"Diese Getriebenheit muss ein wesentliches Merkmal sein"

Interview mit Martin Eigler und Sven S. Poser

Im März 2009 zeigte das ZDF die erste Folge der Reihe um die junge Stralsunder Kriminalkommissarin Nina Petersen (Katharina Wackernagel). "Stralsund - Außer Kontrolle" ist nun ihr zweiter Fall. Drehbuchautor Sven S. Poser und Martin Eigler, der die Geschichte nicht nur mit verfasst, sondern auch inszeniert hat, beantworten Fragen rund um den Film.


ZDF: "Stralsund - Außer Kontrolle" ist der zweite Fall der jungen Kommissarin Nina Petersen. Ein dritter Fall ist bereits abgedreht. Was verbindet diese Filme?


Martin Eigler: Der erste Fall "Stralsund - Mörderische Verfolgung" handelte von einer Geiselnahme. Die Geschichte entwickelte eine große Eigendynamik, weil vieles nicht so lief, wie die Geiselnehmer es geplant hatten. Ihre Gefühle und Eigenschaften, ihr Wesen und ihre Biografie machten ihnen immer wieder ein Strich durch die Rechnung. Die Folge waren immer neue Improvisationen, die den Druck auf die Kommissarin Nina Petersen und ihre Kollegen ständig erhöhten.


Sven S. Poser: Diese Unberechenbarkeit, die immer neue Handlungszwänge erzeugt, hat uns interessiert. Wir wollten erkunden, wie unsere Figuren unter extremem Druck reagieren. Als die Frage nach einer Fortsetzung aufkam, haben wir gesagt: Diese Atemlosigkeit, diese Getriebenheit muss ein wesentliches Merkmal sein. Das war die Grundlage für die beiden nächsten Filme.


Eigler: Außerdem haben wir uns entschlossen, einen bestimmten Verbrechertyp als Gegner für unsere Polizeitruppe zu setzen. Es sind rücksichtslose Täter, die davon überzeugt sind, dass sie ein Recht darauf haben, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Wir versuchen, das Genre des Polizeithrillers zu nutzen, um Schlaglichter auf die Gesellschaft zu werfen. Eine Gesellschaft, in der dem Nehmen mehr Wert beigemessen wird als dem Geben und in der rücksichtslose Selbstbehauptung zum Maßstab des Erfolges wird. Insofern steht der Geldräuber Göttler aus "Stralsund - Außer Kontrolle" für viele in unserer Gesellschaft, die ihre Interessen ohne Rücksicht auf andere durchsetzen wollen.


ZDF: "Stralsund - Außer Kontrolle" erzählt von einem Überfall auf einen Geldtransporter und den Folgen. Was hat Sie an dieser Geschichte interessiert?

Sven S. Poser
Sven S. Poser Quelle: ZDF


Poser: Wieder geht es um ein Verbrechen, das vor unseren Augen dynamisch fortschreitet. Nina Petersen und ihre Kollegen können nicht behutsam recherchieren und den Täter geduldig einkreisen. Unter dem Druck der Ereignisse müssen sie intuitiv, aus der Situation heraus reagieren - und verzweifelt hoffen, dass ihre Entscheidungen richtig sind und Schlimmeres verhindern.


Eigler: Der entführte Geldtransporter wechselt permanent seinen Standort und bietet daher interessante erzählerische Möglichkeiten. Die ständige Bewegung macht die Täter gefährlicher. Es gibt keinen Platz mehr, an dem das Böse umzingelt werden kann. Folgerichtig wird es für die Polizei immer schwieriger, ihren Apparat richtig in Stellung zu bringen.


ZDF: Sie haben eine Riege von namhaften Schauspielern für das Projekt gewinnen können. In "Außer Kontrolle" gehören neben Katharina Wackernagel auch noch Wotan Wilke Möhring, Alexander Held und Michael Rotschopf zum Ermittlerteam, die Rolle des Bösewichts hat Justus von Dohnányi übernommen.

