"Diese Doppellast war reizvoll zu spielen"

Die Hauptdarsteller Lisa Maria Potthoff und Fritz Karl im Interview

In unterschiedlicher Weise haben sowohl die Protagonistin Nina (Lisa Maria Potthoff) als auch der Dorfpolizist Georg (Fritz Karl) Schuld auf sich geladen. Zwischen beiden steht der Tod von Ninas Bruder, den Georg zu verantworten hat. Über ihre jeweiligen Rollen und ihre erste Zusammenarbeit bei den Dreharbeiten sprechen die beiden Schauspieler im Folgenden.

Georg (F.Karl) bringt Nina (Lisa Maria Potthoff) nach Hause.
Georg (F.Karl) und Nina (Lisa Maria Potthoff) Quelle: ZDF


ZDF: Vor ein paar Wochen wurde "Tödlicher Rausch" auf dem Filmfest Hamburg mit dem Produzentenpreis ausgezeichnet. Was ist für Sie das Besondere an diesem Film?


Lisa Maria Potthoff: Die Geschichte wird in einer großen Ruhe erzählt, der Film macht sehr nachdenklich, nimmt sich wirklich die Zeit, damit der Zuschauer in 90 Minuten den Figuren zuschauen kann, wie sie mit ihrer Schuld umgehen.


Fritz Karl: Für mich waren es mehrere Komponenten: das Buch, die Geschichte - ein bisschen wie eine griechische Tragödie erzählt, aber auch die Besetzung und der Regisseur. Mit Johannes Fabrick zu arbeiten hat mich gereizt, auch mit Dir, Lisa, weil wir noch nie zusammen vor der Kamera gestanden haben.


ZDF: Was macht die Figuren aus?


Fritz Karl: Meine Figur nimmt - im übertragenen Sinn - auf ihrem Lebensweg nur einmal die falsche Abzweigung. Eigentlich ist Georg kein böser Mensch. Nur einmal macht er diesen folgenschweren Fehler und hat dann nicht das Rückgrat, dazu zu stehen. Auch aus Angst, er könne seinen Job oder seine neue große Liebe verlieren. So gerät er immer tiefer in diesen Sumpf, und eine Lüge, ein Betrug führt zur/zum nächsten. Potthoff: Gerade das berührt mich so an der Geschichte: Es gibt eben nicht den klassisch Guten und den klassisch Bösen, sondern die beiden würden theoretisch sogar gut zusammenpassen. Nur die Umstände verhindern das, weil Georg so viel Schuld auf sich geladen hat und Nina ihm das nie verzeihen wird.


ZDF: Ist es ein Film über Schuld?


Potthoff: Wenn man Regisseur Fabrick glauben kann, dann ja. Es wurde mir ungefähr fünfmal am Tag gesagt, dass ich in mein Schuldgefühl gehen muss. (Fritz Karl lacht!)

Der Plot gibt ja vor, dass Nina an diesem Abend eigentlich bei ihrem Bruder hätte sein sollen. Aber sie hatte sich gegen seinen Geburtstag entschieden und dadurch nachträglich viel Schuld auf sich geladen. Hinzu kommt, dass sie ihn und die ganze Familie vernachlässigt hat - der Vater war gestorben und die Mama war nicht wirklich fähig, ihre Mutterrolle verantwortungsvoll zu übernehmen. Nina hat sich aus der Verantwortung als größere Schwester gestohlen. Sie kommt zurück, und nun ist ihr Bruder auf relativ mysteriöse Weise gestorben. Den ganzen Film stelle ich mir in dieser Rolle die Frage: Welchen Anteil Schuld habe ich an Florians Tod?


ZDF: War es schwer, dieses Gefühl vor der Kamera auszudrücken?


Potthoff: Man muss jeden Tag bis an seine Grenzen gehen und diese emotionalen Tiefpunkte über längere Zeit durchhalten. Das kostet viel Kraft und ist durchaus vergleichbar mit Hochleistungssport, aber auch eine große Erfüllung, wenn man abends nach Drehschluss nach Hause geht und sagen kann: "Ich habe heute nicht nur Däumchen gedreht und Kaffee getrunken, sondern wirklich versucht, das Beste aus jeder Szene herauszuholen." Zugegebenermaßen war ich trotzdem nach den vier Wochen dann froh, das ganze Leid von Nina abstreifen und einfach mal wieder befreit lachen zu können.



