"Ein Generalverdacht ist immer problematisch"

Interview mit Hauptdarsteller Christian Berkel

Christian Berkel, der katholisch aufgewachsen ist und eine Laufbahn als Messdiener hinter sich hat, spielt in diesem Drama die Hauptrolle des Jesuitenpriesters Dr. Gabriel Reinberg. Über das Thema sexueller Missbrauch und sein Verhältnis zur katholischen Kirche spricht der Schauspieler im Folgenden.

Dr. Gabriel Reinberg (Christian Berkel) mit Maria Gerblich (Petra Schmidt-Schaller)
Dr. Gabriel Reinberg (Christian Berkel) mit Maria Gerblich (Petra Schmidt-Schaller) Quelle: ZDF


ZDF: Erinnern Sie sich an Ihre erste Reaktion, als Ihnen die Rolle des Pfarrers Reinberg angeboten wurde?



Christian Berkel: Ich hatte das Buch gelesen und war einfach gespannt auf das Projekt. Ich habe mit Gabriela Sperl ja schon einen sehr schönen anderen Film gemacht: "Helen, Fred und Ted". Und ich war sehr gespannt auf die Arbeit mit der Regisseurin Christine Hartmann. Und der Film behandelt ja ein sehr aktuelles, viel besprochenes Thema.


ZDF: Ein Thema, das polarisiert. Hatten Sie keine Bedenken?


Berkel: Polarisierung finde ich grundsätzlich gut, meiner Meinung nach scheuen wir das viel zu oft im Fernsehen und auch im Kino. Polarisierung hat den Vorteil, dass sie die Zuschauer dazu einlädt, Position zu beziehen, und das tut einem Film immer gut.
ZDF: Wie hat es sich angefühlt, zum ersten Mal in ein Chorgewand zu schlüpfen?


Berkel: Ich hatte ja selbst eine gewisse Erfahrung damit. Ich wurde katholisch erzogen, habe auch die ganze Messdienerlaufbahn absolviert. Mir hat das damals eigentlich viel Spaß gemacht. Ich fand, die katholische Kirche hat viele theatralische Momente, und das wirkt natürlich enorm anziehend auf jemanden, der Schauspieler werden will.


ZDF: Sie haben ein Gymnasium besucht, das von Jesuiten geleitet wurde. Gab es Fälle sexuellen Missbrauchs an Ihrer Schule?


Berkel: Ich glaube, einzelne sexuelle Übergriffe hat es auch an meiner Schule gegeben, zumindest redeten wir Schüler untereinander davon. Jeder wusste, mit welchem Lehrer man besser nicht alleine war.



ZDF: Pfarrer Reinberg wird Opfer genau jenen Generalverdachts, der heutzutage in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist. Haben Sie Verständnis für diese öffentliche Meinung?


Berkel: Für diese Art von Stimmung habe ich grundsätzlich wenig Verständnis. Ein Generalverdacht ist immer problematisch, man kann vom Verhalten Einzelner nie auf die ganze Gruppe schließen. Gerade in Deutschland sollte man für die Gefahren, die das birgt, eigentlich sensibilisiert sein. Andererseits hat sich die katholische Kirche zu diesem Problem, das sie zweifellos hat, zu wenig geäußert - und vor allem zu spät. Schon im Interesse daran, die positiven Teile kirchlicher Arbeit zu schützen, müsste sie viel eindeutiger Stellung beziehen. Das ist mein großes Problem mit der katholischen Kirche.


ZDF: Reinberg, der ja auch Psychologe ist, hat in der Vergangenheit mit seinem Gutachten einem sexuellen Straftäter zur Freiheit verholfen. Darauf angesprochen, dass der Mann rückfällig wurde, sagt er: "Jeder hat eine zweite Chance verdient". Sind Sie auch dieser Meinung?


Berkel: Das ist ein verdammt schwieriges Thema. Grundsätzlich gilt der Satz mit der zweiten Chance. Das Problem bei sexuellen Straftätern ist, dass man extrem genau untersuchen muss, wie weit die Gefahr eines Rückfalls besteht. Beim geringsten Verdacht darf man das auf keinen Fall riskieren. Psychologische Gutachten werden aber von Menschen gemacht, und Menschen irren sich, das ist ja nicht wie Pulsmessen, da gibt es logischerweise eine Fehlerquote. In anderen Bereichen kann man das akzeptieren, hier nicht.



ZDF: Sie haben selbst zwei Kinder (neun und zwölf Jahre alt). Wie schützen Sie die beiden vor sexuellem Missbrauch?


Berkel: Wir sprechen mit beiden offen darüber, dass es diese Gefahr gibt. Beide sind aufgeklärt. Der beste Schutz ist noch immer der: die Kinder zu wachen, selbstbewussten Menschen zu erziehen. Sie sollten lernen, auf ihre Gefühle zu hören, und sie müssen wissen, dass sie ein Recht auf diese haben. Dann sind sie auch in der Lage, Widerstand zu leisten.

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