"Ich möchte auch mit ernsten Stoffen unterhalten"

Drehbuchautorin Laila Stieler im Interview

Laila Stieler hat bereits für den Fernsehfilm "Wohin mit Vater" mit Regisseur Tim Trageser und Hauptdarstellerin Anna Loos zusammengearbeitet. Bei ihrem zweiten gemeinsamen Projekt konnte sie das aktuelle Thema in all seiner Tragweite in dieser fruchbaren Konstellation noch tiefer ausloten.

Herr Kaiser (Peter Pauli), Frau Mohn (Christina Große), Drea (Anna Loos)
Herr Kaiser (Peter Pauli), Frau Mohn (Christina Große), Drea (Anna Loos) Quelle: ZDF


ZDF: Wie kam es zum Buch für "Die Lehrerin"?


Laila Stieler: Die Idee kam vom ZDF, von Reinhold Elschot und Pit Rampelt. Sie wollten eine Geschichte erzählen über eine Kommissarin, die versucht, einen Amoklauf zu verhindern. Ich war nicht so richtig überzeugt davon, aber in ihrem Vorschlag gefiel mir eine Figur, eine Lehrerin. Da habe ich gesagt, über eine Lehrerin würde ich gerne einmal etwas schreiben. Und freundlicherweise haben die beiden gesagt: Dann machen sie mal.

Ich habe mir das deswegen vorstellen können, weil ich Lehrerinnen so selten repräsentiert finde im Fernsehen, jedenfalls selten so, wie ich sie erlebe. Und auch gesellschaftlich sind sie nicht so angesehen, wie sie es verdient hätten. Gemessen an dem, was sie für die Gesellschaft wegschleppen. Und dann habe ich angefangen zu recherchieren. Zwei meiner Freundinnen sind Lehrerinnen und haben mich mit Rat und Tat unterstützt und an ihrem Schulalltag teilnehmen lassen.

Dann las ich ein Buch über den Amoklauf in Erfurt. Da war sehr eindringlich beschrieben, wie der Tag jedes Lehrers abgelaufen ist. Wie sie sich vorbereitet, wie sie morgens Kaffee getrunken, sich mit ihrer Familie oder Freunden für den Abend verabredet haben, wie sie schließlich losziehen und unterrichten - und dann geht die Tür auf und dieser Typ kommt rein und knallt sie einfach ab. Und das ist mir so nahe gegangen, dass ich gedacht habe, du kommst an dem Thema doch nicht vorbei. Das gehört irgendwie dazu. Gewalt spielt im Alltag von Lehrern ja durchaus eine Rolle und ein Amoklauf ist eine sehr extreme Form von Gewalt.



ZDF: Der Schüler, der schießt, spielt im Film keine Hauptrolle. Worauf liegt der Fokus?



Stieler: Der Alltag an einer Schule, das ist der Boden, aus dem die Filmhandlung wächst. Täter stehen ja sehr oft im Mittelpunkt, sei es in den Medien oder auch in fiktiven Geschichten. Im Gegensatz zu den Opfern. Deshalb habe ich die Rekonstruktion einer Tat und eines Täterprofils bewusst weggelassen, ausgeblendet. Weil mich tatsächlich hier mehr interessiert hat, wie Lehrer und Schüler wieder in den Alltag zurückfinden. Oft erscheint uns der Alltag ja als etwas eher graues, Beliebiges. Hier aber wird genau dieser Alltag auf einmal etwas Erstrebenswertes.


ZDF: Es kommt einem so vor, als wäre die Rolle der Drea Anna Loos sozusagen auf den Leib geschrieben. War es so?