Fritz Karl: Es gibt ja auch immer mehrere Möglichkeiten, eine Rolle zu spielen. Einfacher wäre es gewesen, einen völlig durchtriebenen Mann darzustellen. Aber so haben wir diese Figur nicht angelegt. Auf Georg wirken zwei starke Gefühlskräfte: Auf der einen Seite die Angst vor Entdeckung, weil er genau weiß: Wenn das alles herauskommt, ist sein Leben kaputt. Und auf der anderen die große Liebe zu einer Frau: Nina. Diese Doppellast war reizvoll zu spielen.

Aber auch Lisas Rolle ist diffizil: eine Frau, die immerzu nur Fragen stellt wie eine Kommissarin, aber tief drinnen voller Trauer, Selbstzweifel und Schuldgefühle ist. Das hat sie toll gemacht.


Potthoff: Herzlichen Dank! (lacht).


ZDF: Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und Ihren Figuren?


Karl: (lacht) Klar, auch ich komme vom Land, vom Bauernhof ...


Potthoff: Ja, ja, das sagt Fritz immer, damit jeder denkt, er ist ein Steirischer Gemüsebauer, aber ich weiß, er kommt aus dem Salzkammergut und ist gar kein Bauernsohn.


ZDF: Und Sie, Frau Potthoff, sind Sie denn so hartnäckig wie Nina bei ihren Recherchen?


Potthoff: Die wird doch auch erst dadurch hartnäckig, weil sie nicht aufhört, Fragen zu stellen. Ich persönlich halte mich für selbstbewusster als Nina, ich würde da schon noch mal ganz anders auf den Tisch hauen. Ich glaube, dass sie sehr lange die Augen zumacht. Und sie hat definitiv ein Problem mit Männern, welches ich selbstverständlich nicht habe (lacht).
ZDF: Sie haben beide zum ersten Mal zusammen gedreht. Wie lief's?


Karl: Also, mir hat's wahnsinnig gut gefallen, und wir werden die Arbeit auf jeden Fall fortsetzen - im November bei einen weiteren Film. Oder, Lisa?


Potthoff: Ja, wir drehen zusammen in Wien unter der Regie von Lars Becker, auch für das ZDF. Das wird eine ganz andere Geschichte und ebenso spannend, weil Fritz und ich uns dabei noch mal ganz anders kennenlernen werden. Mehr verrate ich aber nicht.


Karl: Schon hier bei "Tödlicher Rausch" hatten wir eine wahnsinnig intensive Zeit. Natürlich gab es manchmal Konflikte oder Auseinandersetzungen, aber die haben wir stets mit Respekt ausgetragen.


Potthoff: Ohne jetzt zuviel von Dir ausplaudern zu wollen, würde ich schon sagen, dass Fritz ein sehr temperamentvoller Mensch ist, und das bin ich auch. Man kämpft leidenschaftlich um seinen Standpunkt.


Karl: Na, dankeschön!


ZDF: Wie war die Arbeit mit Johannes Fabrick?


Karl: Nicht unspannend. Er sagt über mich, er habe noch niemanden erlebt, der mit soviel Skepsis ihm gegenüber aufgetreten sei. Und genauso war es auch.


Potthoff: Ich habe schon das dritte Mal mit Johannes Fabrick gearbeitet, hier aber das erste Mal in einer tragenden Rolle. Bei meinem ersten Film mit ihm war ich noch Berufsanfängerin. Ich stimme Fritz zu: Es ist ein wahnsinnig intensives Arbeiten mit Johannes. Was ich an ihm mag und was mir sehr hilft: Er sorgt für eine große Ruhe und schafft Raum, so dass wir Schauspieler uns ganz auf unsere Rollen konzentrieren können.


Karl: Diesen Raum lässt er allen am Set. Nur so kann eine ganz hohe Filmqualität entstehen.


ZDF: Sind Ruhe und Konzentration beim Dreh nicht selbstverständlich?


Karl: Nein!


Potthoff: Heutzutage leider nicht.


ZDF: "Tödlicher Rausch" spielt im dörflichen Milieu. Kennen Sie solch einen eingeschworenen Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft, wie er im Film dargestellt ist?


