"Eine sehr schwierige Situation und viel Misstrauen"

Medizinhistorikerin Professor Dr. Habrich im Gespräch

Pharmazie- und Medizinhistorikerin Frau Professor Dr. Habrich stand bei der Entwicklung des Drehbuchs als historische Beraterin zur Seite. Die ehemalige Leiterin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt hat sich eingehend mit der Situation der Hebammen in den vergangenen Jahrhunderten auseinandergesetzt.


ZDFonline: Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Geburtshäuser auf und zunächst gingen nur Frauen aus den niederen Schichten dorthin. Warum waren diese Häuser wichtig?


Christa Habrich: Die Universitäten richteten Geburtshäuser für den Unterricht der Studenten ein, denn die Geburtshilfe trat damals das erste Mal in den Fokus. Man wollte einen gesunden und reichhaltigen Nachwuchs für die Gesellschaft und das Militär sichern. Deshalb wurden die Ausbildungspläne für Hebammen und Chirurgen verbessert und das Fach akademisiert. Diese Gebärhäuser haben hauptsächlich Frauen aus den niederen Schichten aufgenommen. Meist waren es ledige Mütter, die als furchtbare gesellschaftliche Schande betrachtet wurden. Auch Arme, Dienstboten, Tagelöhnerinnen und Mägde, die sich keine Hebamme leisten konnten, wurden aufgenommen. Als Gegenleistung für die Unterbringung und Verköstigung mussten sie sich für den Unterricht zur Verfügung stellen.
ZDFonline: War den Frauen bewusst, dass sie sich damit medizinischen Experimenten aussetzten?


Habrich: Ja sicherlich. Sie hatten Angst, denn sie hatten niemanden und gaben sich in die Hände von Männern, die etwas lernen wollten und auch ganz bestimmt nicht die feinsten Umgangsformen gegenüber diesen Frauen hatten. In Landshut hat der Chef der Geburtsklinik die Frauen anonymisiert und streng darauf geachtet, dass sie gut behandelt werden. Er war selbst ein uneheliches Kind gewesen und hatte viel Mitgefühl.


ZDFonline: Was war damals ausschlaggebend für diesen Umbruch in der Geburtshilfe?



Habrich: Es gab eine riesige Wissensvermehrung in der Medizin im 18. Jahrhundert und Entdeckungen über Entdeckungen. Da war das handwerkliche, traditionelle Gebären und Geburtsbegleiten nicht mehr so beliebt. In der Aufklärungszeit gab es den Trend, die moderne Medizin nach vorne zu bringen.



ZDFonline: Im Film gibt es eine Szene, in der die Frau kurz nach der Geburt wieder im Stall arbeitet und sich nicht schont. War das damals eher eine Ausnahme?


Habrich: Nein, das war leider normal - besonders auf dem Land, bei den Handwerkerfrauen und in den unteren Schichten. Nur in der Oberschicht, also angefangen bei etwas vermögenderen Handwerkern bis in den Adel gab es das Kindbett. Die Frau wurde mit besonderen Speisen verwöhnt und konnte sich eine Woche schonen. Voraussetzung dafür war vorhandenes Personal, und das hatte eine arme Frau natürlich nicht. Das sogenannte Kindbett hat in der bürgerlichen Oberschicht stattgefunden.


ZDFonline: Im Film gibt es auch eine Szene, in der die Frau auf dem Boden liegt statt im Bett, weil die Schwiegermutter sie für unrein hält.



Habrich: Es gab verschiedene Rituale und Vorstellungen, verbunden mit entsprechendem Aberglauben. Es gibt natürlich auch in der Bibel, beispielsweise in den Reinigungsgeboten der mosaischen Gesetze, Vorbilder. Ganz vordergründig besehen ist das Blut auch "unrein". Die Geburt ist ein beschmutzender Vorgang, und da hat man Rituale überliefert, die weit in die christliche Zeit hineingewirkt haben.



ZDFonline: Hebammen hatten neben dem Wissen rund um die Geburt auch Kenntnisse in Kräuterkunde. Was zeichnete eine gute Hebamme aus?



