"Es fehlte die Erfahrung mit Attentaten dieses Ausmaßes"

Interview mit Hauptdarsteller Heino Ferch

Heino Ferch spielt den damaligen Münchner Polizeipräsidenten, den die plötzlich hereinbrechenden Ereignisse angesichts schwerwiegender Entscheidungen sichtlich überforderten. Der Schauspieler hat versucht, die Geschichte aus dem Blickwinkel der Menschen und ihrer Zeit zu verstehen, die keinerlei Erfahrung mit internationalem Terrorismus hatten. So gelingt es ihm, seiner eigenen Figur mehr Verständis entgegenzubringen.

Stephan Grossmann (Rolle: Hans Dietrich Genscher), Heino Ferch (Rolle: Dieter Waldner), Shredi Jabarin (Rolle: Issa - Lutif Affif)
Stephan Grossmann (Rolle: Hans Dietrich Genscher), Heino Ferch (Rolle: Dieter Waldner), Shredi Jabarin (Rolle: Issa - Lutif Affif) Quelle: ZDF


ZDF: Als das Attentat auf das Olympische Dorf geschah, waren Sie neun Jahre alt. Haben Sie noch Erinnerungen an die Geschehnisse von damals?


Heino Ferch: Obwohl ich tatsächlich noch ein Kind war, sind mir viele Bilder von damals im Gedächtnis geblieben. Zu allererst muss ich an Joachim Fuchsberger denken, der damals Stadionsprecher war. Dann erinnere ich mich vor allem an Sportler wie Ulrike Meyfarth, Mark Spitz mit seinem Schnauzbart oder zum Beispiel Olga Korbut, eine russische Kunstturnerin. Aber natürlich hat sich mir auch das Bild des maskierten Terroristen mit der Waffe auf dem Balkon eingebrannt.


ZDF: Sie spielen Polizeipräsident Dieter Waldner, dessen Handeln aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbar ist. Wie haben Sie Zugang zu der Figur gefunden?


Ferch: Ich habe mir sein Verhalten so erklärt, dass er einfach so handelt, wie er handeln musste - in der felsenfesten Überzeugung, das Richtige zu tun. Ein Großteil der Verantwortlichen von damals ist ja noch heute dieser Meinung. Man war sich gar nicht bewusst, dass dies der Beginn des internationalen Terrorismus war, der eine ganz andere Qualität hatte als alle vorherigen Anschläge. Es fehlte die Erfahrung mit Attentaten dieses Ausmaßes, man hatte keine Handhabe. Zum Beispiel war die Zusammenarbeit mit Psychologen längst nicht so selbstverständlich wie heute. Die Polizeikräfte standen damals angesichts dieser einzigartigen Situation unter enormem Druck. Mit dem Wissen von heute sollte man deshalb bei der Bewertung eine gewisse Vorsicht walten lassen und die damaligen Umstände berücksichtigen.


ZDF: Die Spiele von 1972 sollten Spiele der Versöhnung sein und das Bild eines neuen demokratischen und weltoffenen Deutschlands vermitteln. Sie haben selbst eine große Affinität zum Sport. Glauben Sie an die Macht des Sports, Menschen und Völker zu vereinen?


Ferch: Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland ist ein Paradebeispiel dafür, welche enorme Kraft von einem solchen Ereignis ausgehen kann. Es ist unglaublich, welche Riesenwelle der Begeisterung sie ausgelöst hat und dafür gesorgt hat, dass die Welt heute einen anderen Blick auf Deutschland hat. Dieses Ziel wollte man ja auch mit den Olympischen Spielen 1972 erreichen. Die Generationen, die in den 1960er, 70er oder 80er Jahren geboren sind, haben einen anderen Blick auf den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich. Sie schauen anders auf Deutschland. Sie reden nicht dauernd über Schuld und Sühne, vergessen dabei aber auch nie die Vergangenheit.


ZDF: Sie haben bereits mehrfach mit Dror Zahavi zusammengearbeitet. Was schätzen Sie an seiner Art, Regie zu führen?


Ferch: Die Tatsache, dass Dror Israeli ist, hat den Dreh sehr spannend gemacht und ihn unglaublich bereichert.Er kennt beide Länder - Israel und Deutschland - sehr gut, verfügt über ein tiefes Wissen und bringt dem Thema dadurch eine besondere Sensibilität entgegen. Deshalb war die Idee großartig, gerade ihm diesen Stoff anzubieten. Er ist ein großer Regisseur mit einer außerordentlichen Professionalität, der immer das große Ganze im Blick hat. Deshalb habe ich auch mit großer Freude sofort zugesagt.

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