Martin Eigler
Martin Eigler Quelle: ZDF


Eigler: Es macht einfach große Freude, mit diesen Schauspielern zu arbeiten. So unterschiedlich sie auch sind, so präzise sind sie alle, wenn es darum geht, Nuancen und Details heraus zu arbeiten. Wenn Katharinas Figur mit einem Blick kommentiert, wie ihr Exfreund Ben (Wotan Wilke Möhring) wieder die berufliche und die private Ebene vermischt; wenn der Chef Meyer (Michael Rotschopf) dies mit einem spöttischen Lächeln zur Kenntnis nimmt, nachdem er zuvor eben diese Vermischung unterstellt hatte; wenn Karl (Alexander Held) sich darüber empört, wie eine Dienstanweisung ohne Angabe von Gründen revidiert wird, oder wenn Göttler (Justus von Dohnányi) versucht, seinen Gangsterkollegen (Max Hopp) zu manipulieren, um diesem den größten Anteil des Verbrechens aufzuladen - dann sind dies alles wichtige Momente, um die Figuren komplex zu gestalten.


Poser: Das Thrillergenre folgt ja sehr festen Regeln und ist von einem höheren Erzähltempo bestimmt. Das führt oft zu einer Überbetonung des Plots. Deshalb ist es uns besonders wichtig, dass die Figuren vielschichtig sind, und ihr Zusammenspiel ein paar unerwartete Wendungen nimmt. Wenn dann diese Figuren - wie in "Stralsund - Außer Kontrolle" - von so hochkarätigen Schauspielern verkörpert werden, stehen die Chancen gut, dieses Ziel auch zu erreichen.


ZDF: Auffällig sind die Rhythmuswechsel in dem Film. Wie kam es dazu?


Eigler: Wenn man sich mit dem Genre Polizeifilm und Thriller beschäftigt, dann ist es natürlich immer eine Herausforderung, Strukturvorgaben zu nutzen oder zu durchbrechen. Wir hatten sehr früh die Idee, dass wir dem Tempo der ersten Hälfte eine deutlich ruhigere, aber spannungsgeladene Phase gegenüberstellen wollten, in der wir unsere Protagonistin Nina Petersen und den Antagonisten Göttler direkt aufeinander treffen lassen wollten.
Poser: Wir brauchten die ruhigere Phase auch, um mehr Raum für die Figuren, ihren Charakter und ihre Eigenheiten zu schaffen. Denn in "Stralsund - Außer Kontrolle" wird ein völlig neues Team eingeführt. Der Zuschauer soll nicht nur Nina Petersen, sondern auch ihre Kollegen besser kennen lernen, bevor das Tempo im letzten Drittel wieder anzieht.


ZDF: Warum wurde Stralsund als Handlungsort gewählt?


Poser: Stralsund hat landschaftlich sehr viel zu bieten. Die Insel Rügen, das Meer, die Küste, Industrien, ländliche Umgebungen. Und bis nach Skandinavien, Polen oder ins Baltikum ist es auch nicht weit.


ZDF: Die Stadt Stralsund wirkt in Ihren Filmen alles andere als ruhig und beschaulich.


Poser: Es stand für uns von Anfang an fest, dass wir nicht eine idyllische Fassade erzählen wollen, hinter der dann das Böse umgeht. Verbrechen wie die, die wir beschreiben, finden überall statt, nicht nur in den Metropolen. Und sie treffen überall auf ein ähnliches Lebensgefühl, nämlich dass die Welt unübersichtlicher und unberechenbarer geworden ist.


ZDF: Worum geht es im dritten "Stralsund"-Film, der vor wenigen Wochen abgedreht worden ist?


Poser: Nina Petersen und Kollegen suchen nach einem Mann, der scheinbar grundlos auf Fahnder geschossen hat. Der Zuschauer weiß schon sehr früh, dass der Unbekannte am Beginn einer Mordserie steht. Beide Parteien, Polizei und Mörder, starten also fast zur selben Zeit. Dadurch entsteht ein regelrechter Wettlauf um das Leben der Personen, die der Täter ins Visier genommen hat.


Eigler: Auch hier bekommt die Polizei es mit einem Täter zu tun, der mit großer Härte sein Ziel verfolgt. Für Nina Petersen geht es vor allem darum, den Täter zu stoppen, weniger darum, ihn psychologisch zu verstehen. Auch hier dominiert der Zeitdruck.

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