Habrich: Das wichtigste sind geschickte Hände, Erfahrung mit vielen Geburten, Einfühlungsgabe und Mut. Zudem wollte man Hebammen haben, die Erfahrung mit eigenen Kindern hatten. Man musste beherzt zugreifen und die eigenen Grenzen kennen. Eine Hebamme wusste ganz genau: "Hier komme ich nicht weiter und schicke sofort nach einem Chirurgen". Kräuterkenntnisse waren bei allen Frauen verbreitet. Es gibt bestimmte Pflanzen, die in der Geburtshilfe eine große Rolle gespielt haben, beispielsweise das Wollblumensälbchen. Aus den Blüten der Königskerze hat man eine Salbe gemacht, mit der man die ramponierten Geburtsglieder gepflegt hat.


ZDFonline: Das Buch der Hebamme Barbara Widenmann vereint wichtige Kenntnisse der Hebammen, beispielsweise auch den Gebrauch von Stäbchen zum Wenden des Kindes. Würden Sie sagen, dass die Hebammen damals auch nützliches Wissen besaßen, das heute inzwischen verloren gegangen ist?



Habrich: Dieses Buch ist wunderbar im Dialog zwischen einer alten Hebamme und einer jungen geschrieben. Tatsächlich war Widenmann wohl eine Künstlerin mit sehr geschickten Händen. Sie konnte das Wenden mit diesen Stäbchen virtuos machen und lehren. Diese Stäbchen waren das einzige Werkzeug, das den Hebammen erlaubt war. Sie waren mit Seidenbändern verbunden, die man um die Beinchen und Füße schlingen konnte, um das Kind in einer gespreizten schlechten Kindslage zu wenden.

Die Hebammen hatten natürlich nützliches Wissen, das auch jede Hausfrau und jeder Handwerker hatte, was heute vergessen ist. Aus der Ethnologie und der Medizingeschichte wissen wir genau, was sie wussten und konnten. Aber das untergegangene Wissen von damals ist heutzutage längst durch neues Wissen ersetzt worden. Wir leben heute in einer anderen Zeit, haben andere technische Hilfsmittel. Dennoch ist die Geschicklichkeit der Hände durch nichts zu ersetzen.


ZDFonline: Der Film basiert auch auf dem Leben der Hebamme Katharina Hintermeier. Es ist bekannt, dass sie sich weigerte, dem Landphysikus ihren Instrumentenkoffer vorzuführen und sich damit gegen ihn stellte. Aus welchen Gründen mussten die Hebammen ihren Instrumentenkoffer vorzeigen?


Habrich: Anfang des 19.Jahrhunderts wurden der Hebammenunterricht und die Ausrüstung der Hebammen standardisiert. Durch Erfahrung gewonnene Kenntnisse gaben an, was eine Hebamme wirklich braucht, was unverzichtbar ist, was sie darf und was sie nicht darf. Die Hebammenkoffer spiegeln diesen Standard wieder. Sie wurden kontrolliert, damit Hebammen nicht unzulässige Medikamente, wie beispielsweise Abtreibungsmittel, darin hatten. Scharfe Instrumente wie Geburtszangen waren verboten. Auch die Werkzeuge zur Zerstückelung der Geburt, wenn ein Kind abgestorben war, durfte die Hebamme nicht einsetzen. Dafür aber die notwendigen Medikamente wie Wollblume, Kamille, die Taufspritze, die Stäbchen, Verbandmaterial.

Alles war vorgeschrieben, und diese Kontrolle durfte ein Arzt durchführen. Dass sich Katharina Hintermeier dagegen gewehrt hat, ist eigentlich eine Art Machtkampf. Denn die Hebammen fanden es diskriminierend, wenn irgendein junger Landphysikus, der gerade studiert hatte, sich in ihr Handwerk mischte. Da gab es einen großen Konfliktstoff.


ZDFonline: Konfliktstoff sieht man auch zwischen Kirche und Hebammen, weil diese die Taufspritze einsetzen mussten, die oft zu Infektionen führten. Wie sah das Verhältnis zwischen Kirche und Hebammen aus?


