Elmau: Wenn man die Darstellung von Missbrauchsfällen in den Medien verfolgt, fällt auf, wie viel Interesse der Tat und dem Täter gilt und wie wenig letztendlich den Opfern oder deren Angehörigen. Es geht nicht darum, das schwere Schicksal der Betroffenen dem Voyeurismus auszuliefern, sondern sie im kollektiven Gedächtnis zu behalten. Und in erster Linie natürlich darum, solchen schrecklichen Straftaten vorzubeugen.



ZDF: Worin liegt die Stärke dieses Filmes?


Müller-Elmau: In der Konzentriertheit, mit der erzählt wird und mit der die Schauspieler ihre Rollen begreifen. Dank des ausgezeichneten Drehbuches ist jede Figur in sich sehr stimmig. Ich finde die Art gut, wie der Film mit Klischees spielt und sich mit dem Problem der Vorverurteilung auseinandersetzt. "Das dunkle Nest" springt nicht auf den Zug auf, demzufolge ein Generalverdacht gegenüber katholischen Priestern gerechtfertigt ist, er nimmt die Kirche aber auch nicht in Schutz.

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