"Ich habe Figuren eingebaut, die es tatsächlich gibt"

Drehbuch-Autor Don Schubert im Gespräch

Julia, die depressive Ehefrau des Investmentbankers Andreas Mersfeld, nimmt sich in einer psychiatrischen Klinik das Leben. Doch handelt es sich wirklich um Selbstmord oder lag es vielleicht an dem neu zugelassenen Medikament, welches Julia in den Suizid trieb? Der Widerspruch zwischen hungriger Medizin-Industrie und
gesundheitsorientiertem Verbraucher reizte den renommierten Drehbuch-Autor Don Schubert, einen Stoff für einen Psycho-Triller zu entwickeln.


ZDF: Wie sind Sie auf dieses heikle Thema gekommen?


Don Schubert: Ein Bekannter, der in der Arzneimittelforschung arbeitet, erzählte von den Schwierigkeiten, immensen Kosten und Gefahren, ein Medikament zu entwickeln - und es auf den Markt zu bringen. In dieser Zeit sah ich einen Film, der mich sehr bewegte. In "Der ewige Gärtner" wird die Geschichte erzählt, wie an ahnungslosen Afrikanern fragwürdige Aids-Medikamente getestet wurden. Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass auch Menschen hierzulande als "Versuchskaninchen" für neue Medikamente dienen - mit oft unwägbaren Risiken - und dass es tatsächlich einige Präparat-Zulassungen gab, bei denen tödliche Nebenwirkungen bewusst verschwiegen sowie Gutachten gefälscht wurden, um ein einträgliches Medikament auf den Markt bringen zu können.


ZDF: Hat "Lautlose Morde" eine Botschaft für die Zuschauer?



Schubert: Deutschland belegt beim Medikamenten-Verbrauch weltweit einen Top- Platz. Ich möchte bei Patienten das Bewusstsein für das schärfen, was sie einnehmen, aber auch die Tücken der Medikamenten-Entwicklung aufzeigen, ohne auf eine notwendige Industrie mit dem Finger zu zeigen.


ZDF: Diente Ihnen für die Handlung ein konkreter Fall als Vorbild?
Schubert: Nein, aber ich habe Figuren eingebaut, die es tatsächlich gibt. Zum Beispiel Roland Sturm, der für Andreas Mersfeld in der Branche recherchiert und entdeckt, dass ein Pharma-Untersuchungs-Institut "gekauft" wurde. Den Experten gibt es tatsächlich: Dr. Gerd Antes. Sein Freiburger "Cochrane-Zentrum" ist ein internationales, von der Pharma-Industrie unabhängiges Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, das Patienten und Mediziner über die Effektivität sowie über die Nebenwirkungen von Medikamenten aufklären will. Dr. Antes war ein sehr wichtiger Berater für diesen Film.


ZDF: Wer außerdem?


Schubert: Ein Top-Investmentbanker von einer der weltweit größten Banken, der die Vorgänge bei Konzernverkäufen im Pharmabereich bestens kennt. Zudem durfte ich mich selbst zu Recherche-Zwecken in einer geschlossenen Abteilung umsehen. Dabei lernte ich auch eine Patientin kennen, wie sie ebenfalls in "Lautlose Morde" zu sehen ist: eine auf den ersten Blick völlig normale Frau Anfang 50, die irgendwann erzählte, dass sie "Frau Gott" ist - und davon überzeugt ist, Wunder vollbringen zu können.


ZDF: Haben Sie auch Fälle kennen gelernt, bei denen Menschen nur weggesperrt werden, nur weil sie - wie hier im Film - zu viel wissen und manchen Leuten oder gewissen wirtschaftlichen Interessen gefährlich werden könnten?


Schubert: Persönlich nicht, aber es gibt wahrscheinlich in Deutschland mehr Fälle, als man denkt. Experten bestätigten mir: Was in "Lautlose Morde" geschieht, kann passieren. Zwar überprüfen die Gerichte, ob die Unterbringung eines vermeintlich seelenkranken Patienten in einer geschlossenen Klinik wirklich notwendig ist, doch die allerwenigsten Richter sind Psychologen oder Neurologen. Dabei üble Machenschaften aufzudecken und erfolgreich vor Gericht zu bringen, ist schwierig bis unmöglich. Im Zweifelsfall werden Richter verständlicherweise eher dem renommierten Chefarzt glauben als seiner verhaltensauffälligen Ehefrau. Deshalb habe ich genau diese Variante für meine fiktionale Hauptfigur gewählt.
ZDF: Sarah Merlow wird von ihrem Mann, dem Professor, in seiner geschlossenen Klinik gefangen gehalten. Sie ist eine Frau mit vielen Facetten. Welche Eigenschaften waren Ihnen bei dieser Hauptfigur besonders wichtig?


Schubert: Ihr großer Überlebenswillen und die nicht zu bändigende Lebenslust. Sie gehört zu den Grenzgängern, die es in der heutigen Gesellschaft besonders schwer haben. Sarah hat sich aber nie brechen lassen von ihrem einflussreichen und selbst geisteskranken Mann und Chefarzt. Anders als er, der anderen etwas vorspielt, ist Sarah in all ihren Gefühlen authentisch. Eine Rolle, geradezu geschaffen für eine so großartige, spontane und wandelbare Schauspielerin wie Jessica Schwarz.


ZDF: Hatten Sie sie schon im Kopf beim Schreiben des Drehbuchs?



Schubert: Ja, aber da solche Autorenwünsche selten in Erfüllung gehen, spukten mir ein, zwei weitere mögliche Hauptdarstellerinnen im Kopf herum.



ZDF: Und wie war es bei der Besetzung von Fritz Karl?



Schubert: Einen Investmentbanker zu spielen, der sich - nachdem er erst seinen Sohn, dann auch noch seine Frau verliert - trotzdem immer unter Kontrolle haben muss, ist schwer. Die Gefühlsmauer, die er um sich herum aufgebaut hat, wird langsam brüchig. Schließlich befreit sich dieser Mann sogar von seinem beruflichen "Panzer". Diese Figurenentwicklung ist Fritz Karl meisterhaft gelungen. Er paart Emotionalität mit professioneller Souveränität, eine gewisse Härte, ohne unsympathisch zu sein. Übrigens: Die Entscheidung, dass unsere Hauptfigur ein Investmentbanker sein soll, hatten wir bereits vor der weltweiten Finanzkrise getroffen.

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