"Gefährlich und zugleich schön und erhaben"

Interview mit Silke Bodenbender

Es gibt wenig Berühungspunkte in der Biographie von Autorin und Regisseurin Stefanie Sycholt und Silke Bodenbender, die in einem völlig anderen Ambiente aufgewachsen ist. Dennoch hat sich die Schauspielerin ganz und gar auf ihre Rolle und das fremde Land eingestellt. Besonders intensiv hat sie neben den Szenen mit den Löwen die extremen Drehbedingungen in Südafrika erlebt.

Lena (Silke Bodenbender) und Daniel (Kai Schumann)
Lena (Silke Bodenbender) und Daniel (Kai Schumann) Quelle: ZDF


ZDF: Lena, die Protagonistin, die Sie spielen, hat eine sehr ungewöhnliche Kindheit unter wilden Tieren und an einem exotischen Ort verlebt. Sie selbst sind im beschaulichen Bonn geboren und aufgewachsen. Wie haben Sie sich der Rolle angenähert? Silke Bodenbender: Als ich Kevin Richardsons Buch im Vorfeld der Dreharbeiten gelesen habe, war mir gleich klar, dass es vollkommen unsinnig wäre, mich im Zoo vor das Löwengehege zu setzen und an Afrika zu denken. Deshalb war ich schon Tage vor Drehbeginn vor Ort und habe Kevin bei der Arbeit und seinem Spiel mit den Löwen zugesehen, mit Stefanie Sycholt über das Drehbuch und Südafrika geredet und so viele Wildgehege wie möglich besucht. Lena selbst hat ihre Kindheit in Afrika weitgehend verdrängt und lässt die Erinnerungen nur langsam zu. So habe auch ich mich dem fremden Land nach und nach vor Ort genähert.


ZDF: Es gibt viele spektakuläre Tierszenen in "Die Löwin". Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den Löwen erlebt?


Bodenbender: Am faszinierendsten war für mich die Kombination aus Respekt und Angst auf der einen und Bewunderung und Zuneigung auf der anderen Seite. Das macht ja überhaupt das Wesen dieser Tiere aus, dass sie so gefährlich und zugleich so schön und erhaben sind. Konkret war es so, dass bei den Löwenszenen immer nur ein kleines Team dabei war, um die Tiere nicht mehr als nötig zu reizen oder zu verwirren.

Ohne von der sonst am Set üblichen Geschäftigkeit abgelenkt zu werden, stand ich dann diesem riesigen weißen Löwen gegenüber, zwischen uns nur ein elektrischer Maschendrahtzaun. Eine Szene wurde sogar außerhalb des Geheges gedreht. Das Team stand auf einem kleinen Hügel, hinter uns ein Käfig für den Notfall, und Kevin ist am Fuß des Hanges mit seinem Löwen herumgetollt. Nach so viel Gänsehaut war ich dann froh, wieder zu den Jungtieren zu dürfen, die man streicheln kann und deren verspielter Charme unbeschreiblich ist.


ZDF: Abgesehen von den Tierszenen - was war die größte Herausforderung während des Drehs?

Lena (Silke Bodenbender) und Daniel (Kai Schumann)
Die Löwin_silke int. Quelle: ZDF


Bodenbender: Das waren ohne Frage die extremen Drehbedingungen: An sechs Tagen der Woche oft schon um halb fünf Uhr morgens aufstehen und dann die Konzentration halten, bei Temperaturen zwischen knapp über Null Grad am Morgen und bis zu 30 Grad am Mittag. Und all das in fast 2000 Metern Höhe. Gegen Ende der Dreharbeiten war es auch den Schlangen warm genug. Da hieß es dann, mutig auf die Toilette kommen, ohne sich vor der angeblich ums Set-Haus irrenden Cobra zu fürchten!


ZDF: Regisseurin und Autorin Stefanie Sycholt ist, wie Lena auch, in Südafrika aufgewachsen. Was haben Sie von ihr über das Land und die Menschen gelernt?