Habrich: Das ist schwierig zu beantworten, wenn man von Kirche in der Neuzeit spricht. Es gab konfessionelle Unterschiede. Besonders streng und auch kontrolliert und kompromisslos hat die katholische Kirche die Taufe im Uterus durchgesetzt. Die Hebammen mussten auch beim Pfarrer lernen, wie die Nottaufe zu vollziehen ist. Das Schlimme war, dass das verwendete Weihwasser kontaminiert war. Es wurden Bakterien mit eingeschleust. Wir wissen, dass Geistliche im Entbindungszimmer waren, Gebete sprachen und wenn ein Kaiserschnitt nötig war, das seelsorgerisch begleitet haben.

Die Kirche verfolgte auch die Schande einer unehelichen Geburt oder die Kindstötung, die oft aus Verzweiflung erfolgt ist. Es gab massive Kirchenstrafen, auch im protestantischen Raum. Da war die Hebamme immer eine Art Mittlerperson - im positiven, wie im negativen Sinn. Man hat die Hebammen verpflichtet zu denunzieren und nachzuforschen, wenn zum Beispiel zwei Monate nach der Hochzeit schon ein Kind geboren wurde. Für die Hebamme war das eine sehr unangenehme Rolle: Einerseits galt sie als Amtsperson mit der Verpflichtung, die gesetzlichen und kirchlichen Dinge durchzuführen, andererseits hatte sie wohl Empathie für eine Frau, die ein Kind geboren hatte und in einer verzweifelten Lage war. Das war eine sehr schwierige Situation und konnte sehr viel Misstrauen gegenüber der Hebamme erzeugen. Erst im 19. Jahrhundert hat sich das etwas durch die Änderungen der Medizinalgesetzgebung entspannt.


ZDFonline: Wie hat sich das Verhältnis der Geburtsmedizin zu den Hebammen im Laufe der Zeit entwickelt?


Habrich: Die Entwicklung hängt stark von der geschichtlichen Periode und von der Region ab. In ländlichen Gebieten hat sich die Hebamme als die Person, die man anspricht, wenn man ein Kind erwartet, viel länger gehalten. In der Stadt war das anders, besonders in einer Universitätsstadt, wo es eine Frauenklinik und Gebärhäuser gab. Zudem spielten Krieg oder eine andere Not, wie beispielsweise Vertreibung, eine Rolle. Gerade 1945 haben Hebammen Unglaubliches geleistet. Da gab es oft keinen Geburtshelfer weit und breit, und Hebammensind oft kilometerweit bei jedem Wetter gelaufen.



Heutzutage geht man sofort zum Gynäkologen, wenn man ein Kind erwartet. Das war früher nicht so. Auch das Angebot der Medizin ist entscheidend. Beispielsweise ist die Ultraschalltechnik erst im letzten 20. Jahrhundert entwickelt worden. Seitdem sind die Ansprüche enorm gewachsen. Die Hebamme ist auch heute in einer Konfliktsituation: Man braucht sie zur Geburtsbegleitung oder bei Schwangerschaftsprophylaxe. Die Erfüllung ihrr Aufgaben ist abhängig davon, wie das Zusammenspiel zwischen Klinik und der Hebamme funktioniert. Dann gibt es Frauen, die lehnen das alles ab, gehen zu keinem Arzt und bestellen sich die Hebamme nach Hause.


ZDFonline: Was würden Sie den heutigen Hebammen als Ratschlag mit auf den Weg geben, wenn Sie auf all Ihre Erfahrungen zurückblicken?


Habrich: Ich kann aus der Geschichte sagen, dass die beste und vertrauenswürdigste Hebamme jene ist, die immer wieder ihre eigene manuelle Geschicklichkeit und ihr Wissen auf die Probe stellt und verbessert. Es sollte zudem nur jemand Hebamme werden, der auch wirklich Menschenliebe besitzt, der also nicht nur funktioniert und sein Können optimiert, sondern auch den Frauen innerlich einfühlsam zugewandt ist. Patentlösungen zur finanziellen und beruflichen Situation müssen diese Berufsbilder selber entwickeln. Zudem finde ich wichtig, dass die Hebamme darauf hinwirkt, dass junge Mütter ihre Säuglinge und Kleinkinder nicht mit Reizen überfluten: Radio und Fernsehen laufen, Fertigprodukte in der Nahrung. Durch die Erfahrung einer Hebamme wird die Geborgenheit, die ein kleines Kind braucht, gefördert und ein Anreiz für die Mütter geschaffen.

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