"Ein schöner Tod"

Gespräch mit dem Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt

Damals, in der DDR, wurde eine Frau ermordet – jetzt wird dieser Fall neu aufgerollt. War es wirklich der Hauptverdächtige? Ein historischer Blick zurück, der von wahren Begebenheiten inspiriert worden ist. Autor Holger Karsten Schmidt hat das Drehbuch für den Film „Für immer ein Mörder – der Fall Ritter“ geschrieben (Montag, 29. September, 20.15 Uhr, ZDF). Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Glauben Sie, dass die „Mauer im Kopf“ nach nun fast 25 Jahren wenigstens deutlich kleiner geworden ist, oder braucht es da noch eine Generation?

Ich empfinde das exakt so, wie Sie das sagen. Kleiner ist sie geworden, ja. Ganz weg ist sie wohl erst, wenn es diejenigen nicht mehr gibt, die sie als reale Erinnerung in sich tragen.

Haben Sie sich auch Stasiakten angeschaut, um ein Gefühl für die damalige Zeit zu bekommen?

Ich habe zwei Tage mit einem damaligen Ermittler gesprochen. Er hat alle meine Fragen beantwortet. Er stand mir auch im Zuge der Drehbuchentwicklung fernmündlich zur Verfügung.

Wie wichtig beurteilen Sie Realitätsnähe in Ihrem Drehbuch beziehungsweise im Film?

Ich versuche dabei, mit dem Leben und Wirken anderer Menschen so umzugehen, wie ich mir wünsche, dass man mit meinem umginge, wenn es denn so interessant wäre, um verfilmt zu werden. Hier spitze ich im Sinne der Dramaturgie zu. Aber mit Augenmaß und Bedacht.

Außerdem unterliegt ein fiktiver Stoff primär dramaturgischen Regeln. Diese besagen zum Beispiel, dass Kojak mitten in New York immer einen Parkplatz vor der Tür findet. Realistisch wäre es, wenn er 20 Minuten um die Blocks führe – bloß bringt das die Handlung nicht voran, und der Zuschauer schläft uns ein.

Stichwort Gerechtigkeit und Happy End, ohne das Ende des Films zu verraten: Was ist Ihnen wichtiger – ein realistisches Ende oder das siegreiche Gute, um mit einem wohligen Gefühl aus dem Film zu gehen?

Mir ist der Denkanstoß wichtig und die Verabredung, die man mit dem Zuschauer zu Beginn getroffen hat. Die Verabredung lautet: Dies ist eine wahre Geschichte. Und deswegen wird die Verabredung auch am Ende nicht gebrochen und bekommt plötzlich eine Disney-Lasur.

Zudem finde ich es ganz gut, wenn dem Zuschauer am Ende eines Filmes nicht immer das Gefühl gegeben wird, sein Lieblingskommissar habe die Sache für ihn und den Rest des Gesellschaft gelöst.

Wie arbeiten Sie? Sehen Sie schon einzelne Szenen vor sich, um die herum Sie etwas aufbauen, oder arbeiten Sie sich von einer eher abstrakten Idee an die Geschichte heran?

Als Vorlage habe ich hier den Verlauf der wahren Begebenheiten. Da ich ungerne mit statischen Figuren arbeite, schaue ich mir zunächst den Entwicklungsbogen meiner Hauptfigur an – wo soll die Figur, die Hinnerk Schönemann spielt, am Ende der Reise stehen?

Und im Zuge einer möglichst starken Wandlung, die mir viele innere und äußere Konflikte bescheren wird, lege ich dann fest, wo er am Anfang der Geschichte stehen muss. Er muss sich entscheiden für die Familie oder die Wahrheit. Und wenn er sich für das eine entscheidet, muss er das andere bekämpfen. Das ist ein sehr starker Konflikt, der viel trägt.

Ansonsten plotte ich an den wahren Fällen entlang, spitze zu, lasse weg, verkürze. Ich plane also sehr viel, bevor es ans Schreiben geht. Damit erspare ich mir, später viel für den Papierkorb zu schreiben oder in Sackgassen zu entwickeln. Meine Hauptarbeit als Drehbuchautor ist mit dem Exposé erledigt.

Wie machen Sie es, dass die Sprache immer so gut zu den einzelnen Figuren passt und dadurch lebendige Dialoge entstehen?

Keine Ahnung. Vielleicht habe ich immer das Glück, dass gute Schauspieler sich meine Texte so gut aneignen.

Wie ist es als Drehbuchautor, den Stoff irgendwann aus der Hand geben zu müssen? Zum Beispiel hat man auf die Auswahl der Schauspieler keinen Einfluss.

Den habe ich mittlerweile zum Glück und zum Teil schon. Ich lege hauptsächlich Wert darauf, Einfluss auf die Besetzung der Regie zu haben, damit unfruchtbare Konstellationen sich nicht wiederholen.

In den Köpfen der Drehbuchautoren ist der Film meist zwei Jahre vor der Premiere im Kopf gelaufen. Die offizielle Premiere vernichtet diesen Originalfilm dann. Manchmal ist es ein schöner Tod, meistens nicht. In diesem Fall war es ein schöner.

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