"Eine Art Duellsituation"

Interview mit Barbara Auer und Ina Weisse

In "Das Ende einer Nacht" stehen Barbara Auer und Ina Weisse das erste Mal gemeinsam vor der Kamera. Als Richterin und Anwältin stehen sie sich im Gerichtssaal gegenüber und ringen um Schuld und Unschuld, Wahrheit und Urteil.

Eva Hartmann und Katharina Weiss
Eva Hartmann und Katharina Weiss Quelle: ZDF


ZDF: Frau Auer, bitte beschreiben Sie die Figur der Richterin.


Barbara Auer: Katarina ist streitbar, engagiert und emanzipiert. Sie liebt ihren Mann, und sie liebt ihren Beruf. Und in letzteres steckt sie ihre ganze Energie. Und weil das so ist, weil sie ihren Beruf immer noch als Berufung sieht, ist es oft schwer, die richtige Balance zwischen Privatleben und dem Amt der Richterin zu finden.


ZDF: Mit welchem Anspruch erfüllt sie ihren Beruf?


Auer: Wie gesagt: Er ist Berufung. Sie ist ein Mensch, für den es lebenswichtig ist, selbst Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Sie hat keine Angst davor, im Gegenteil: es würde ihr mehr Schwierigkeiten machen, andere über sich bestimmen zu lassen. Oder anderen Entscheidungen zu überlassen, die nicht in ihrem Sinne sind.



ZDF: Die Verteidigerin wirkt sehr kühl und distanziert. Worauf kommt es bei ihrer Arbeit an?



Ina Weisse: Als Verteidigerin muss sie versuchen zu verhindern, dass sich das Gericht zu schnell auf eine bestimmte Wahrheit festlegt. Dafür braucht es Hartnäckigkeit, Genauigkeit und die Fähigkeit sich in andere einzufühlen. Also ein hohes Maß an Konzentration. Sie muss sich in das hineindenken können, was ein Zeuge sich vorstellt, um etwas von ihm zu erfahren. Und um eventuelle Unsicherheiten aufzudecken und für sich nutzbar zu machen.



ZDF: Für Katarina Weiss steht der Beruf über allem - auch über ihrem Privatleben. Wie geht sie mit den daraus entstehenden Konflikten um?



Auer: Sie erwartet, dass ihr Mann Verständnis hat. Sie hat in André auch einen Mann an ihrer Seite, der sie liebt und ihre Ambitionen respektiert und unterstützt. Aber immer öfter ist seine Geduld überstrapaziert, was Katarina natürlich zwar merkt, aber durchaus ignoriert. Wenn sie einen Prozess hat, der ihr wichtig ist, dann muss ihr Mann hinten anstehen. Die beiden sind schon so lange zusammen, dass sie einander besser kennen als jeder andere. Und so weiß auch jeder, woran er beim anderen ist und was sie aneinander haben. Darauf verlässt sich Katarina. Vielleicht manchmal zu selbstverständlich.


ZDF: Eva Hartmann kehrt von der Wirtschaftsanwältin zurück zum Strafrecht. Ist Erfolg um jeden Preis ihre Motivation?



Weisse: Es geht ihr nicht nur um Erfolg. Strafverteidigung ist für sie einfach interessanter. Das entspricht mehr ihrem kämpferischen Charakter. Es passieren dort die für sie spannenderen Fälle, sie stellen für sie eine größere Herausforderung dar.



ZDF: Sie beide spielen Ihre Rollen sehr glaubwürdig. Haben Sie sich speziell auf diese Rolle vorbereitet?



Weisse: Ich habe mir verschiedene Gerichtsverhandlungen im Amtsgericht Tiergarten angesehen und Gespräche mit einer Berliner Strafverteidigerin geführt. Der Ton in den Verhandlungen war stets sachlich, ohne Pathos. Die Beteiligten haben sich genau zugehört, beobachtet, mit hoher Konzentration. Da Tonbandaufnahmen nicht zulässig sind, schrieben alle mit.



Auer: Ich habe einer Gerichtsverhandlung beigewohnt, die von einer Richterin, auch etwa in meinem Alter, geleitet wurde. Alles andere war sehr genau im Drehbuch beschrieben.



ZDF: Der Beruf des Richters wird nach wie vor eher von Männern dominiert. Worin lag für Sie der besondere Reiz diese Rolle anzunehmen?



