Eine packende Geschichte, die viele Fragen aufwirft

Interview mit Regisseur Mark Schlichter

Der psychologische Krimi "Tod einer Schülerin" setzt sich unter anderem mit dem sensiblen Thema DNA-Massentest und der damit verbundenen Frage des Datenschutzes auseinander. Regisseur Mark Schlichter erläutert im Interview seine Einstellung zu der Problematik und berichtet von der besonderen Herausforderungen bei der Arbeit mit den Schauspielern.


ZDF: Was hat Sie motiviert, bei "Tod einer Schülerin" Regie zu führen?


Mark Schlichter: Als der Produzent Christian Granderath mir das Buch mit ein paar begleitenden Sätzen gab, war ich erst skeptisch, aber beim Lesen hat mich die Geschichte dann nach und nach immer stärker gepackt.
ZDF: Welche Aspekte des Filmstoffes finden Sie besonders interessant?


Schlichter: Das Kämpfen der Hauptfigur, die von Matthias Brandt gespielt wird, gegen die Verdächtigungen, das Kämpfen mit sich selbst, mit den Halbwahrheiten und Lügen, die sich in die lange Ehe mit seiner Frau eingeschlichen haben und hinter denen er sich anfangs noch zu verstecken versucht. Der Moment, in dem er ihr die Wahrheit sagt, es aber nicht klar ist, ob das wirklich die ganze Wahrheit ist. Die Zerrissenheit dieser Figur, die Brandt hervorragend herausgearbeitet hat. Und dahinter die Frage, wie man sich selbst verhielte, wenn einem etwas Ähnliches passieren würde. Das gilt natürlich ebenso für die weibliche Hauptfigur, die von Corinna Harfouch so intensiv und berührend dargestellt wird.


ZDF: Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei der Realisierung dieses Filmprojekts?


Schlichter: Die größte Herausforderung war sicher, mit einer Handvoll sehr starker Schauspieler, die alle einen sehr eigenen Kopf und eigene Vorstellungen hatten, zusammen eine glaubwürdige und spannende Linie zu finden. Da war es oft unumgänglich, sehr früh morgens so lange zu proben, bis alle gespürt haben, wo die Reise des Tages hingeht. Aber genau das sind ja auch die spannendsten Momente an der Arbeit.ZDF: Wie war es, mit Max Dominik zu drehen, der das Down-Syndrom hat? Welchen Einfuß hatte seine Beteiligung am Film auf das Team, auf die Dreharbeiten?


Schlichter: Max hatte einen großen Einfluss auf die ganze Arbeit, da Kinder bzw. in diesem Fall Jugendliche mit Down-Syndrom keinen "Filter" haben und meist nicht so schnell ab- und umschalten können wie "normale" Menschen. Das bedeutet, dass Max sich auch in traurige Szenen so reinsteigern konnte, dass es manchmal sehr lange dauerte, bis er sich wieder beruhigt hatte. Das führte schon ab und zu dazu, dass wir alle, besonders die Schauspieler, manchmal überlegten, ob man ihm diese Anspannung zumuten kann.

Auf der anderen Seite ist er immer wieder mit einer solchen Spielfreude an die Szenen und an die Menschen herangegangen, dass man erleben konnte, wie sehr ihn das alles auch erfüllt und stolz macht, wenn er eine Szene besonders gut gespielt hat.


ZDF: Stichwort "Massengentest bei sexuellen Delikten". Im Film wird die Problematik angedeutet zwischen dem Wunsch, den Täter dingfest zu machen und dem möglichen Missbrauch der erhoben Daten. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema?
Schlichter: Meine Antwort steckt schon genau in Ihrer Frage. Das ist ein Dilemma, das jeder für sich persönlich beantworten muss. Nach den letzten Daten- und Überwachungsskandalen, die sicher nur die Spitze des Eisberges sind, aber gezeigt haben, wer alles wen überwacht und persönliche Daten und vertrauliche Informationen sammelt und weitergibt bzw. verkauft, ist es nicht leicht, darauf zu vertrauen, dass zum Beispiel bei einem Massengentest alle Ergebnisse nach kürzester Zeit gelöscht werden.

Und man kann es wie Susanne Berger sehen: Man weiß einfach nicht, was mit den Daten gemacht wird. Und man muss das Recht haben, sich dieser Art von Zwang entziehen zu können ohne deshalb sofort verdächtigt zu werden. Vielleicht werden die genetischen Daten ja - ähnlich wie die Bankdaten bzw. Informationen über Steuerhinterziehungen - auch irgendwann den Krankenkassen oder Arbeitgebern angeboten.

Andererseits ist es mehr als verständlich, wenn zum Beispiel die Angehörigen eines Mordopfers eine lückenlose Aufklärung und die Ergreifung des Täters mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wünschen. Kurz: keine einfach zu beantwortende Frage.



ZDF: Sehen Sie "Tod einer Schülerin" eher als politischen oder eher als psychologischen Film?



Schlichter: Ich denke, es ist ein Film, der versucht die psychologischen Momente der Hauptfiguren zu durchleuchten und sie dem Zuschauer nahezubringen. Dass es dabei auch noch um ein brisantes politisches Thema geht, verstärkt den Druck auf die Figuren noch weiter. So kann man sich, bezogen auf die politische und die psychologische Seite hin fragen, wie man selber in solch einer Situation denken und handeln würde.

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