Bodenbender: Für mich war es ein entscheidender Grund, bei "Die Löwin" mitzuspielen, dass Stefanie als Regisseurin selbst aus Südafrika stammt. Ich hatte gehofft, dass ich auf diese Weise auch ein wirklich authentisches Südafrika erleben würde und nicht ein irgendwie von außen betrachtetes exotisches Land. Und so ist es dann auch gekommen, was natürlich auch im Sinne des Films ist. Stefanie liebt und kennt ihr Land in seiner ganzen Vielfalt und hat es immer wieder geschafft, mich auf kleine Details hinzuweisen, die mir sonst entgangen wären. Auf den ersten Blick ist Südafrika ja gar nicht so sehr exotisch. Wenn man dann aber die Hintergründe und Geschichten erfährt, merkt man, dass vieles ganz anders ist, als es den Anschein hat.


ZDF: Welche Eindrücke haben Sie aus Südafrika mitgenommen? Hatten Sie Zeit, fernab des Sets das Land für sich zu entdecken?


Bodenbender: Da wir nur einen Tag pro Woche frei hatten und ich fast jeden Drehtag durchgehend am Set war, war die Zeit natürlich knapp. Trotzdem habe ich es geschafft, einige Eindrücke zu sammeln. Besonders erwähnenswert war eine Tour nach Soweto mit einem der Fahrer, der selber bei den Protesten Ende der 1970er Jahre dabei war und schon als Schüler im Gefängnis gesessen hat. Da war die ganze Apartheid-Geschichte plötzlich ganz nah und greifbar. So banal das auch klingen mag: Es war ganz klar, dass er dafür jederzeit noch einmal kämpfen würde.

Auch die Kollegin Sandi Schultz hat mich nachhaltig berührt. Neben den Dreharbeiten hat sie mit ihrer Kraft einen so genannten "Slut- Walk" organisiert, um gegen den Vorwurf zu demonstrieren, die südafrikanischen Frauen seien mit ihrer sexy Kleidung selber Schuld daran, dass statistisch gesehen jede dritte Frau einmal in ihrem Leben vergewaltigt wird. Und das alles macht sie ohne finanzielle Unterstützung, weil das Thema einfach totgeschwiegen wird!



ZDF: Kevin Richardson - Tiertrainer, Verhaltensforscher und Löwen- Experte - hat die Dreharbeiten begleitet. Was konnten Sie von ihm über diese Tiere erfahren?


Bodenbender: Zu viel, um es in ein paar Sätze zu fassen, wenn man es überhaupt ausdrücken kann. Man muss es einfach miterleben, wie er mit diesen riesigen Katzen unter Bedingungen zusammenlebt, die der Wildnis zumindest ähneln. Dann kann man gar nicht anders, als die Löwen mit ihm zu bewundern! Ja, das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis gewesen, dass Löwen genau das Gegenteil von dem sind, wie sie uns im Zoo erscheinen: Nur wenn sie frei und unter ihresgleichen sind, zeigen sie sich in ihrer ganzen herrlichen Pracht, mit ihrem Witz und natürlich auch mit ihrer Bedrohlichkeit.


ZDF: Lena hatte als kleines Mädchen die Gabe, mit den Löwen zu kommunizieren. Wenn Sie diese Fähigkeit hätten, was hätten Sie die Löwen gern gefragt?


Bodenbender: Mich hat schon immer interessiert, warum die Löwinnen ihre Männer bei der Jagd nicht etwas mehr einspannen. Aber auf die Frage würde ich wohl keine Antwort bekommen. Die Kommunikation zwischen Lena oder Kevin und den Löwen läuft ja auf einer ganz elementaren Ebene. Da geht es um Freundschaft, Zuneigung und Respekt und vor allem auch um Spaß und Spiel. Liebend gerne hätte ich einen der großen Löwen einmal richtig in den Arm genommen!


ZDF: Mittlerweile bieten Tierfarmen und Schutzorganisationen Touristen die Möglichkeit, wilde Tiere hautnah zu erleben und ihren Urlaub mit einem Einsatz zum Schutz bedrohter Tierarten zu verbinden - für Sie eine reizvolle Vorstellung?



Bodenbender: Sicherlich ist die Vorstellung großartig, die wilden Tiere noch einmal ganz entspannt und ohne Kameras zu erleben und damit gleichzeitig zu ihrem Schutz beizutragen. Nach fast zwei Monaten in einem Cottage zwischen Nilpferden, Zebras, Löwen, Elefanten und Giraffen bin ich im Augenblick aber auch ganz froh, mal wieder frei durch Berlin zu schlendern. Mal sehen, vermutlich wird es mir aber schon bald wie fast allen Afrikareisenden gehen: Wer einmal da war, will doch immer wieder hin.

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