Auer: Der erste Reiz lag darin, endlich einmal mit Matti Geschonneck arbeiten zu können. Das habe ich mir schon lange gewünscht. Und dann hat mich die Geschichte überzeugt und fasziniert. Auch der Beruf des Verteidigers ist bis heute eine Männerdomäne. Strafverteidigerinnen im Sexualrecht sind tatsächlich eher die Ausnahme.


ZDF: Worin lag für Sie der besondere Reiz in dieser Rolle?



Weisse: Das Drehbuch von Magnus Vattrodt war sehr gut geschrieben. Die Figuren sind glaubhaft, die Dialoge präzise. Mit Matti Geschonneck zu arbeiten ist spannend, konzentriert. Man fühlt sich bei ihm aufgehoben. Mit Barbara Auer war es für mich die erste Zusammenarbeit. Sie ist eine unglaubliche Frau. In unseren Szenen empfand ich, trotz der Auseinandersetzungen zwischen Richterin und Anwältin, immer eine große Nähe, eine Anziehung.



ZDF: Die Richterin hat Angst vor einem Fehlurteil. Im Zweifel für den Angeklagten. Wie geht sie mit dieser Verantwortung um?



Auer: Sie weiß um ihren Handlungsspielraum und akzeptiert ihn, auch wenn sie es nicht immer gutheißt und es sie manchmal quält, ein bestimmtes Urteil fällen zu müssen.


ZDF: Glaubt Eva Hartmann ihrem Mandanten? Hat sie Zweifel an seiner Unschuld?



Weisse: Es geht Eva Hartmann nicht darum, ob ihr Mandant die Wahrheit sagt, oder nicht, sondern darum, ob die Beweise vor Gericht ausreichen, um ihn zu verurteilen. Es geht also um die Wahrheit, die mit den Mitteln des Strafprozessrechts erkannt werden kann. Würde Eva Hartmann sich über die moralische Schuld Gedanken machen - sie könnte ihren Beruf nicht ausüben.


ZDF: Trotzdem gerät sie im Laufe des Prozesses in einen immer größer werdenden inneren Konflikt ...



Weisse: Weil sie eine Grenze überschreitet. Sie betritt das Haus ihres Mandanten und fühlt sich plötzlich von ihm bedroht. Und sie erfährt, dass ihr Chef sie betrogen hat und in ein offenes Messer hat laufen lassen. Sie gerät also in ein persönliches Dilemma, das auch ein moralisches ist.


ZDF: Aus dem Duell zwischen der Richterin und der Verteidigerin erwächst im Laufe der Verhandlung ein gewisser Respekt voreinander. Wie kommt es dazu? Welche Auswirkungen hat das?



Auer: Beide sind sehr starke Frauen. Und auch wenn Katarina zu Beginn der Verhandlung eine gewisse Verachtung für Eva Hartmann hat, weil sie ihrer Meinung nach auf der falschen Seite steht, imponiert ihr schon sehr schnell deren kaltblütiger Verstand und ihre Streitbarkeit. Es ist von Anfang an eine Konkurrenz zwischen den beiden Frauen, oder besser eine Art Duellsituation.


ZDF: Beide - die Richterin und die Verteidigerin - befinden sich in einem juristischen Dilemma. Während der Vorbereitung auf Ihre Rolle haben Sie sich mit dieser Fragestellung sicherlich auch beschäftigt. Wie sind Ihre persönlichen Empfindungen und Gedanken dazu?



Auer: Ich kann verstehen, dass Katarina während des Prozesses von ihren eigenen Gefühlen umgetrieben wird. Dass sie Wut, Zweifel, Mitgefühl und Empörung empfindet. Und eben dennoch entgegen dieser Empfindungen Recht sprechen muss. Das stelle ich mir schwer erträglich vor. Es frustriert und zermürbt, und wahrscheinlich muss man aufpassen, nicht sarkastisch und verbittert zu werden.


Weisse: Es gibt einen Moment, wo Eva Hartmann überlegt, ob sie sich für ihre Empfindung und gegen ihren Beruf entscheiden soll. Trotzdem denke ich, ist der Konflikt der moralischen Schuld für einen Anwalt leichter zu bewältigen, als für einen Richter, der sich am Ende eines langen Prozesses zutrauen muss, über einen Menschen zu urteilen. Immer mit dem Risiko sich zu irren und ein Fehlurteil zu verhängen.

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