"Ich musste mich nicht lange überzeugen lassen"

Interview mit Jorgo Papavassiliou

"Mörderischer Besuch" ist die erste Regiearbeit von Jorgo Papavassiliou für das ZDF. Der gebürtige Grieche hatte bei den Dreharbeiten in Jerusalem - und besonders in der Altstadt - besondere Herausforderungen zu bewältigen, da nur an bestimmten Plätzen gefilmt werden konnte, um die Produktion nicht zu gefährden. Im Gespräch mit dem ZDF berichtet er über seine Dreherfahrungen.


ZDF: Hat Sie die Verfilmung des Batya Gur-Romans "Das Lied der Könige" von Anfang an gereizt? Was hat Sie davon überzeugt, die Regie zu übernehmen?


Jorgo Papavassiliou: Ich musste mich nicht lange überzeugen lassen, die Regie für diesen Film zu übernehmen. Im Prinzip habe ich blind zugesagt. Erstens fand ich die Verfilmung des ersten Batya Gur-Romans von Peter Keglevic ausgesprochen gelungen, zweitens verstehe ich mich mit dem Produzenten des Filmes, Hermann Kirchmann, und der betreuenden Produktion, Filmpool, sehr gut und drittens war es längst Zeit, einen Film für das ZDF zu drehen. Ich bin froh und glücklich, dass es schließlich nach knapp elf Jahren Karriere geklappt hat. Als ich schließlich den Roman und das Drehbuch las und mich kurze Zeit später mit dem sehr intelligenten und filmbegeisterten betreuenden ZDF-Redakteur Günther van Endert traf, war ich Feuer und Flamme für das Projekt.


ZDF: Zu Beginn des Krimis wird das Oberhaupt einer bekannten Musikerfamilie ermordet. Was ist das Besondere an den Figuren und ihren Motiven?
Papavassiliou: Der Roman und das Drehbuch bieten sehr viel mehr als lediglich einen Mord innerhalb einer bekannten israelischen Musikerfamilie. Der Originaltitel des Romans heißt "Das Lied der Könige". Wen meint die israelische Autorin jüdischen Glaubens damit? Sicherlich die drei jüdischen Könige aus der Thora beziehungsweise aus dem Alten Testament: Saul, David, Salomon. Saul, der kriegerische Eroberer, der sich sogar gegen seinen eigenen Gott versündigt (versucht er doch, David umbringen zu lassen), David, der listige, intelligente König der Juden, der mit den Feinden auch Frieden schloss und Salomon, die Inkarnation der Weisheit und Klugheit, unter dem das jüdische Volk seine beste Zeit hatte. Wer der drei Kinder des ermordeten "Übervaters" Felix van Gelden (Gott?) repräsentiert metaphorisch und archetypisch welchen König? Und warum?

Ich habe versucht, diesen Fragen und dieser Stoffqualität mit meiner Inszenierung gerecht zu werden. Bei all diesen Aspekten - gepaart mit einem sehr intelligenten und spannenden Krimiplot, einer hochemotionalen Dramatik und einem exzellenten Cast - war mir klar, dass ich ein kleines "Krimijuwel" in den Händen halte. Was will ein Regisseur mehr?




ZDF: Sie haben bereits in verschiedenen Ländern gedreht. Wie empfanden Sie die Dreharbeiten in Israel? Gibt es gravierende Unterschiede im Vergleich zu einem Dreh in Deutschland?


Papavassiliou: Ich habe in der Tat in sehr vielen verschiedenen Ländern bereits gedreht, und überall gibt es Vor- und Nachteile. Da ich aufgrund meiner griechischen Wurzeln mit der abendländischen wie auch mit der morgenländischen Kultur vertraut bin, war es für mich nicht besonders schwierig, in Israel einen Film zu drehen. Wir hatten ein gemischt deutsches, israelisches und arabisches Team zur Verfügung. Anfänglich gab es gewisse Schwierigkeiten, die sich aber von Tag zu Tag legten. Die ausgesprochen professionell agierende israelische Serviceproduktion hatte für jedes Problem eine Lösung. Darüber hinaus agierten die meisten israelischen Crewmitglieder sehr kompetent. Und wenn man Arabern jeden Tag mit Respekt und einem "Selaam u' aleikum" begegnet, werden einem alle Wünsche erfüllt. Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Drehbedingungen in Israel sicherlich nicht so optimal und organisatorisch perfekt ablaufen wie in Deutschland. Dafür versteht es diese Kultur im Orient jedoch weitaus besser, mit Improvisation und Cleverness Probleme schnell zu lösen!


