"Für alle ist die Wahrheit eine gefährliche Option"

Interview mit Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler

Im Wirschaftskrimi von Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler geht es um Betrug, Gier und doppelte Moral. Autor und Regisseur haben sich für die Menschen interessiert, die hinter Wirtschaftsskandalen stecken: Wie sehr muss jemand seine eigene Moral verbiegen, um in der Welt der Wirtschaft und des Kapitalismus erfolgreich zu sein? Und warum schließen die Regeln der Ökonomie fast zwangsläufig moralische Kategorien aus?


ZDF: Wirtschaft ist ein heikles Thema für einen Fernsehthriller. Man erwartet einen Skandal und bekommt ihn dann auch. Was hat Sie interessiert?


Sönke Lars Neuwöhner: Im Krimi erwartet man einen Mord und bekommt ihn dann auch. Trotzdem ist man daran interessiert, wie es dazu gekommen ist. Was einen Menschen dazu gebracht hat, einen anderen Menschen zu töten. So ist es auch in unserem Film. Was bringt Menschen der Wirtschaft dazu, ihre moralischen Standards zu verdrängen und Zahlen zu manipulieren, Gelder zu verstecken, über Leichen zu gehen.


Martin Eigler: Es ging uns nicht um einen bestimmten Skandal in der Wirtschaft, sondern darum, dass anscheinend eine innere Logik des profitorientierten Wirtschaftens immer wieder zu Skandalen führt. Deshalb haben uns die Figuren interessiert, die sich in dieser Welt bewegen. Alle haben eine doppelte Agenda, die sie umtreibt. Für alle ist die Wahrheit eine gefährliche Option.


So zum Beispiel das Dilemma von Alina (Christiane Paul). Alina und Tom (Devid Striesow), unsere beiden Helden, haben den Auftrag, die Überlebensfähigkeit einer renommierten Firma in Oberhausen zu bewerten. Sie sind ein gutes Team. Doch Alina hat noch einen zweiten Auftrag: Sie soll ihren Partner Tom für ihren gemeinsamen Chef ausspionieren. Letztlich stellt sich später heraus, dass dieses Misstrauen zwischen Alina und Tom vom Chef Altkirch (Jürgen Heinrich) absichtlich genährt wurde, um durch Druck und Spannung das Maximale aus seinen Mitarbeitern herauszuholen. Würde er mit offenen Karten spielen, käme er wohl nie an sein Ziel. Dieses Ziel hat wieder mit Macht zu tun: Er genießt es, seinem alten Freund Siebert, dessen Firma sich nun in alle Akten schauen lassen muss, in der Hand zu haben.


Neuwöhner: Dann ist da Siebert (Friedrich von Thun), der gefeierte Manager, der Patriarch, Ökonom der alten Schule: Er führt ein Traditionsunternehmen. Doch gleichzeitig vernichtet er eben dieses Unternehmen, das er selbst für nicht überlebensfähig hält, und stampft woanders ein neues Unternehmen aus der Erde, vor allem um sich zu beweisen, dass er es noch kann. Auf der einen Seite knallhart rechnen, auf der anderen Seite seinen Eitelkeiten und Machtgelüsten nachgeben - auch ein Beispiel für das Doppelgesicht des Unternehmers. Niemals dürfte er die Wahrheit sagen, sonst würde er sein Lebenswerk zerstören.

Und auch Alinas Partner, Tom, hat ein doppeltes Gesicht. Der smarte Sanierer gibt sich selbst einen zweiten Auftrag: Er will den Geschäftsführer der Firma zur Strecke bringen. Er entwickelt das Fieber des Jägers. Dieses Jagdfieber endet fatal. Alina und Tom, beide spielen ein doppeltes Spiel. Doch beide schätzen sich, ja, sie lieben sich. Aber Liebe hat in dieser Welt den schwersten Stand.


ZDF: Lug und Trug in der Welt der Wirtschaft, ist das nicht ein Klischee?


Neuwöhner: Klar, die Bewertungen scheinen da ohnehin festzustehen: Denen geht es doch nur ums Geld, alles zerstörerische Heuschrecken, sind doch eh alles Verbrecher ... Aber das ist eben nicht so. Wenn ein moralisch hoch angesehener Manager (wie Herr Zumwinkel zum Beispiel) plötzlich vor aller Augen verhaftet wird, heißt das nicht, dass er eben doch auch nur seine Schäfchen ins Trockene bringen wollte, wie alle, und ansonsten seine moralischen Werte nur vorgetäuscht hat. Das Ironische ist ja, dass keiner der wegen irgendwelcher Gaunereien entlarvten Manager über sich selbst je sagen würde, dass er unmoralisch gehandelt hätte. Sondern dass in der Welt der Wirtschaft die Moral des Einzelnen sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen muss. Sonst funktioniert Kapitalismus nicht. Das wollen wir erzählen.


Eigler: Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema ist uns noch klarer geworden, dass die Regeln der Ökonomie fast zwangsläufig moralische Kategorien ausschließen. Selten fällt das Firmeninteresse mit dem Interesse der Gesellschaft zusammen. Oder umgekehrt ausgedrückt: Was für eine bestimmte Region und die Menschen dort wünschenswert wäre, ist noch lange nicht im Interesse einer erfolgreichen Unternehmensführung. Dafür steht vor allem die Figur, die Friedrich von Thun verkörpert. Er folgt der Logik des wirtschaftlichen Erfolgs und des Machterhalts.


ZDF: Wie haben Sie recherchiert?


Neuwöhner: Zunächst haben wir natürlich umfangreiches Material in Form von Presseberichten über jene Skandale gesichtet, in denen sich Manager auf unterschiedlichste Weise Vorteile für sich selbst beschaffen - in Form von Steuerhinterziehung, Machtmissbrauch, Bilanzmanipulationen. Dann haben wir mit verschiedenen Unternehmensberatern gesprochen. In diesem Milieu herrscht ja ein sehr eigener Jargon, gelten sehr spezielle Regeln und Maximen.


Eigler: Einem Sanierer haben wir eine frühe Fassung des Drehbuchs zu lesen gegeben und gebeten, uns offen seine Meinung zu sagen. Grundsätzlich war seine Reaktion auf die Geschichte und die wirtschaftliche Backstory sehr positiv. Die Hauptkritik bezog sich auf die provokante und lässige Art, mit der sich Tom Winkler dem Firmenchef gegenüber verhält. Deeskalation und Verbindlichkeit im direkten Umgang sind wohl die Markenzeichen von Unternehmensberatern. Wir haben dann versucht, diese Hinweise für uns nutzbar zu machen, indem wir das Verhalten von Tom innerhalb des Films problematisiert haben.

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