K
arl: Ja, durchaus, allerdings keinen, der mit solch einer kriminellen Energie verbunden ist. Aber, klar, das Dorfleben ist nicht anonym. Die Leute sehen sich wesentlich öfter, und es gibt Gemeinschaftsplätze, an denen man sich regelmäßig trifft - gezwungenermaßen, und von daher ist ein Zusammenhalt wesentlich größer als in der Stadt, aber umso größer dann auch die Wucht, wenn man ausgeschlossen wird. Das bekommt man krasser zu spüren.


Potthoff: Ich bin in der Nähe von München groß geworden, auch in einem Dorf, aber in einem, das größer ist als der Drehort. Ich kenne diese ganzen Burschenschaften, die Klüngeleien. Dafür sind die Bayern ja bekannt. Ich mag's auf eine Art auch ganz gerne, aber es kann auch sehr beengend sein.


ZDF: Welche Bedeutung haben Dialekte für Sie?


Potthoff: Ich bin in Berlin geboren und lebe seit elf Jahren wieder dort. Ich bin also kein echter Bayer! Aber der bayerische Dialekt klingt für mich schon heimisch. Ich drehe sehr viel im weiß-blauen Bundesland. Für mich wäre es viel schwerer, eine Berliner Göre zu spielen, wenn es um meine dialektischen Fähigkeiten geht. Aber ich mag Dialekte überhaupt sehr gerne, weil sie die Figuren erden, ihnen noch mal eine ganz andere Dimension verleihen.


Karl: Die Art der Sprache erzählt ja etwas über die Person - woher sie kommt. Leider wurde das bei uns jahrzehntelang stiefmütterlich behandelt. In Amerika und England gab es Dialekte im Film schon sehr lang. Auch in der Vorarbeit für unseren diskutierten wir darüber, vor allem Lisa, die vehement ihre Meinung sagte: Sie wollte ihre Rolle nicht in den Dialekt, sondern hochsprachlich anlegen.


ZDF: Frau Potthoff, warum wollten Sie keinen Dialekt für Nina?


Karl: Ich war am Anfang auch etwas irritiert darüber und habe am Set gefragt: "Warum bist'n Du eigentlich nicht im Dialekt?" Aber im Nachhinein war ich froh, dass sie das nicht gemacht hat.


Potthoff: Ich gebe zu, dass es anfangs eine reine Lustentscheidung war, weil ich dachte: "Ich habe in letzter Zeit so viel auf Bayrisch gemacht." Aber es passt zu Ninas Lebensweg. Ich konnte mich gut in diese Frau hineinversetzen, die bewusst aus ihrer Heimat weg in die Großstadt gezogen war und alles Dörfliche - auch den Sprachduktus - ablegen wollte. Denn ich persönlich bin ja selbst auf dem Dorf groß geworden, dann aufs Gymnasium in Stadtnähe gegangen und habe dort versucht, meinen Dialekt loszuwerden.



ZDF: Herr Karl, Sie haben ja schon erwachsene Kinder. Wie halten Sie die vom Komasaufen ab?



Karl: Ab einem gewissen Alter, so mit 17, 18, kann man sie ja sowieso nur begleiten. Die Fehler, wenn man welche vorher gemacht hat, sind dann nicht mehr zu revidieren. Ich habe meinen Kindern gesagt, sie sollen auf ihren Körper aufpassen. Dafür sind sie verantwortlich. Sie sollen Respekt vor ihrer Gesundheit, vor ihrem eigenen Körper haben. Und ich habe Ihnen beigebracht, guten Wein zu genießen. Sie trinken zum Beispiel überhaupt nicht diese Alkopops voller Zucker. Mehr kann man nicht tun.


ZDF: Bleiben da keine Ängste, dass sie doch in Gefahr geraten?


Karl: Sicher, klar, da ist aber ganz egal, wie alt das Kind ist. Meine Eltern haben bis heute Angst um mich. Das ist das Schwierigste für Eltern: Irgendwann muss man loslassen. Ich bin selbst solch eine irrsinnige Glucke, will meine Kinder immer beschützen. Den Großen geht das auf die Nerven: "Hey, Papa, drehst Du keinen Film, warum müssen wir uns ständig mit dir beschäftigen, ruf uns doch nicht dauernd an!"

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