ZDF: Sie drehten viele der Szenen, die eigentlich in Jerusalem spielen, in Jaffa bei Tel Aviv. Wäre es schwieriger gewesen, in der heiligen Stadt zu drehen?


Papavassiliou: Sicherlich wäre es schwieriger gewesen, in der heiligen Stadt Jerusalem zu drehen. Jerusalem ist in jeglicher Hinsicht eine Stadt im kulturellen, religiösen und politischen Ausnahmezustand. Während man in Tel Aviv das Gefühl hat, sich in einer Stadt wie Thessaloniki oder Nicosia aufzuhalten - mitsamt ihrer europäischen Vor- und Nachteile - und man in Jaffa den Eindruck bekommt, sich in einer "stinknormalen", aber auch pulsierenden arabischen Stadt aufzuhalten, spürt man in Jerusalem bereits an der Stadtgrenze, dass hier alles anders ist als im Rest der Welt. Ich persönlich hatte den Eindruck, dass ich in einem anderen Land bin.

Hätten wir den Film überwiegend in Jerusalem gedreht, hätten wir drei bis vier Drehtage mehr mit den entsprechenden Mehrkosten generiert. Ganz zu schweigen vom Mehraufwand an Personal, Sicherheit und Überstunden. Jerusalem ist zwar aufregender, an historischer Vielfalt und Bedeutung über jeden Zweifel erhaben, aber auch lauter, enger und auch unberechenbarer als Tel Aviv und Jaffa. So musste zum Beispiel an einem der Drehtage in Jerusalem unser Dreh in der Nähe der Klagemauer für zwei Stunden unterbrochen werden, weil ein japanischer Tourist seinen Kamerakoffer auf einer Sitzbank vergaß. Das Gebiet musste weiträumig abgesperrt werden und Sprengstoffspezialisten "entschärften" schließlich den Kamerakoffer.


ZDF: Wie haben Sie die Zusammenarbeit in dem binationalen Team mit deutschen und israelischen Schauspielern und Crewmitgliedern empfunden? Papavassiliou: Ich persönlich profitiere vom einem gemischtnationalen Team und Cast. Ich versuche immer, die Vorteile in diesen Beziehungen zu sehen und diese auch zu nutzen. Man lernt in solchen Konstellationen menschlich immer dazu, und man schließt neue Freundschaften - sowohl in privater wie auch professioneller Hinsicht. Die Schauspieler in Israel agieren in ihrer Art sicherlich etwas anders als der "angelsächsische" Stil, der in Deutschland prägend ist. Weniger verkopft, mehr körperlich, dafür jedoch nicht so präzise und differenziert wie ihre - meist hervorragend ausgebildeten - deutschen Pendants. Unterm Strich zeugte die Zusammenstellung des Teams und des Casts von einem "glücklichen Händchen". Alle haben voneinander profitiert und ihre Performances gegenseitig gesteigert.


ZDF: Sie haben jetzt bereits zum zweiten Mal mit Heiner Lauterbach zusammengearbeitet. Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit ihm?


Papavassiliou: Im Prinzip ist es so, dass wenn der Set-Aufnahmeleiter Heiner zur Probe auffordern will, dieser bereits hinter einem steht und auf den Input des Regisseurs wartet. Ich kenne wenige Schauspieler, die so konzentriert, professionell und überaus respektvoll-freundlich agieren wie Heiner Lauterbach. Darüber hinaus ist er stets "auf den Punkt" immer perfekt vorbereitet, mit intelligentem Input und Ideen beseelt, dabei jedoch immer offen für Anregungen und auch Kritik seitens des Regisseurs.

Zum Ende der Dreharbeiten musste ich meine Script-Continuity fragen, ob sich Heiner in diesen 23 Drehtagen jemals versprochen hatte. Die Antwort war: Nein. Was mir jedoch aus künstlerisch-inszenatorischer Sicht eines Regisseurs besonders an Heiner gefällt, ist die Tatsache, dass er spielt ohne zu spielen. Heiner ist immer die Rolle, die er verkörpert, er versucht nicht, diese zu spielen. Das macht ihn authentisch. In diesem unserem Film ebenfalls. Ich würde mich über weitere Projekte mit ihm, mit dem ZDF und dem Produzenten sehr freuen!

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