"Ein neuer Blick auf die eigene Geschichte "

Romanautor Jan Seghers über seinen gleichnamigen Krimi und dessen Verfilmung

Mit seinen Marthaler-Kriminalromanen ist der Frankfurter Autor Jan
Seghers weit über die Grenzen seiner Wahlheimatstadt bekannt geworden. "Die Braut im Schnee" ist einer von inzwischen vier Romanen, die den eigensinnigen und sensiblen Kommissar ins Zentrum äußerst verwickelter Verbrechen stellen.

Die Braut im Schnee" - Klappe
Die Braut im Schnee" - Klappe Quelle: ZDF

Robert Marthaler Krimis leben von Konflikten. Konflikte treiben die Handlung voran, sie halten die Spannung hoch und das Interesse der Leser wach. Also brauche ich eine Hauptfigur, die es mit sich und ihrer Umgebung nicht leicht hat, ich brauche einen Helden, der aneckt.

Die Figur Hauptkommissar

Hauptkommissar Robert Marthaler ist ein wenig verschroben, ein wenig schwermütig, manchmal ungerecht und aufbrausend. Und dabei dennoch, wie ich hoffe, meist liebenswert. Irgendwer hat für ihn mal den schönen Ausdruck "Melancholeriker" erfunden.

In dem Wort Ermittler steckt ja auch das "Mittlere". Marthaler ist eine mittlere Figur, denn er ist nicht sehr stark konturiert, er ist in keiner Weise extrem, sondern er muss immer eine Projektionsfläche für die Leser sein. Das Publikum soll neugierig auf ihn bleiben, und ich selbst will mich beim Schreiben immer wieder von ihm überraschen lassen.

Die Besetzung

Matthias Koeberlin war eine überraschende Besetzung. Ich habe mir Marthaler etwas älter, in vieler Hinsicht etwas gesetzter vorgestellt. Jetzt bin ich froh, dass die Rolle gegen den Strich besetzt wurde, denn einen besseren als Koeberlin hätte man kaum finden können. Er verkörpert die Figur so ungemein glaubwürdig, weil er sie zurückhaltend spielt. Alles was er tut - vor allem aber: was er nicht tut - ist nachvollziehbar, gleichzeitig bleibt sein Marthaler immer ein wenig undurchschaubar. Weil er ein Geheimnis behält, interessiert er mich umso nachhaltiger. Marthaler ist ja jemand, der darauf besteht, dass man sehr wohl zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Es ist schon atemberaubend, wie es Koeberlin gelingt, genau das darzustellen, ohne aus der Figur einen bräsigen Moralisten zu machen.

Der Handlungsort Frankfurt am Main

Dass meine Kriminalromane in Frankfurt spielen, ist ja kein Zufall. Orte sind extrem wichtig für die Geschichte. Als Autor muss man seine Orte sehr gut kennen. Und da ich keine andere Stadt besser kenne als Frankfurt, ist dies ganz selbstverständlich der Hauptschauplatz. Nur so kann ich glaubwürdig sein, auch für Menschen, die Frankfurt gar nicht kennen. Außerdem ist Frankfurt ein recht praktischer Ort für einen Krimiautor. Es ist groß genug, dass hier jedes, auch jedes noch so abscheuliche Verbrechen geschehen kann. Andererseits ist die Stadt klein genug, dass ich hier alles schnell recherchieren kann.

Ich habe mir schnell ein Netzwerk aus Polizisten, Juristen, Gerichtsmedizinern aufbauen können, die mir beim Schreiben helfen und die mich mit den nötigen Informationen füttern. Denn im Krimi muss zwar nicht alles wahr, aber es muss alles wahrscheinlich und wahrhaftig sein. Es passiert mir oft, dass ich zwar weiß, was in einer Szene passieren soll, dass ich sie aber nicht schreiben kann, weil ich den Ort noch nicht kenne. Es ist eben ein großer Unterschied, ob ein Ehepaar sich auf dem Friedhof streitet, in der Schalterhalle einer Bankfiliale oder im heimischen Schlafzimmer. Der Dialog verläuft jeweils völlig anders. Orte erzählen eben selbst schon Geschichten.

Ein Krimi als Spiegel der Gesellschaft


Ein Krimi, der etwas taugt, ist immer auch ein Gesellschaftsroman. Er muss ein reiches, widersprüchliches Bild unserer Welt zeigen, er muss in alle Milieus eintauchen und von sehr unterschiedlichen, aber immer glaubwürdigen Figuren bevölkert sein.

Auch die kleinste Nebenfigur muss vom Autor ganz und gar ernst genommen werden, damit die Leser sie ernst nehmen können. Ausgedachte, luftgeborene Geschichten sind nicht meine Sache. Ich brauche die Realität als Sprungbrett für die Phantasie.

Die Recherche zum Roman

Bei der "Braut im Schnee" war es der Bericht eines englischen Psychiaters, der immer wieder von Scotland Yard zu rätselhaften Mordfällen hinzugezogen wurde. In seinen Memoiren erzählt er von einem weiblichen Opfer, das vom Täter auf sehr auffällige und entwürdigende Weise drapiert worden war. Diese Beschreibung hat mich über Jahre verfolgt, immer wieder hatte ich dieses Bild vor Augen. Um es endlich los zu werden, habe ich es aufgeschrieben und zum Ausgangspunkt meines Romans gemacht.

Aber damit begann erst die eigentliche, in diesem Fall ziemlich schwierige Recherche. Bei meinem Täter handelt es sich ja - was von vornherein klar ist - um einen Sadisten, um einen Mörder, der offensichtlich sexuelle Lust dabei verspürt, sein Opfer zu quälen und zu töten. Das kommt in Romanen und Filmen zwar oft vor, ist in der Wirklichkeit allerdings nur äußerst selten. Denn die allermeisten so genannten Lustmorde geschehen nicht aus Lust. In Wahrheit sind es Verdeckungsmorde nach einer Vergewaltigung. Der Vergewaltiger will von seinem Opfer nicht entlarvt werden, deshalb tötet er es. Über die wenigen wirklichen Sadisten gibt es nur spärliche wissenschaftliche Untersuchungen. Zum Glück bin ich schließlich doch noch fündig geworden und konnte so meiner Geschichte eine stabile Grundlage geben.

Die Romanverfilmung

Es heißt, dass es eigentlich überhaupt keinen Romanautor gebe, der mit der Verfilmung seines Buches wirklich glücklich sei. Gut, dann bin ich eben die große Ausnahme. Ein Film ist immer etwas anderes als ein Roman, er gehorcht seinen eigenen Gesetzen. Und er muss immer konkurrieren mit jenem Film, der bei der Lektüre im Kopf der Leser entstanden ist. Mir war vor allem wichtig, dass der Geist meines Romans, dass die Atmosphäre bei der Verfilmung erhalten bleibt. Und das ist Lancelot von Naso und dem Team besser gelungen, als ich je zu hoffen gewagt hatte.


Die Verfilmung hat genau den Look, genau die Temperatur, die ich mir gewünscht hatte. Ich hasse glatte Filme, die man schon wieder vergessen hat, bevor der Abspann noch durchgelaufen ist. "Die Braut im Schnee" ist ein aufregender, anregender, reicher Film geworden. Ich mag die Bilder, die Gesichter der Schauspieler, die knappen Dialoge. Was kann beglückender für einen Autor sein, als dass er durch die Verfilmung noch einmal einen ganz neuen Blick auf seine Geschichte werfen kann?

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