Stieler: Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich habe beim Schreiben nicht an Anna gedacht, eher an meine Freundinnen oder an die Lehrer, die ich bei meiner Recherche kennengelernt habe. Allerdings, als dann die Frage der Besetzung anstand, da erschien der Name Anna Loos sofort auf dem Plan. Nicht nur, weil ich mit Anna Loos schon zusammengearbeitet hatte ("Wohin mit Vater?"), sondern weil Anna diese ganz besondere Kraft mitbringt, die diese Lehrerin braucht. Nur, dass die Figur Drea so verschlossen ist, bis zur Unfreundlichkeit zurückgenommen. Und Anna ist ja sehr freundlich und offen. Aber das Ergebnis spricht für sich, besser für Anna Loos.


ZDF: Bleiben wir beim Team. Autorin Stieler, Schauspielerin Loos und Regisseur Trageser gab es schon beim erwähnten "Wohin mit Vater?" Wie wichtig ist für Sie eine solche Teamkonstellation?


Stieler: Na ja, beim zweiten Mal ist man immer besser. Nach dem ersten Mal weiß man, ob es überhaupt geht, ob es gut passt. Und das ist ja auch schon ein Glück. Beim zweiten Film fühlten wir uns sicherer miteinander, konnten mehr fordern, mehr aus uns herausholen. Das ist schon toll.


ZDF: Ihre Stoffe sind in der Gegenwart angesiedelt, in der Lebenswirklichkeit gewissermaßen, ganz gleich, ob Tragödie oder Komödie. Keine Lust auf künstliche Welten?


Stieler: Ach, ich habe schon gerne auch unterhaltsame Stoffe. Gerade schreibe ich an einer Komödie über zwei ältere Leute, die von der Stadt aufs Land ziehen anlässlich ihres erreichten Rentenalters, von Frankfurt am Main nach Mecklenburg-Vorpommern. Aber ja, auch das ist jetzt nicht so weit weg vom Leben. Ein Credo von mir ist, dass ich auch mit ernsten Themen unterhalten möchte. Das alltägliche Leben hat mich schon immer interessiert, vielleicht auch eine Prägung. Meine Eltern sind Dokumentarfilmer und ich saß schon als Kindergartenkind auf der Leipziger Dokfilmwoche und habe mir Filme über britische Minenarbeiter oder Befreiungsbewegungen in was weiß ich für Ländern angeschaut - und fand das wahnsinnig langweilig damals. Aber die Bilder sind mir immer noch im Kopf, es waren offenbar bleibende Eindrücke.


ZDF: Kind ist ein gutes Stichwort. Kinder spielen in "Die Lehrerin" eine wichtige Rolle. Es kommt ja in der Filmbranche nicht so häufig vor, dass man mit 13- und 14-jährigen Kindern dreht. Auch selten mit so vielen, wenngleich natürlich einige Rollen herausgehobener sind. Wie konnte das gelingen?


Stieler: Ich beginne mal beim Schreiben. Da schreibst Du die Klasse und dann die fünf größeren Rollen. Im Hinterkopf hast Du, es wird Statisten geben und einige größere Sprechrollen. Und ich hatte aus gutem Grund das Buch über 13-, 14-jährige geschrieben, weil mich dieses Alter, diese Zeit zwischen Kind und Erwachsenem sehr interessiert hat. Ich fand es wichtig, dass die Darsteller den Amoklauf noch eher auf eine intuitive Art und Weise wegstecken können. Größere Kinder sind da schon reflektierter, stellen sich schon Sinnfragen. Kleinere kannst Du mit einem Schulgarten da noch eher kriegen.

Aber dann kommt die filmische Praxis, in der dann eher mit Jugendlichen ab 16 gearbeitet wird, weil sie 2 Stunden mehr am Tag drehen dürfen, als die zwei, drei Jahre jüngeren. Das ist einfach eine Kostenfrage.

Das große Glück für den Film war dann, dass der Produzent Wolfgang Cimera gesagt hat: Wir machen das mit den jüngeren Kindern, weil das realistisch werden soll. Die Schauspielerkinder waren bald gefunden und für die Schulklasse hat Produktionsleiter Peter Hartwig eine Klasse am Filmgymnasium Babelsberg in dem entsprechenden Alter gefunden, die eben als Klasse für den Film zur Verfügung stand. Das war wunderbar.

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