Gibt es eine moralische Rechtfertigung für Mord?

Statement zum Film von Lars Becker

1991 erschien Lars Beckers Roman "Amigo", der in wesentlichen Zügen bereits die nun verfilmte Geschichte vorbereitet. Beckers Vorteil ist, dass er diese Menschen kennt, von denen er uns
erzählt. Er war mit ihnen befreundet, er hat mit ihnen gelebt, gesprochen, gerungen, sie beobachtet und ist eben deshalb auch immer wieder an ihnen verzweifelt. Da er die stets vorhandene politische Dimension aus seinem Filmemachen und seinem Leben nicht wie so viele ausgeblendet hat, weiß er um den Überbau, der diesen Menschen einst als "Lebenstreibstoff" gedient hat.

Amigo Steiger und Jupp Sauerland
Amigo Steiger und Jupp Sauerland Quelle: ZDF

Viele autonome Linke, die in den späten 70er Jahren in Deutschland und Italien bei militanten Massendemonstrationen gegen Atomkraft, Polizeistaatgesetze und Arbeitslosigkeit auf die Straße gegangen sind, die Hausbesetzungen oder Brandanschläge für legitime Mittel des sozialen Widerstands hielten und den Staat bis an die Grenze herausforderten, sind in ihren persönlichen Biografien gescheitert.

Erst Protest dann Party


Was ist aus ihnen geworden? Entweder haben sie ihre Träume freiwillig begraben und gerade noch rechtzeitig den Karriereweg eingeschlagen, weil ein leerer Kühlschrank keine Familie ernährt, oder sie leben aus Mangel an Qualifikation enttäuscht und demoralisiert von staatlicher Hilfe. Andere sind im Irrweg militanter Aktionen im terroristischen Untergrund gelandet. Alte Freunde haben sich aus den Augen verloren. Hat man sich vergessen, verraten, oder haben sich schlichtweg die Zeiten geändert?

Eine Frage der Generation

Ex-Terrorist Amigo, ein einzelgängerischer Outsider, der vor über 20 Jahren in die Illegalität abgetaucht ist und als Obstbauer in Italien lebt, fragt sich angesichts später Entdeckung durch das Bundeskriminalamt nicht nur wer ihn verraten hat, sondern vor allem warum, und ob die Enttäuschung über den Verlust früherer idealistischer Lebensziele überhaupt berechtigt ist, oder einfach prinzipiell zum Leben dazu gehört. Amigo muss erkennen, dass jede moralische Verurteilung unterschiedlicher Lebensentwürfe eine sehr subjektive Sache ist. Alles zu seiner Zeit. Erst Protest und Party, dann muss jeder selbst sehen, wo er bleibt.

Die nächste Generation steht vor der Tür. Amigos Sohn, aufmüpfig und revoltierend wie der Vater; spontan, politisch, gewaltbereit wie die Jugendlichen der neuen sozialen Protest-Bewegungen in Spanien, Paris oder London. Die spannende Frage war für mich: Wie geht der Sohn mit der terroristischen Vergangenheit der Eltern um? Wie rechtfertigt der Vater seine Schuld? Gibt es überhaupt eine moralische Rechtfertigung für Mord oder ist es nicht so, wie es der junge Polizist sieht, Sohn eines Terror-Opfers, bevor er Rache übt: mein Vater war nur der Fahrer, er war komplett unschuldig.

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