Gegen jedes gängige Klischee

Jürgen Heinrich im Interview

Jürgen Heinrich spielt den NVA-Offizier Hauptmann Dobbs - ein desillusionierter Mann, der zwischen seinen politischen Idealen und der ernüchternden Realität schwankt und in seinem Unterricht den Soldaten die "richtige" politische Einstellung vermitteln will. Jürgen Heinrich, der seinen Wehrdienst Ende der 60er Jahre in der DDR absolviert hat, konnte sich aufgrund der eigenen Erfahrung sehr gut in seine Rolle versetzen.

In seinem Unterricht will Hauptmann Dobbs (Jürgen Heinrich) seinen Soldaten die "richtige" politische Einstellung vermitteln und warnt vor "heimtückischen Gegnern".
In seinem Unterricht will Hauptmann Dobbs (Jürgen Heinrich) seinen Soldaten die "richtige" politische Einstellung vermitteln und warnt vor "heimtückischen Gegnern". Quelle: ,ZDF


ZDF: Herr Heinrich, "An die Grenze" beleuchtet ein Thema, das so noch nicht erzählt wurde - vom Wehrdienst an der Grenze aus der Perspektive ostdeutscher Soldaten. Welche Haltung haben Sie dazu, der auch seinen Armeedienst in der DDR leistete?


Jürgen Heinrich: Grundsätzlich finde ich die filmische Aufarbeitung von Geschichte immer dann interessant, wenn sie nicht nur der Fantasie entspringt, sondern wenn sie authentische Züge hat. Bei "An die Grenze" ist das der Fall. Stefan Kolditz hat eine unglaublich gute Vorlage geliefert, die auf seinen persönlichen Erinnerungen basiert. Er hat sich eines brisanten Themas, des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze, aus einer Perspektive angenommen, die mir, der von 1965 bis 1967 seinen Wehrdienst in der ehemaligen DDR absolviert hat, sehr vertraut ist.

Der Film erzählt von ganz normalen jungen Männern, die die Aufgabe haben, die Grenze zu sichern. Sie müssen sich täglich damit auseinandersetzen, ob sie im Notfall von ihrer Waffe Gebrauch machen würden oder nicht. Es blieb eine individuelle Entscheidung, wie man sich verhielt.Darüber hinaus thematisiert der Film noch etwas anderes: Es waren nicht nur "normale" DDR-Bürger, die auf ihrer Flucht erschossen wurden, sondern auch Grenzsoldaten, Kameraden, die von ihren eigenen Kollegen beim Fliehen getötet wurden. Von dieser Tatsache spricht heutzutage kaum mehr jemand.


ZDF: Haben Sie während Ihres Wehrdienstes Leute vom Typ Hauptmann Dobbs, den Sie in dem Film spielen, kennen gelernt?


Heinrich: Typen wie den Politoffizier Dobbs, den ich in Urs Eggers Film spiele, habe ich zur Genüge kennen gelernt und Leute, die herumschrien und glaubten, damit fehlendes Selbstbewusstsein kompensieren zu können. Ich konnte mich sehr gut in Dobbs Situation versetzen. An der Figur interessierte mich besonders, dass sie gebrochen war - ein völlig desillusionierter Mann, der zwischen seinen politischen Idealen und der ernüchternden Realität schwankt. Einerseits hält er an der offiziellen Ideologie fest und indoktriniert die jungen Männer, die DDR und den antifaschistischen Schutzwall zu verteidigen. Andererseits regt er sich über die Unmenschlichkeit der Soldaten im Umgang miteinander auf. Und er macht keinen Hehl aus seiner Verletztheit darüber, dass sich seine Frau mit anderen Männern vergnügt.


Dobbs erschießt sich aus seelischer Not und nicht, weil er politische oder ideologische Probleme hat. Und das ist das Besondere an diesem Drehbuch und an diesem Film: Hier werden ganz normale Menschen mit ihren Ängsten, Stärken und Schwächen gezeigt - entgegen jedem gängigen Klischee von den Soldaten, die auf ostdeutscher Seite die Grenze bewachen mussten.


Ich finde es übrigens gut, dass "An die Grenze" nicht von einem ehemaligen DDR-Regisseur inszeniert wurde. Die Gefahr, dass etwas beschönigt oder verherrlicht worden wäre, wäre zu groß gewesen. Die Arbeit von Urs Egger ist dem Stoff und dem Film absolut gerecht geworden.

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